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Die Schönheit des Mülls

Re- und Upcycling als Entwurfsstrategie
Die Schönheit des Mülls

Wie gehen Gestalter im Spannungsfeld von Design, Kunst und Kunsthandwerk mit Abfällen um? Eine Bestandsaufnahme mit Objekten aus unterschiedlichen Kontinenten belegt, dass es einen funktionierenden Markt für Re- und Upcycling gibt.

Autor Thomas Edelmann

Die Idee, mit Design die Welt zu verändern, sie per Gestaltung retten oder ein wenig verbessern zu wollen, wurde oft erprobt und ist vielfach gescheitert. Kein Grund, den alten Plan nicht mit neuer Strategie wieder aufzunehmen.

Bereits der Deutsche Werkbund versuchte es ab 1907, diverse funktionalistische Strömungen probierten es während der Zwanziger- und wieder ab den Fünfzigerjahren, später behauptete die Postmoderne, die Welt durch Rückgriff auf historische Formen heilen zu müssen.

Unter dem Titel „Hartz IV-Möbel“ lebten Vorbilder der Designgeschichte als Vorboten einer DIY-Kultur wieder auf, Lohas strebten nach Nachhaltigkeit, ein Begriff aus der Forstwirtschaft, der inzwischen zu Recht wieder außer Mode geriet. Re- und Upcycling werden zum Thema.

Während manche der gestalterischen Strömungen die Produktkultur auf Dekaden prägten, verpuffen jüngere Versuche, Lebenszyklen von Gegenständen zu verlängern oder ihnen ein Upcycling angedeihen zu lassen weitgehend folgenlos.

Das Problem vieler Vorzeigeprojekte: Sie sind oftmals symbolisch und wirken angesichts der realen Stoffströme des globalisierten Kapitalismus eher unbedarft. Zudem ist das öffentliche Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen alternativer Entwurfsstrategien derzeit nicht gerade ausgeprägt. Auch im grenzenlosen Netz gibt es keinen anwachsenden Wissensschatz zu ökologischen Fragen, aktualisiert unter jeweils veränderten gesellschaftlichen und technologischen Randbedingungen.

Eine Bestandsaufnahme

So erarbeitet sich jede Generation ihre Positionen, Thesen und Idiosynkrasien von neuem. Galten einst Reparaturfähigkeit und Langlebigkeit von Produkten als Grundlagen einer guten Gestaltung sowie als unternehmerische Tugend, so gelten sie heute als Ausweis von mangelhaftem Marketing und veralteter Technik. Vor allem aber fehlt es an gestalterischen Impulsen für die Jetztzeit, die weder in die Retro-Falle tappen, noch die industrielle Produktions- und Verwertungslogik schlicht ignorieren. Kommt da die Wanderausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) „Pure Gold – Upcycled! Upgraded!“ gerade recht?

Beginnend im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (noch bis zum 21. Januar 2018), tourt sie bald durch die Welt. Und global ist auch ihr Anspruch. Das Stuttgarter Institut, 1917 als „Werk des Friedens inmitten des Krieges“ entstanden, gestaltet mit seiner Arbeit die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik der Bundesrepublik mit. Das ifa stellt sein Jubiläumsjahr unter das Motto „Kulturen des Wir“.

Die Ausstellung liefert eine Bestandsaufnahme für eine manufakturelle Produktkultur, die Abfall und Müll, Gegenstände und Überbleibsel der Konsumgesellschaft zum Ausgangsmaterial für Upcycling nimmt. Das hat nichts zu tun mit der Müllverwertung in Ländern der Peripherie, wo Menschen ihre Gesundheit ruinieren, um an vermeintlich wertvolle Bestandteile ausrangierter Konsumgüter zu kommen, indem sie bestimmte andere Stoffe etwa abbrennen. Im Katalog allerdings werden auch solche Beispiele diskutiert. Thema des hier propagierten handwerklichen Ansatzes ist es, mit Vorgefundenem zu operieren, um daraus neue, dekorative und ästhetisch bereichernde Objekte zu schaffen, die achtlos Weggeworfenes in neue Wirtschaftswerte verwandelt.

Leben mit Müll

Auch wenn Designer sie konzipieren und fertigen, zielen sie selten auf industrielle Fertigung oder Serienproduktion ab.

Es sind eher handwerkliche Unikate oder Kleinserien, die so entstehen – in der digitalen Epoche allerdings mit dem Potenzial der weltweiten Vermarktung. Das Projekt „Pure Gold“ besteht aus der physisch erlebbaren Ausstellung, die binnen zehn Jahren durch zwanzig Orte reisen wird – die nächsten Stationen sind Bangkok, Rangun in Myanmar, Hanoi in Vietnam und Manila auf den Philippinen. Die Idee und Durchführung der Ausstellung stammt von Volker Albus.

