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Made in Germany: zwischen Manufaktur und Industrie

Bette, FSB und Cor über ihre Arbeit zwischen Manufaktur und Industrie
Zwischen Manufaktur und Industrie

Deutsche Manufakturen behaupten sich trotz Copycats, Fachkräftemangel und hoher Lohnkosten. In diesem Longread geben die Designfirmen Bette, Cor und FSB Einblick in ihre Erfolgsrezepte.

Autorin: Johanna Neves Pimenta

Was die Industrialisierung angeht, war Ostwestfalen Spätzünder, erst Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Industrie Fahrt auf. Heute ist die Region jedoch Heimat gleich dreier deutscher Designvorbilder: Polstermöbel von Cor Sitzmöbel Helmut Lübke GmbH & Co. KG, Sanitärobjekte aus Stahlemaille von Bette GmbH & Co. KG und Türgriffe von Franz Schneider Brakel GmbH + Co KG (FSB). So unterschiedlich die Metiers, so gemeinsam das Bekenntnis zu handwerklicher Fertigung – und zum Produktionsstandort Deutschland.

Im Hochlohnland behaupten

Alle drei Unternehmen unterstreichen, wie wichtig die Marke ist, um trotz hohen handwerklichen Arbeitsanteils im Hochlohnland Deutschland konkurrenzfähig zu bleiben. „Mit Marken verbindet der Kunde Vertrauen, Sicherheit, Zuverlässigkeit, Langlebigkeit und das gute Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben“, sagt Karin Padinger, Bereichsleitung Marketing und Design bei FSB. Trotzdem befinden sich deutsche Manufakturen im Preiskampf, insbesondere mit Nachahmern. Unnachahmbar ist jedoch die Qualität, die die Hersteller mit Produktgarantien verbürgen.

„Allein hochwertiger Schaum für ein Sofa kann zwischen 200 und 300 Euro kosten.“

Das zahlt sich aus, wie Christian Erpenbeck, Leiter der Produktentwicklung und Produktmanagement bei Cor, spiegelt. „Uns ist bewusst, dass unsere Möbel etwas teurer sein müssen. Wir produzieren vollstufig am Standort in Rheda-Wiedenbrück und verwenden nur hochwertige Materialien.“ So kann allein hochwertiger Schaum für ein Sofa zwischen 200 und 300 Euro kosten.

„Eine hauseigene Manufaktur macht Sonderanfertigung zur Leichtigkeit.“

Bette wiederum hat sein Glück „in der Nische gefunden“, wie es Sven Rensinghoff beschreibt. Der Leiter Marketing und Produktmanagement stellt fest, dass Bette unter den seriellen Herstellern von Badewannen, Duschtassen und Waschtischen aus Stahlemaille zu den spezialisiertesten Anbietern gehört. Durch die hauseigene Manufaktur sind Sonderanfertigungen ein Leichtes: „Das Produkt sollte sich an die Architektur anpassen, nicht andersherum.“ So kann sich auch der Preis behaupten.

„Moderne Technologien wie Rapid Prototyping verkürzen Entwicklungsprozesse.“

Bei allen drei Firmen beeinflussen die lokalen Produktionsmöglichkeiten natürlich auch den Entwurfsprozess. Bei FSB beispielsweise sitzen bei den Projekten von vornherein Fachkompetenzen aus allen Bereichen am Tisch: „So sind wir schnell in unseren Entscheidungsprozessen“, sagt Padinger. Moderne Technologien wie Rapid Prototyping verkürzen den Entwicklungsprozess zusätzlich.

Fachübergreifend Entwerfen

Cor wiederum hat eine eigene Entwicklungsabteilung mit Konstrukteuren, Näherinnen, Tischlern und Polsterern. Die Entwürfe stammen jedoch aus Designerhand, oft im wahren Sinne des Wortes: „In der Entwurfsphase laden wir die Designer gerne zu uns ein, damit sie selbst an den Schäumen und Stoffen am Prototyp Veränderungen und Anpassungen vornehmen können“, sagt Erpenbeck.

