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Spot on Architecture: Stadthafen Münster. md-mag.com

Spot on Architecture
Stadthafen Münster

Stadthafen Münster
Stadträume leben von unsichtbaren Verbindungen: Die Unterwasser-Installation im Stadthafen wurde erst durch das Begehen „sichtbar“. Foto: Amandus Samsøe Sattler
Die Menschen gingen dieses Jahr in Münster über das Wasser. Eine künstlerische Intervention im Rahmen der Skulptur Projekte Münster ermöglichte die Grenzüberschreitung zum brachliegenden Südufer im Stadthafen Münster.

Das Wasser in der Stadt, in seiner zivilisatorischen Ambivalenz zwischen Möglichkeit und Beschränkung, wirkt trennend und verbindend zugleich. Flussläufe stellen auf unseren politischen Karten oft natürliche Grenzen zwischen den Ländern dar. Wasserwege und von Menschen angelegte Hafenbecken sind immer aber auch schon Ausgangspunkt und Möglichkeit urbaner Entwicklungen. Lange haben sich die Städte an den Interessen der Investoren und der internationalen Wirtschaftsagenda ausgerichtet. Dementsprechend wurden die Hafengebiete der Städte zu monofunktionalen Wirtschaftsstandorten, ausgegrenzt aus dem städtischen Leben, manchmal sogar von Zäunen begrenzt, wie es bis zur kurzem der Fall im Zollhafen in Hamburg war.

Weltweiter Trend: „Waterfront Redevelopment“

Die Stadt wieder ans Wasser holen! „Waterfront Redevelopment“ ist seit mehreren Jahrzehnten ein weltweiter Trend, der die Revitalisierung von brachgefallenen Hafen- und Uferzonen bezeichnet. Man hat erkannt, welchen Wert Wasser für das Leben der Menschen hat.

Da sich Stadthäfen sehr gut für einen Nutzungsmix eignen, unterliegen sie einem starken Transformationsprozess. Das liegt vor allem daran, dass die noch bestehenden, brachgefallenen oder neu genutzten, ehemaligen Gebäudestrukturen mit industriellem Charakter auch für temporäre oder für Nutzungen der Kreativwirtschaft geeignet sind. Wohnen und Gewerbe könne n sich gut dazwischen ansiedeln.

Durch die Auslagerung von großindustriellen Produktionen vor die Stadt, können neue Orte gemeinsamer Aktivitäten zwischen Wohnen und Arbeiten entstehen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Wohnen sind heute fließend, und entsprechend wächst das Verlangen nach einem Umfeld, das alle Bereiche des Lebens räumlich enger verbindet.

Next Economy erfordert Nähe und kurze Wege

Die Next Economy erfordert Nähe und kurze Wege, auch auf der Ebene der Nachbarschaft (Die fünf Minuten Stadt). Growing, Living, Working. Dieses Konzept bezeichnet eine architektonische Typologie, die diese gewollte Nähe im Quartiersmaßstab betrachtet und die gerade bei der Hybridisierung der alten Industriequartiere beispielsweise im Stadthafen Münster eingesetzt werden kann.

Nach Jahren der Ausrichtung der Stadtplanung auf Ansiedlung von Dienstleistungsgewerbe, spielt durch den akuten Wohnungsmangel das Wohnen wieder eine wichtige Rolle. Auch Orte der verträglichen Produktion, wie Handwerksbetriebe, sollen im neuen Nutzungsmix der Städte installiert oder, so vorhanden, behalten werden. Eine Baurechtsnovelle soll Hemmnisse abbauen, dicht zu wohnen und Wohnungen in Gewerbegebieten zu errichten.

Stadthafen Münster – ein gutes Beispiel für Stadtentwicklung

Münster ist ein gutes Beispiel, wie mithilfe eines Masterplans die Entwicklung des Stadthafenareals angeregt und gesteuert werden konnte. Eine Mischung aus erhaltenswerten und neu gebauten Einheiten, versehen mit kulturellen Nutzungen, mit Gastronomie, Dienstleistungs- und Freizeiteinrichtungen bildet hier eine eigene Identität aus und führt zu einer erfolgreichen Entwicklung dieser zentral in der Stadt gelegenen Gebiete. Der große Vorteil ist, dass die Grundstücke im Besitz der Stadt sind. Die Stadtgesellschaft kann so die Versuchungen, Gefährdungen und Herausforderungen als eine Chance wahrnehmen, ihre Stadt wiederzuentdecken, sie zu bewahren, ja sie zu lieben.

Die Unterwasser-Installation im Stadthafen Münster, bei der die Künstlerin Ayşe Erkmen Überseecontainer im Hafenbecken versenkt hat, wurde überhaupt nur sichtbar, indem die Menschen sie benutzten. Ihr Eingriff in die gegebenen Strukturen und Abläufe führt zu einem neuen Blick auf Bekanntes und stellt damit auch die Frage nach dem Unsichtbaren und Dahinterliegenden. Gleichzeitig löst sie die physische Trennung der beiden unterschiedlichen urbanen Stadträume in einem sozialen Transformationsprozess auf. Der unentwickelte südliche Teil findet einen neuen Anschluss an die nördliche Promenade, ohne die gleiche Bebauungsstruktur zu verwirklichen.

