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Polaroid im SmartPhone-Zeitalter

Ihre Tochter wünscht sich zu Weihnachten eine Sofortbildkamera? Und Sie schütteln den Kopf angesichts hoher Einzelbildkosten, niedriger Bildqualität und optimaler Smartphonekameras? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft mit René Spitz.

Was heute nicht mindestens 4.0 ist, gewinnt keinen Blumentopf. Pardon: keine Follower. 4.0 ist das neue 3.0 – Irrsinn als hysterische Begleiterscheinung auf der Hetzjagd nach der nächsten Disruption. Das Gefühl, dass Fortschritt nicht eine Folge bedächtigen Schreitens sei, sondern atemlosen Fortrennens, Fortrasens, kennzeichnet die Moderne von Anfang an.

Berühmte Romane, Gedichte, Filme und Bilder erzählen vom Empfinden, durch die Geschwindigkeit gleichzeitiger Veränderungen überfordert zu sein. Sich haltlos ausgeliefert zu sehen im reißenden Strom der Zeit. Halt verspricht da das Vertraute, an das man sich klammern kann.

Retro?

Zum guten Ton der Avantgardisten, der Voranschreitenden, zählen deshalb Hohn und Spott über die wehmütige Mehrheit. Denn sie gingen der Retro-Masche auf den Konsum-Leim aus überteuerten Produkten mit dem süßen Flair des Klassikers, des ewig Zeitlosen und des Kultigen. Je schneller die Zeit, desto verlockender ihr nostalgisch überzuckertes Bild der Zukunft, ins wehmütige Sepia der Sentimentalität getaucht.

Dazu passt die neueste Kapriole, die von einem altbekannten Produkt geschlagen wird: das Sofortbild. Allein das Wort klingt nach Telefon mit Wählscheibe und Familienfeier mit Würfelblitz. Nach einer versunkenen guten alten Zeit, in der Zusammenhänge noch durchschaubar und Folgen noch absehbar waren (wenn auch nur aus dem Rückblick).

Polaroid als Inbegriff der Moderne – damals

Doch in der damaligen Zeit war die Polaroid etwas völlig anderes: der Inbegriff der Moderne. Ihr Leistungsversprechen brachte kein anderes Gerät schärfer und dichter auf den Punkt. Denn die Moderne ist in erster Linie durch das Zeitgefühl ihrer Zeitgenossen charakterisiert: Begeisterung für die Veränderung; Freude auf das, was kommen wird; Zuversicht, weil die Zukunft aktiv gestaltet werden kann und nicht passiv ertragen werden muss; sowie kritische Distanz gegenüber der Geschichte, die kein Lehrmeister für das eigene Leben sein soll. Um es kurz zu machen: Morgen ist besser als gestern. Jede Bewegung, die wegführt von der Vergangenheit, erscheint positiv, je schneller, desto besser.

Polaroid
md-Autor Rene Spitz auf einer Polaroid-Aufnahme. Foto: privat

Polaroid war Kontrollbild für Gestalter

Das Sofortbild war deshalb das Ding der Stunde. Es wird in der höchsten Geschwindigkeitsstufe produziert, nämlich sofort. Es hält das Jetzt fest, das sofort wieder vergangen ist. Und es ist durch und durch demokratisch, weil für das Herstellen gelungener Bilder weder Fachwissen noch Reichtum erforderlich sind.

Das Sofortbild war die minimale Haltestelle der Fortschrittsrakete für einen einzigen raschen Rückblick, eher einen Seitenblick.

Die Polaroid gehörte geradezu in den kybernetischen Werkzeugkoffer, weil ihre Sofortbilder eine Steuerung in Jetzt-Zeit ermöglichen. Kein Wunder, dass die Polaroid zur Grundausstattung aller Gestalter zählte, bei denen das Kontrollbild auf dem Weg zum fertigen Resultat gefragt war. Und kein Wunder, dass unzählige Bücher und Ausstellungen die Polaroids berühmter Fotografen und Künstler als kulturelle Höhepunkte feiern.

Polaroid
Ein Widerspruch? In Zeiten von digitalen Bildern auf Smartphones wirkt ein „Sofortbild“ ungemein handfest. Glücklich darf sich schätzen, wer noch eine alte Polaroid ‚SX-70‘ sein Eigen nennen kann.
Foto: urbanglimpses / iStockphoto

Dass die Polaroid nun als Sofortbild 4.0 wieder verfügbar ist, hat etwas irrsinnig Komisches. Benutzen doch längst die meisten Menschen mehrere Geräte für Sofortbilder: Smartphones und Tablets, von Digitalkameras ganz zu schweigen.

