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Für und Wider des Klassikerhypes

Reeditionen

Auch kulturelle Ressourcen können ausgebeutet werden. Während Neuheiten allzu rasch wechseln, spekulieren Reeditionen auf Beständigkeit.

Autor Thomas Wagner

Mode will inszeniert werden: ein riesiger Lagerraum aus blankem Beton. Auf dem Boden ein strenges Raster aus durchnummerierten Quadraten, darauf eine Phalanx transparenter Sitzwürfel. AMO, der experimentelle Zweig des Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA), hat für die Schauen der Frühjahr-Sommer-Kollektionen 2019 von Prada nicht nur das Deposito, einen Raum der Mailänder Fondazione Prada, in einen extravaganten, wie es heißt, „kartesischen“ Raum verwandelt.

Aus Anlass der Schauen wurde auch, gemeinsam mit Verpan, eine Reedition von Verner Pantons aufblasbarem Hocker von 1960 aufgelegt. Vertrieben wird der transparente Würfel mit Pantons aufgedruckter Signatur und den Schriftzügen Prada und Verpan in einem schwarzen Koffer samt Luftpumpe zum Preis von 650 Euro.

Panton – Prada – Verpan, die Trias aus magisch inszenierter Exklusivität verspricht Erfolg. Die Rede ist vom zeitgenössischen Charakter des Hockers, von Leichtigkeit, Transparenz und einer mittels schummrigen Lichts erzeugten psychedelischen, ja unheimlichen Atmosphäre.

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1960 trifft 2019: Prada ließ für die Frühjahr-Sommer-Modeschauen gemeinsam mit Verpan den ‚Inflatable Stool‘ von Verner Panton wieder aufleben. Foto: Agostino Osio

Aus alt mach neu

Ist die Moderne unsere Antike? Im Möbeldesign wird die Frage, die 2007 von der Documenta 12 aufgeworfen wurde, eindeutig mit „Ja“ beantwortet – zumal in einem Jahr, in dem die Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren gefeiert wird. Mögen entsprechende moderne Klassiker – ob mit oder ohne Bauhausbezug – auch längst zum festen Bestandteil des Möbelmarktes gehören, wer sich im bunten Potpourri aktueller Neuheiten umsieht, staunt, wie zahlreich und unterschiedlich die Reeditionen sind, die angeboten werden.

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Vitra hat seinen Fiberglas Chair wieder aufgelegt. Foto: Vitra

Vitra macht nicht nur nach wie vor gute Umsätze mit den zahlreichen Entwürfen der Eames. Erst kürzlich wurde deren ‚Plastic Chair‘ in seiner ursprünglichen Fiberglas-Version wieder aufgelegt; 2018 – 50 Jahre nach seiner Erstpräsentation – huldigte man zudem dem freischwingenden ‚Panton Chair‘ mittels der limitierten Edition ‚Panton Chrome‘. Walter Knoll hat unter dem Schlagwort „The new Chesterfield“ den Clubsessel ‚Haussmann 310‘ der Schweizer Architekten und Designer Trix und Robert Haussmann von 1962 im Programm.

‚CH71‘ und ‚CH72‘ finden erst jetzt ihren Weg ins Sortiment von Carl Hansen.

Carl Hansen erweitert sein Repertoire von Entwürfen von Hans J. Wegner mit dem Sessel ‚CH71‘ und dem Sofa ‚CH72‘. Classicon präsentiert – in Absprache mit dem Lizenzinhaber Aram Designs Ltd. – das ‚Day Bed‘ von Eileen Gray in zwei neuen Varianten, mit schwarzem Gestell und in einer größeren, auf die gewachsene Körpergröße heutiger Nutzer abgestimmten Version.

De Sede macht das ‚DS80‘ outdoortauglich.

Im Portfolio von Zanotta finden sich seit Längerem unter anderem Sessel wie Gabriele Mucchis ‚Genni‘ von 1935, Guiseppe Terragnis ‚Sant’Elia‘ von 1936 und Carlo Molinos ‚Gilda‘ von 1954. Bei Wittmann bilden Klassiker von Josef Hoffmann nach wie vor die Basis und De Sede macht sein Daybed ‚DS-80‘ von 1969 aktuell wetterfest und mittels Rücken- und Armlehnen zum Sofa. Ein Comeback nach 45 Jahren feiert zudem die Sofalandschaft ‚DS-1088‘ aus miteinander kombinierbaren kubischen Elementen und lässig darauf verteilten Kissen.

Und bei Cassina, wo man den Trend mit der Kollektion ‚I Maestri‘ in den 1970er-Jahren erfunden hat, ergänzt man den Reigen von Entwürfen von Le Corbusier, Charlotte Perriand, Gerrit Rietveld und Frank Lloyd Wright kontinuierlich um weitere Modelle und Varianten.

Die Reihe der Beispiele ließe sich noch fortsetzen. Fest steht: Mehr denn je werden moderne Klassiker (und Reeditionen, die es werden wollen) als überzeitliche Fixpunkte in einem von Neuheiten getriebenen Markt positioniert. Dabei hat sich der Trend erst in den 1980er-Jahren als feste Größe etabliert. Was unweigerlich zu der Frage führt, worin sich Klassiker-Editionen von Reeditionen unterscheiden.

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Selbst Bezugstoffe erfahren neue Beachtung. Camira legt ‚Zap‘ und ‚Armadillo‘, die Jens Risom in den 1960ern entwickelte, neu auf – freilich nun für Objektanforderungen ausgerüstet.