„Mitunter hilft die hauseigene Manufaktur mit dem entscheidenden kreativen Funken.“

Bei Bette werden die Ideen im Produktmanagement gesammelt und anschließend von externen Designern oder der eigenen Entwicklungsabteilung vorangetrieben. Die hauseigene Manufaktur hilft bei der Ausarbeitung – und mitunter auch mit dem entscheidenden kreativen Funken.

„Der handwerklich gefertigte Prototyp wurde zu einem Detail, das heute in vielen erfolgreichen Produkten steckt.“

Rensinghoff bezeichnet sie darum als Keimzelle und erinnert sich: „Als unser Designer initiierte, den standardmäßig 30 mm breiten Wannenrand schmaler zu machen, sind wir maschinell an 20 mm rangekommen. Dann kam ein Kollege aus der Manufaktur dazu und fragte, warum klappen wir den Rand nicht um?“ Aus dem handwerklich gefertigten Prototypen wurde ein Detail, das heute in allen freistehenden Bette-Badewannen mit Rahmengestell sowie in ausgewählten Einbauwannen und Waschtischen steckt.

Fachkräftemangel

Mit Innovation, Individualität und Qualität können sich deutsche Manufakturen also behaupten. Doch ein Selbstläufer sind sie nicht: Der Fachkräftemangel im Handwerk ist auch in Ostwestfalen zu spüren.

„Ohne das Handwerk geht hochwertige Architektur verloren.“

Alle drei Hersteller bilden darum aus. Aus Überzeugung, wie Padinger unterstreicht: „Ohne das Handwerk geht hochwertige Architektur verloren. Besondere Entwürfe dürfen nicht beliebig werden.“

„Es wird schwerer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden.“

Das findet auch Erpenbeck, und sieht Cor unter Zugzwang: „Obwohl wir selber ausbilden, ist es insbesondere in der Näherei schwer, Nachwuchs und qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Viele Unternehmen in unserem Umfeld verschwinden oder lagern ihre Näherei ins Ausland aus.“ Ins Ausland auszuweichen kommt jedoch nicht in Frage: „Wir haben 220 Mitarbeiter, die hier gut und gerne leben.“

„Die handwerkliche Ausbildung in Deutschland sucht ihresgleichen.“

Auch Rensinghoff winkt im Hinblick auf mögliche Produktionsverlagerungen ab: „Um einen Maschinenpark aufzubauen, wie wir ihn hier haben, ist eine horrende Startinvestition nötig. Hinzu kommt, dass die handwerkliche Ausbildung in Deutschland ihresgleichen sucht.“

Also bleibt alles beim Alten? Einerseits ja: Bette, Cor und FSB verfügen über stolze Maschinenparks und Produktionsanlagen und Ideen gehen nicht aus. Andererseits nein.

Automatisierung

Bette verfügt schon heute über einen voll automatisierten Maschinenpark; letztlich entscheidet die Stückzahlprognose, ob ein Sanitärobjekt in der Manufaktur oder maschinell gefertigt wird. Und das sieht Rensinghoff nicht ehrenrührig: „Maschinelle Fertigung bedeutet Qualitätssteigerung. Die Präzision ist unvergleichbar.“

„Maschinen sind nur so klug, wie die Daten, die sie bekommen.“

So hat Bette auch einen genauen Blick auf die Industrie 4.0, sprich weitere Automatisierung der Prozesse. Aber: „Maschinen sind nur so klug, wie die Daten, die sie bekommen.“ Und das gilt sowohl für serielle Fertigungsprozesse als auch für handwerkliche Arbeitsschritte per se: Der Mensch mit seinen Erfahrungen, Fertigkeiten und seinem Kopf ist ein Erfolgsfaktor.


Bette, Cor und FSB haben unseren Lesern im Rahmen der Architektenreise „ManufakTOUR“ Einblicke in die Produktion gegeben. Hier der Reisebericht »

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