Seit 1994 lehrt er an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Produktdesign. Bereits fünf Ausstellungen hat er fürs ifa konzipiert und auf ihrer Tour begleitet. Anders als bei den Ausstellungen „bewußt, einfach“ (ab 1998), „Anders als immer“ (ab 2009), „new olds“ (ab 2011) stand Albus diesmal ein Team von Kuratoren zur Seite, die neben seiner europäischen Perspektive den Fokus auf andere Weltgegenden richten.

Adélia Borges aus São Paulo blickt auf Lateinamerika. Objekte aus Nordafrika und Nahost hat Bahia Shehab aus Kairo ausgewählt, das Subsahara-Afrika hat Tapiwa Matsinde von London aus im Fokus.

Für Südasien wählte Divia Patel aus London Entwürfe, für Südostasien Eggarat Wongcharit aus Bangkok und für Ostasien Zhang Jie aus Peking. Die Kuratorinnen und Kuratoren liefern in ihren Katalog-Essays kluge Beobachtungen, wie das Leben mit und gegen den Müll unterschiedliche Gesellschaften prägt. Einzig Nordamerika und Australien fehlen auf der Landkarte der Goldsucher.

Albus hat die ausgewählten Objekte klugerweise nach Materialität und Farbigkeit geordnet, nicht etwa nach Herkunftsregionen. Die Transportkisten der gezeigten Gegenstände, optimiert am Innenmaß des Standardcontainers, dienen als Podeste, die selbst in schwierigen Kontexten – etwa einem Einkaufszentrum oder einem Bürokomplex – für eine räumliche Dramaturgie sorgen.

Ausgestellt wird keineswegs immer im musealen Kontext, meist an Orten abseits der internationalen Kunstmetropolen. Neben der Objektschau gibt es einen „virtuellen Dialograum“ konzipiert von Axel Kufus, seit 2004 Professor für Entwerfen und Entwickeln im Design an der Universität der Künste in Berlin. Axel Kufus wird die Plattform samt Workshops begleiten. Dort sollen Rezepte und Methodenwissen vermittelt werden, die an jeder Ausstellungsstation mit ausgewählten Akteuren der lokalen Designer- und Maker-Szene sowie Universitäten vor Ort erarbeitet und digital publiziert werden.

Interessant an dem Projekt ist, dass es eine Tendenz der ökologischen Produktumformung analysiert und in den Vordergrund rückt, die bislang von moralischen und ideologischen Debatten überlagert wurde. In seinem einleitenden Beitrag zum Katalog unterscheidet Albus zwischen „Substituten“, also Produkten die sich von „ökologisch weniger korrekten“ äußerlich kaum unterscheiden. Ihre Materialien müssen im Wege der Wiederverwertung zunächst in einen „breiigen, flüssigen, pulverförmigen oder faserigen Urzustand rückgeführt werden“, bevor aus ihnen neue, verbesserte Produkte entstehen können.

Upcycling

Dieser „Verbreiung“ stellt Albus Entwürfe gegenüber, die billige Alltagsgegenstände „as found“ verarbeiten.

Ihnen widmet sich „Pure Gold“. Zu sehen sind etwa die gewebten Schalen und Taschen der Handwebermeisterin Waltraud Münzhuber aus München. Sie verwebt dazu alte Tonbänder und Videokassetten.

Oder die Stühle der ‚Katran Collection‘ der Designer Sahil Bagga & Sarthak Sengupta aus Dehli, die farbige Stoffreste, die bei indischen Stoffmühlen als Abfall anfallen, zu Garnen verspinnen, um sie als Bespannung für Sitzmöbel zu nutzen. Designgeschichtlich Bewanderte kennen sicher Stilettos ‚Satellite‘-Nachttisch aus dem Jahr 1986, der die Wäschetrommel aus einem Toplader zu einem technoiden, von innen leuchtenden Objekt umfunktionierte. Mechanik traf auf Hightech, Vorgefundenes auf gewitzt Ergänztes. Lea Kirdikian und Xavier Baghdadi aus Beirut gehen unter dem Namen „Junk Munkez“ andere Wege.

Sie lackieren und besticken ausgediente Wäschetrommeln, die sich mittels Sitzkissen in Hocker namens ‚Knit-Knacks‘ verwandeln, verziert mit unterschiedlichen Ethno-Anklängen.

Wie sich doch Zeiten und Ideale wandeln. Einen Gegenstand, der die These der Aufwertung von Müll durch gestalterische Befassung eindrücklich belegt, muss in der Wanderschau fehlen. Es ist der Kronleuchter ‚Drop‘ des Designers Stuart Haygarth, der aus Hunderten sorgsam gereinigten Plastikflaschenböden besteht, die zu einer tropfenförmigen Gesamtform arrangiert sind.

Das Werk kostet mehrere zehntausend britische Pfund und ist schlicht zu teuer, um es zehn Jahre mit auf Wanderschaft zu nehmen.

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