Reeditionen mit Zeitgeist beleben

Während moderne Klassiker ihren Status als vorgeblich überzeitliches Objekt bereits gefestigt haben, spekulieren Reeditionen unweigerlich darauf, was im Prozess historischer Abwertung vergessen wurde, wieder aufleben zu lassen. Strategien, wie das funktioniert, gibt es viele: Entwürfe, die nie ausgeführt wurden und nur als archivierte Zeichnungen vorliegen, werden realisiert, um das Portfolio eines mehr oder weniger bekannten Designers zu komplettieren und die Angebotspalette des jeweiligen Herstellers zu erweitern.

Hinzu kommt: Manches, was sich früher nur mittels Handarbeit umsetzen ließ, kann heute produktionstechnisch zu einem attraktiven Preis hergestellt werden. Immer öfter werden auch bereits vorhandene und in Produktion befindliche Modelle – vornehmlich Klassiker – mehr oder weniger geschickt an aktuelle stilistische und materialtechnische Wünsche und Komfortbedürfnisse angepasst – oft allein durch neue Bezüge oder eine aufgefrischte Farbpalette. Das Modell bekommt dann zum Beispiel eine „more reclined backrest“ oder eine dickere Polsterung, wird durch Kurzhaarleder in denselben Farben wie die lackierte Basis eleganter.

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Klassiker neu betrachtet: Studio Besau Marguerre verwandelten Thonets ‚Nr. 14‘ in ein „Two-Tone“-Modell von subtiler Farbigkeit und ungeahnter Frische.
Foto: Constantin Meyer, Köln

Selbst veritable Klassiker wie Thonets 1859 als „billige Consumsorte“ gestarteter Bugholzstuhl ‚Nr. 14‘ sind nicht davor gefeit, aktualisiert zu werden. Thonet, ohnehin auf Bauhaus und Moderne abonniert, spricht dabei nicht von Reedition; was ans Zeitgenössische angepasst wird, firmiert hier schlicht unter „re-seen“. Geschickt im Geist der Gegenwart renoviert und dem aktuellen Geschmack angeglichen hat den Kaffeehausstuhl von Michael Thonet in diesem Fall das Studio Besau-Marguerre. Verwandelt in ein „Two-Tone“-Modell von subtiler Farbigkeit, tritt der Klassiker nun in bislang ungeahnter Frische auf.

Wie sich Firmen- und Bauhaus-Jubiläum auf gelungene Weise verbinden lassen, zeigt die ebenfalls von Besau-Marguerre verantwortete Jubiläumsedition von Mies van der Rohes Freischwinger ‚S 533F‘ in zwei Varianten – mit Gestell in Perlglanzchrom und anthrazitfarbenem Leder oder in Champagnerchrom mit Leder in Zartrosé. Das erklärte Ziel: die Sachlichkeit des Bauhauses „mit einem warmen haptischen Look and Feel“ zu vereinen.

Gegenwartstrunken

Was vor allem zählt, ist die Gegenwartstauglichkeit des Vergangenen. Bei Tecta, ebenfalls auf Bauhaus-Klassiker abonniert, spricht man denn auch von „bauhaus.nowhaus“ – und lässt die Designerin Katrin Greiling dem Direktorensessel ‚F51‘ von Walter Gropius (versehen mit einem „N“ für „Neu“) mittels recht schrillen Farb- und Texturwelten ein neues Gesicht verpassen. Auch hier sollen die von dem belgischen Modedesigner Raf Simons entworfenen Stoffe den „Transfer zu zeitgenössischem Mobiliar schaffen“.

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Regalsystem von Herbert Hirche, 1954. Das ‚DHS10‘ ist bei Richard Lampert wieder ins Portfolio aufgenommen. Foto: Richard Lampert

Die Strategie, die Designgeschichte aus einem Bedürfnis der Gegenwart heraus daraufhin durchzusehen, welche nicht mehr oder noch nie realisierten Entwürfe ins aktuelle Bild passen könnten, hat sich vielfach bewährt. Richard Lampert etwa, bekannt für Egon Eiermanns Tischgestell und Rattansessel, hat nicht nur Entwürfe wie Herbert Hirches ‚Lounge Chair‘ und dessen Sessel ‚H55‘ und ‚H57‘ im Programm, er präsentiert aktuell auch eine Neuauflage von Hirches ‚System Sessel-Gruppe 350‘ von 1974 und dessen Regalsystem ‚DHS 10‘ von 1954.

So sehr sich Strategien und Konzepte auch unterscheiden, Reeditionen sind mehr als modische Revivals. Ihr Erfolg hat mit Nostalgie wenig zu tun. Gefeiert wird in ihnen nicht das Alte, sondern das Neue im historischen Gewand, unterwerfen doch auch sie, was zeitlos erscheinen soll, auf paradoxe Weise dem permanenten Wandel. Ob moderne Klassiker oder neu aufgelegte Entwürfe aus dem Archiv, stets verschmilzt in ihnen das scheinbar Gesicherte mit dem Spekulativen, wird im Rückgriff aufs Historische ein Wechsel auf die Zukunft gezeichnet.

Wer auf diese Weise zurückblickt, vertraut zwar auf den Reichtum der Geschichte, interpretiert aber zuallererst die Gegenwart und ihr Bedürfnis, sich im Reigen des immer Neuen wenigstens an einigen Fixpunkten orientieren zu können. Was gestern Avantgarde war, liefert die Reedition von heute. Gibt sie sich auch noch so ahistorisch und gegenwartstrunken, unsere Zeit sammelt viele Zeiten ein. Im Bergwerk der Moderne lagern noch viele Ressourcen, die darauf warten, abgebaut zu werden.

Auf der imm cologne 2019 fand unser Autor viele Beispiele für Reeditionen

Prise Überraschung erwünscht


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