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Innenarchitektur und Farbe in zwei Welten: Indien und Deutschland

Innenarchitektur und Farbe in Indien und Deutschland
Poonam Choudhry

Poonam Choudhry ist zwischen zwei Welten aufgewachsen: Indien und Deutschland. Doch wie unterscheidet sich die Innenarchitektur – und welche überraschenden Gemeinsamkeiten hat sie?

Autorin: Poonam Choudhry

Wir umgeben uns mit bestimmten Farben, die uns bewusst und unbewusst seit unserer Kindheit und während unseres Lebens in einem oder mehreren Ländern prägen. „Die kulturelle Identität ist das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einem bestimmten kulturellen Kollektiv“, definiert Wikipedia.

Zwischen zwei Welten – Indien und Deutschland – aufgewachsen zu sein, hat mich geprägt. Bis heute reise ich regelmäßig an meinen Geburtsort Neu Delhi. Immer, wenn ich zurück in Deutschland aus dem Flieger steige, fallen mir die Nichtfarben auf. Grau das Wetter, weiß die Häuser, schwarz die Kleidung. Auch im Innenraum zeigen sich starke Unterschiede zwischen Deutschland und Indien.

Farbgestaltung

Welche Farben assoziieren Sie mit Indien? Wahrscheinlich denken Sie sofort an Gewürze. Safrangelb, Magenta, Indigo: Indien ist geprägt von seiner Farbigkeit, die ihren Ursprung im Religiösen und Kulinarischen hat. Farben sprechen nicht nur das Auge, sondern auch weitere Sinne an. Je mehr ich über sie forsche, desto mehr fasziniert mich ihre Geschichte, die neben der Entdeckung der Farbstoffe und deren Herstellung stark mit der Symbolik aus Ritualen, Traditionen und Religionen eines Landes zusammenhängen.

Indien ist der Bezug zur Tradition ist wichtig, wie beispielsweise an der Fassade eines Chemiekonzerns in Vadodara. Der Entwurf des Gebäudes stammt aus der Feder von pbb Landscape Architects, Ahmedabad. Die von dem Künstler Walter D’Souza gestaltete Fassade zeigt ein Relief des heimischen Banyan-Baums.

Ein besondere Rolle spielt die Nichtfarbe Weiß. Weiß steht für die Reinheit in der westlichen Welt, in Indien steht es für die Trauer. Dennoch kommt es in beiden Hemisphären häufig im Innenraum zum Einsatz. In Kombination mit anderen Farben kann Weiß diese leuchtender erscheinen lassen, verstärken oder abschwächen. In Kombination mit Gold wirkt es prachtvoll. Wo sich westliche Innenarchitektur jedoch durch monochrome Farbpaletten auszeichnet, arbeiten indische Gestalter mit vielen, starken Farbakzenten.

Stolzes Handwerk

Inder lieben es, Handwerksfertigkeiten in Form von Holzmöbeln, Textilien und Teppichen auszustellen. Studierte Designer und Architekten transformieren heute die traditionellen Fertigungsmethoden in modernes Design. Dabei wird das ausgeprägte Bewusstsein für die eigenen Wurzeln mehr denn je gefördert.

Ergänzend zu Handwerksstücken und den damit verbundenen Naturtönen finden sich starke, leuchtende Farben in Textilien und Accessoires im Haus wieder. Selbst in den prächtigen Havelis – palastartige Wohnhäuser, die zu gehobenen Hotels umgestaltet wurden – wird das barockartige Interior gepflegt. Doch ähnlich wie in Deutschland gilt: Je reicher die Schicht, desto zurückhaltender ist man beim Thema Farbgestaltung.

Es geht um Ausgewogenheit. In Indien herrscht eine gute Balance und Symmetrie. Die Bewegungen in den traditionellen Tänzen wie Bharata Natyam und Kathak sind darauf aufgebaut, genauso wie die Muster auf Textilien.

Bauhaus-Schule

Obwohl sich Indien und Deutschland hinsichtlich Handwerkstradition und Farbgestaltung stark unterscheiden, pflegen beide eine gemeinsame Gestaltungschule: das Bauhaus. Die deutsche Formensprache verkörpert förmlich das Dogma „Weniger ist mehr“.

Bei meinem Textilstudium an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste habe ich gelernt, minimalistisch zu entwerfen. Doch auch indische Gestaltung ist von der Bauhaus-Schule geprägt. Die erste Design- und Architekturhochschule (NID; Ahmedabad, 1961) wurde mit Lehrenden besetzt, die an der HFG Ulm studiert und unmittelbar die Bauhaus-Philosophie erfahren haben. Der damalige Premierminister Nehru forcierte die Moderne, indem er die westliche Ästhetik nach Indien importierte.

Architektur, Innenarchitektur und Produktdesign verschmelzen in Indien stärker als in Deutschland. Innenarchitekten sind dort hochgeschätzte Gestalter, weil sie ganzheitlich gestalten. Indische Formen nehmen oft Bezug zur Natur. Solch poetische Gestaltung zeigt sich beispielsweise am Leaf House, das SJK Architects aus Mumbai für eine Familie entworfen haben. Die Betondächer sind in Form von Blättern gestaltet, Glaswände geben den Blick zum Swimmingpool frei.

Gestaltungstradition

Das Bauhaus ist nicht die einzige Lehre, die indische Innenarchitekten prägt. Ähnlich der Harmonielehre aus China, dem Feng Shui, gibt es das Vaastu Shastra. Vaastu bedeutet im weitesten Sinne „Wohnen“, Shastra übersetzt man mit „Lehre“: Die Lehre vom gesunden Wohnen. Die Ausrichtung der Innenräume orientiert sich an den Himmelsrichtungen, um positiven Einfluss auf den Menschen zu nehmen. Die Regeln definieren, wie sich Formen, Flächen, Gewicht, Farbe, Material zu harmonischen Räumen zusammenfügen. Es gibt Bauherren, denen das auch heute noch wichtig ist und die sich nach dieser Lehre ihre Wohnräume planen lassen.

Gebaute Heimat

In einer global lebenden Welt erwacht das Bewusstsein für die heimische Ästhetik. Kulturelle Identität ist jedem Menschen wichtig – und in der Innenarchitektur und Architektur findet sie ihren Ausdruck. Typische Formen, Farben und Werkstoffe zeigen den Bezug zur Geschichte, zur eigenen Kultur und stellen zugleich die Offenheit für Einflüsse aus aller Welt dar. Es scheint wichtig, mittels der Innenarchitektur die eigene Haltung und Vorliebe zu zeigen. Der Mensch sollte sich letztendlich in seiner Umgebung wohlfühlen und sie gemäß seiner Vorlieben, Neigungen und Herkunft gestalten.


Poonam Choudhry

Die Autorin ist Textildesignerin und entwirft mit ihrem interdisziplinären Studio poonamdesigners Farb- und Materialkonzepte, Produkt-, Interiordesign und Installationen. Poonam Choudhry (Jg. 1965) ist in Indien geboren und in Deutschland aufgewachsen. 2016 gründete sie mit ihrem Partner, Martin Bargiel, Diplom-Designer und Lehrender, die internationale Plattform CreativeDays Stuttgart. Damit fördert sie den interdisziplinären Austausch in Design, Arts, Architecture, Urbanism.

Seit 2013 lehrt Poonam Choudhry regelmäßig an Hochschulen – z. B. HFG Schwäbisch Gmünd und Hochschule München, Fakultät Design – über interdisziplinäres Design und Räume in den Fachbereichen Architektur und Städtebau.

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