Activity Based Working
David Uhde von Reinvent. Foto: Kristijan Golesic
Interview über Activity Based Working

David Uhde

David Uhde, Geschäftsführer von Reinvent und Professor an der FOM Hochschule für Ökologie und Management, über den positiven Einfluss von Multispace-Bürowelten auf die Innovationskraft von Organisationen.

Interview Gabriele Benitz

Activity Based Working ist ein feststehender Begriff für „Tätigkeitsorientiertes Arbeiten“. Damit beschäftigen Sie sich auch in Ihrer aktuellen Studie. Welchen Einfluss hat das auf die Innovationskraft von Unternehmen?

David Uhde: Darauf hat Activity Based Working einen positiven Einfluss. Ich lege in meiner Forschungsarbeit fünf Komponenten zugrunde, an denen sich Innovationsfähigkeit ablesen lässt: Das sind die Dimensionen „Kreativität“, „Proaktivität“, „Zukunftsorientierung“, „Risikobereitschaft“ und „Offenheit für Wandel“.

Was verstehen Sie unter den einzelnen Begriffen?

David Uhde: Kreativität bedeutet, in phantasievoller und gestaltender Weise zu denken und zu handeln. Proaktivität meint, ein Geschehen selbstbestimmend und eine Situation herbeiführend zu entwickeln. Unter Zukunftsorientierung verstehe ich, sich gegenüber der Zukunft zu positionieren. Risikobereitschaft bezieht sich auf mögliche Gewinne oder Verluste einer Handlung. Offenheit für den Wandel bezieht sich darauf, wie flexibel und anpassungsfähig Organisationen auf neue Ideen und Veränderungen reagieren.

In Ihrer Untersuchung gehen Sie der Frage nach, ob Multispace-Bürowelten die Innovationskraft von Unternehmen positiv beeinflussen. Welche Ergebnisse zeigt die Studie?

David Uhde: Ich habe erste positive Ergebnisse vorliegen. Dazu wurden innerhalb von zehn Wochen Personen aus über 100 Unternehmen befragt. Es lässt sich bereits ein Trend ablesen: Wenn die Beschäftigten unterschiedliche Arbeitsweisen in dafür passenden Räumlichkeiten praktizieren können, schätzen sie die Innovationskraft des Unternehmens deutlich höher ein, als wenn sie in herkömmlichen Büros arbeiten. Das zeigt sich über alle der fünf genannten Dimensionen hinweg. Generell gilt dabei: Innovationsfähigkeit ist lern- und förderbar und trägt maßgeblich zum Unternehmenserfolg bei.

Was bedeuten die Studienergebnisse für Unternehmen?

David Uhde: Heutzutage spielt die Innovationsfähigkeit für viele Organisationen eine maßgebliche Rolle. Deutsche Unternehmen geben rund 150 Milliarden Euro pro Jahr für Innovationen aus. Leider scheitern 96 Prozent der Neuproduktentwicklungen oder erreichen ihr wirtschaftliches Ziel nicht. Daher besteht ein großer Handlungsbedarf, die eigene Innovationsfähigkeit zu messen und sie zu hinterfragen.

An dieser Stelle tun sich allerdings viele Unternehmen schwer. Häufig ziehen sie als Indikatoren zum Beispiel die Zahl der Neuproduktentwicklungen oder gelaunchten Produkte beziehungsweise Forschungs- und Entwicklungsausgaben heran. Ich empfehle jedoch, die genannten Dimensionen der Innovationsfähigkeit zu nutzen und daraus Erkenntnisse abzuleiten.

Die Idee des Activity Based Working reklamieren auch Büromöbelhersteller und Beratungsunternehmen für sich. Wodurch unterscheidet sich Ihr Verständnis von Activity Based Working?

David Uhde: Ich fange bei den einzelnen Mitarbeitern an, denn ich möchte verstehen, welchen Arbeitstyp sie verkörpern und welche Präferenzen sie hinsichtlich ihrer Arbeitsumwelt haben. Erst wenn wir die Arbeitsweisen verstehen, können wir die Büroflächen bestmöglich an die Bedürfnisse der Mitarbeiter anpassen. Anschließend ist es von großer Bedeutung, zu den Arbeitsweisen passende Office-Module zu konzipieren und im Unternehmen zu implementieren.

Das heißt, es gibt nicht nur den Top-down-Prozess, bei dem das Management bestimmt, wie gearbeitet wird?

David Uhde: Genau. Grundsätzlich gibt es meines Erachtens neben der Top-down-Strategie immer auch die Möglichkeit für eine Bottom-Up-Strategie, also die Befragung aller Mitarbeiter nach ihren Arbeitsweisen. Wichtig ist dabei jedoch, dass die Führungskräfte zunächst das Zielbild des Unternehmens definieren. Wo wollen wir in fünf bis zehn Jahren stehen? Wie in Zukunft arbeiten?

Maßgeblich sind auch der Fit des Zielbilds mit der Unternehmenskultur und das Thema Leadership. Nach der Festlegung des Zielbilds können alle Mitarbeiter ins Boot geholt und zu ihren Arbeitsweisen befragt werden. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt darin, dass man durch die Befragung aller Beschäftigten ein viel genaueres Bild zu den Arbeitsweisen im Unternehmen bekommt und passende Module für Activity Based Working entwickeln kann.

Viele Unternehmen haben sich schnellere und bessere Innovationen vorgenommen. Wie lässt sich das erreichen?

David Uhde: Mithilfe der genannten Dimensionen. Hilfreich ist ein von uns entwickelter Benchmarking-Index, mit dem sich Unternehmen mit anderen ihrer Branche oder Größe vergleichen und Handlungsempfehlungen ableiten können. Ich arbeite seit anderthalb Jahren an diesem Index, der unter anderem Zukunftsfähigkeit, Leadership und Culture misst.

Können Sie ein Beispiel für einen erfolgreichen Innovationsprozess aus Ihrer Arbeit bei Reinvent nennen?

David Uhde: Bei Reinvent beschäftigen wir uns mit der Digitalisierung der Immobilienwirtschaft. Wir entwickeln Softwarelösungen für die Baubranche – für den gesamten Projektlebenszyklus. Bisher hat die Baubranche noch keine Disruption erlebt. Wir arbeiten viel mit Bauträgern und Projektentwicklern zusammen, die wir zunächst von den Mehrwerten der Digitalisierung überzeugen müssen. Dabei geht es um deren Zugang zu Technologien zum Kommunizieren, Zusammenarbeiten und Datenaustausch.

Ich messe und nutze im Zuge dessen beispielsweise die Dimensionen der Innovationsfähigkeit bei Bauträgern, um ihnen den Status-Quo aufzuzeigen und anschließend bei der Verbesserung der Innovationsfähigkeit zu helfen. Dieser Innovationsprozess zahlt sich aus, denn Daten belegen, dass sich durch die Integration digitaler Lösungen bis zu 30 Prozent der Baukosten einsparen lassen.


David Uhde zählt zu den Referenten der Kongressreihe II „Wirksame Büro- und Arbeitswelten“, die in der Designfunktion Lounge auf der Orgatec in der Passage zwischen Halle 10 und 11 (P013) ihren Abschluss findet. Er ist Geschäftsführer des Software- und Innovationsunternehmens Reinvent Innovation GmbH, das sich auf die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft fokussiert. Der Betriebswirt arbeitet zudem als Hochschullehrer an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management.