All diese Kameras erzeugen permanent unendlich viele Bilder in unvergleichlich besserer Qualität, ohne Mehrkosten und sie werden auch sofort mitgeteilt, aber nicht nur den zwei, drei körperlich Anwesenden, sondern der gesamten Social-Media-Welt. Warum dann jetzt eine Sofortbildkamera aus dem letzten Jahrtausend? Und warum erliegen gerade Teenager ihrer Faszination, die eine ‚SX-70‘ nicht einmal vom Flohmarkt kennen?

Möglicherweise ist es schlicht das Vorrecht der Pubertären, aus purer Freude am Nein und Trotzdem mit schöner Regelmäßigkeit und Präzision die Momente der Widersprüchlichkeit in der Konsumentengesellschaft zu entlarven. Unsere Zeit mag vielleicht rasen. Aber unser Zeitempfinden springt zugleich in die entgegengesetzte Richtung: Zurück auf null.

Sie finden unseren Kolumnisten spitze? Hier lesen Sie mehr von René Spitz.

Labertaschen-Text


Kolumnist

Prof. Dr. René Spitz lehrt an der RFH Köln Designwissenschaft. Seit 20 Jahren berichtet er als Designkritiker des WDR. Sein Interesse gilt der gesellschaftlichen Verantwortung der Gestalter.


Spot on Design

Crank, Crank 4.0

Your daughter is asking for an instant camera for Christmas? And you are shaking your head in light of high costs for individual images, low image quality and ideal smartphone cameras? Then you are of the same opinion as René Spitz.

Author: René Spitz

Anything that is not at least 4.0 nowadays is not worth much. Sorry, I meant “does not have many followers.” 4.0 is the new 3.0 – madness as a hysterical side effect on the hunt for the next disruption.

The feeling that progress is not a consequence of careful strides, but high-powered running has been characterizing the modern age from the outset.

Famous novels, poems, movies and images tell us of the feeling of being overburdened by the speed of simultaneous changes. Being at the mercy of it all and drowning in the torrential stream of time. In these times, we find comfort in what we know that gives us something to cling onto.

For this reason, it‘s quite the custom of avant-gardists, those who march ahead, to sneer and mock the nostalgic majority. According to these avant-gardists,the majority is falling into the retro consumerism trap of overpriced products promising the sweet flair of a classic, timeless and iconic item. The faster the times, the more appealing their nostalgic, rosy image of the future that has been immersed into the nostalgic sepia of sentimentality.

This matches the most recent fad centering around a well-known, traditional product: The instant image cameras. Just listen to the term: It sounds like a phone with a dial and family get-togethers where we played games like Yahtzee. Long-gone, good old days when contexts were still simple and the consequences were foreseeable (even if this is only the case in hindsight).

However, back then Polaroids were something completely different: They were a synonym for cutting-edge technology. No other device summed up this performance promise better and sharper than this product. Modern times are primarily characterized by contemporaries‘ sense of time: A passion for change, anticipation of what lies ahead because the future can be actively shaped and they must not passively deal with the consequences as well as a critical distance to history that shall not be the role model for our own lives. In brief: Tomorrow is better than yesterday. Each move away from the past seems positive. The faster, the better.

For this reason, instant images seemed like the pinnacle of the times. Results are produced at maximum speed, i.e. immediately. Images capture the now and this immediately becomes the past. And the product was thoroughly democratic because you needed neither specialist expertise, nor wealth to produce good images.

Instant imaging is the closest stop on the way into the future for a single, quick look back that is more a view towards the side. Polaroids are virtually part of the cybernetic tool box because instant images enable control of this specific moment. Unsurprisingly then that Polaroid formed part of the basic equipmentof all designers where the verification image was necessary on the way to the finished result. It‘s no surprise that countless books and exhibitions celebrate Polaroids by famous photographers and artists as cultural highlights.

The fact that Polaroids are now once again available as instant imaging 4.0 is very ironic as nowadays most people use several devices to produce instant images: Smartphones and tablets, not to mention digital cameras. All these cameras are permanently creating an infinite amount of images in incomparably better quality at no extra cost and they are also instantly available, not only to the two or three people present, but to the entire world of social media. Why would you then need an instant imaging camera from the past millennium? And why are teenagers in particular captured so intensively by the fascination, they are not even familiar with an ‘SX-70’ from yard sales?

It might just be the prerogative of adolescents to regularly and accurately uncover the contradicting character of our consumerist society, merely based on the joy of being able to say no?

Our time might be flying, but our sense of time is simultaneously jumping in the opposite direction: Back to zero.


Columnist Prof. Dr. René Spitz teaches design science at RFH Cologne. For 20 years he has reported as a design critic on television (WDR, West German Broadcasting). His interest focuses on the social responsibility of designers.

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