Getrennte Quartiere lassen soziale Spannungen voraussagen

Heute findet man in vielen Städten eine klare Trennung zwischen Quartieren, in denen mehr arme oder mehr reiche Bevölkerungsgruppen wohnen. Soziologen beschreiben Szenarien, die soziale Spannungen voraussagen. Die Stadtentwicklung muss auf eine ausgewogene Nutzungsmischung und Sozialstruktur achten und soziale Verbindungen herstellen. Die Installation der Künstlerin macht die Hindernisse und Möglichkeiten bei der Transformation der Städte mithilfe der Menschen, die über das Wasser gehen, sichtbar. Sie führt uns vor Augen, wie wichtig es ist, beim urbanen Transformationsprozess Verbindungen herzustellen und benutzbar zu machen und damit sogar ein sinnliches Erlebnis mit Füßen im Wasser zu verbinden.

Weitere Spot on … finden Sie hier

https://www.md-mag.com/interior-architecture/fachbeitraege/spot-on/3d-druck-3/


Kolumnist Amandus Samsøe Sattler

Gründungspartner des Architekturbüros Allmann Sattler Wappner, München. Präsidiumsmitglied beim DGNB, Mitglied des Gestaltungsbeirats der Städte Wiesbaden und Oldenburg; Leitung internationaler Workshops, eigenes künstlerisches Werk in Fotografie.


Spot on …

Through Water

This year in Münster, Germany, people walked on water. An artistic intervention within the framework of the Münster Sculpture Projects allowed visitors to cross the boundary to the underused south bank in the city Harbor – Stadthafen Münster.

The water in the city in its civilizing ambivalence between possibility and restriction acts to separate and to link at one and the same time. River courses frequently represented natural boundaries between countries on our political maps. But waterways and man-made harbor basins have always been the starting point and possibility of urban developments. Towns and cities have long focused on the interests of investors and the international economic agenda. Accordingly, harbor areas of towns and cities became monofunctional business locations, excluded from town and city life, sometimes even fenced off, as was the case until recently in Hamburg‘s bonded port.

Bring the city back to the water! Waterfront redevelopment has been a trend worldwide for several decades now, and it involves revitalizing underused harbor and riverside zones. Town and city planners have recognized the value of water to people‘s lives. Since town and city harbors are virtually predestined for mixed occupancy, they are subject to an intense process of transformation. This is primarily attributable to the fact that the underused or newly used former building structures with industrial character still in existence are also suitable for temporary occupancy by the creative industries. Residential occupancy and business occupancy can easily become established in-between.

Relocating large-scale industrial production plants to outside towns and cities means that new sites of common activities between residential and work areas can become established. The boundaries between working and living today are blurred, and the desire for an environment that more closely interlinks all areas of life spatially is growing accordingly. The next economy requires proximity and efficient, direct communication, even at neighborhood level (the Five Minutes City). Growing, Living, Working. This concept refers to an architectural typology which considers this desirable proximity on a district scale and which can be used in particular in the case of hybridization of old industrial districts, for example in city harbors.

Following years of urban planning focusing on attracting the services sector, residential occupancy is regaining importance once again owing to the acute lack of housing. Even production sites that one can live with, such as workshops, are to be located in the new mixed-occupancy areas of towns and cities or are to be retained if already present. An amendment to building law is to overcome obstacles to tightly packed residential occupancy and construction of homes and apartments in business parks.

Münster is a good example of how development of the city-harbor area – Stadthafen Münster – was able to be stimulated and controlled with the aid of a master plan. A mix of what was worth keeping and newly constructed units, provided with cultural occupancy, with catering, service and leisure facilities, forms its own identity here and leads to successful development of these city-center areas. The major advantage is that the sites are city-owned. In this way, the urban community is able to perceive the temptations, dangers and challenges as an opportunity to rediscover its city, to preserve it and even to treasure it.

The underwater installation in Münster‘s city Harbor – Stadthafen Münster – on which the artist Ayşe Erkmen sunk overseas shipping containers in the harbor basin only became noticeable at all when people used it. The way it meshes with the given structures and courses of events leads to a new view of the familiar and thus also poses the question as to the invisible and what lies behind it. At the same time, it breaks down the physical division between the two different urban spaces in a process of social transformation. The undeveloped southern section gains a new link to the northern promenade without implementing the same building-development structure.

Today, there is in many towns and cities a clear separation between districts in which more poor or more affluent population groups live. Sociologists describe scenarios which predict social tensions. Urban development must ensure a well balanced occupancy mix and social structure and must establish social links. The artist‘s installation visualizes the obstacles and possibilities when transforming towns and cities through those walking on water. It makes it clear to us how important it is to establish links and make them usable in the process of urban transformation and thus even link a sensual experience with feet in the water.


Columnist Amandus Samsøe Sattler

Founding partner of the Allmann Sattler Wapper architects‘ studio in Munich. Member of the Board of Directors of DGNB (German Sustainable Building Council), member of the Wiesbaden and Oldenburg city planning council, management of international workshops, own artistic work in photography.

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