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Kolumne Spot On: Wie New Work zur Sinnstiftung beiträgt

Entgrenzung von Zeit und Raum

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Agiles Arbeiten kann funktionieren. Dafür ist allerdings eher soziale als künstliche Intelligenz gefragt. Foto: Adobe Stock/Wright Studio
Soziale Intelligenz ist bei New Work wichtiger als künstliche. Es sollen neue Freiräume für Kreativität und Persönlichkeitsentfaltung entstehen.

Autor: Ahmet Çakir

Der Auftakt zur 4. Industrierevolution wurde auf der Hannover Messe 2011 laut gefeiert: Deutschland sucht die Industrie von morgen. Die Fanfarentöne sind längst verklungen. Gar keinen Laut hörte man zur Arbeit unter „Industrie 4.0“ bis 2015. Sie wurde mit fünf Jahren Verspätung auf einer Konferenz vom Bundesministerium für Bildung und Forschung offiziell diskutiert. Ob es überhaupt dazu gekommen wäre, wenn nicht die Arbeitsministerin den Auguren kräftig auf die Füße getreten hätte? Arbeit 4.0, spät aufgesattelt, aber nicht zu spät. Vielleicht lernt die Industrie endlich, dass „Habe Lösung, suche Problem“ kein Konzept ist.

Ohnehin suchen andere die Arbeit von morgen schon viel länger, zum Beispiel Frithjof Bergmann, Sozialphilosoph und Begründer der Bewegung New Work, etwa seit der Mitte der 1970er-Jahre. Anders als die Jünger der Digitalisierung, bei denen diese das Endziel darstellt, hat Bergmann postuliert, was wir mit der Power von IT anstellen sollen. Für ihn hieß das, uns von den Strukturen zu befreien, die „Industrie 3.0“ uns beschert hat: viel Prosperität für viele, aber auch punktgenaue Arbeitsteilung, klare Hierarchien sowie feste Kommando- und Zeitstrukturen, Standardisierung von Arbeitsprozessen plus Sinnentleerung – eben das klassische Bild von Arbeit.

„Ein wesentlicher Beitrag zum Arbeitsleben.“

Das nicht mehr taufrische, aber immer noch revolutionäre Bergmannsche Zukunftskonzept „New Work“ kann man mit den Modeworten Entgrenzung von Zeit und Raum abkürzen. Dabei soll die Freiheit, die die IT der Information gewährt, auch der Arbeit und den Arbeitenden zugutekommen. Das heißt: Die Arbeit belastet nicht und ich als Person kann mich weiterentwickeln. New Work soll neue Freiräume für Kreativität und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bieten und somit etwas wirklich Wesentliches und Wichtiges zum Arbeitsleben beitragen.

Und nicht nur zum Arbeitsleben. Bergmann geht es insbesondere um die sinnstiftende Funktion der Arbeit und um Werte wie Freiheit und Selbstständigkeit. So gesehen hatte bereits die klassische Ergonomie noch vor Bergmann das ultimative Ziel der Arbeitsgestaltung definiert: Persönlichkeitsförderlichkeit – sprich sehr viel Autonomie, vielfältige Anforderungen, Rückmeldungen, zeitliche Freiräume, betriebliches Mitentscheiden (Partizipation), innerbetriebliche Entwicklungsmöglichkeiten sowie die Anerkennung selbstständigen Handelns.

„Agiles Arbeiten bedeutet mehr Vertrauen.“

Der Unterschied zu New Work oder den davon abgeleiteten Konzepten ist allerdings weder klein noch fein: „Persönlichkeitsförderlichkeit“ steht am oberen Ende einer Skala, die unten bei „Ausführbarkeit“ beginnt. Eine Arbeit soll so sein, dass Menschen sie ausführen können. Damit entstehen etliche, keinesfalls triviale Probleme. Danach kommt – ein Fortschritt – die Schädigungslosigkeit. Damit haben wir noch gewaltig zu kämpfen. Ist diese Hürde genommen, kommt die Beeinträchtigungsfreiheit, ohne vorzeitige Ermüdung, Monotonie, Sättigung und Stress beim Ausüben der Tätigkeit. Arbeit 3.0 arbeitet noch unermüdlich daran, hat aber gewaltig Stress damit.

Wie man die Ziele von New Work angeht, machen uns die IT-Macher vor: Scrum, eine agile Methode aus der Informatik, ist eine Reaktion auf den vorherrschenden mechanistischen Ansatz in der Softwareentwicklung, der tayloristische Züge besaß, also Denken und Ausführen trennte. Agiles Arbeiten bedeutet mehr Vertrauen, mehr Verantwortung, mehr Selbstbestimmung. Und es funktioniert! SI statt KI – soziale Intelligenz statt künstlicher.

„Die Fortentwicklung des Menschen durch Arbeit“

Ob Philosophie oder Ergonomie, die Fortentwicklung des Menschen durch Arbeit steht bei beiden im Vordergrund. Die heute verfügbaren, nicht etwa für später denkbaren Technologien bieten echte Chancen, das anzustreben. Die Frage ist, für wen. Denn eine längst vergessene Theorie aus den 1970ern, die Polarisationstheorie, besagt, die Verbesserung von Arbeitsmöglichkeiten werde die Qualifizierteren bevorzugen, während die weniger qualifizierten Kräfte stetig an Chancen einbüßen werden. Die beste Zukunftsvision für diese wäre, dass die Gesellschaft sie ernährt. Dass diese Theorie in Vergessenheit geraten ist, könnte damit zusammenhängen, dass sie keine mehr ist.

In einer Gesellschaft, in der Arbeit die Religion als Orientierung abgelöst hat, sollte es möglichst keinen Menschen geben, dem in die Zukunft geholfen werden muss. New Work ist selbstbestimmt – hoffentlich für alle. Wie wir auch handeln mögen, die Bilanz darf nicht so ausfallen wie die der Demokratie in Athen: Laut Athenaeus gab es 317 v. Chr. rund 21 000 Bürger mit allen Rechten und 400 000 Sklaven. Wenn das keine Polarisation war!


Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

Zur Website des Ergonomic Institut für Arbeits- und Sozialforschung
Weitere Meinungsbeiträge auf www.md-mag.com


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