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Otl Aicher – Denken am Objekt

Spot on Design
Otl Aicher – Denken am Objekt

Otl Aicher
HfG Ulm, 1955. Foto: Hans G. Conrad
Vor 25 Jahren ist Otl Aicher gestorben. Als Mitgründer der HfG Ulm, Entwerfer des Lufthansa-Erscheinungsbilds und Gestalter der »heiteren« Olympischen Spiele von 1972 zählt er zu den einflussreichsten Designern des 20. Jahrhunderts. René Spitz fragt: Was bleibt von seinem Werk?

Otl Aicher hat uns keine Formel hinterlassen, die wir wie einen Zaubertrank anwenden können, um alle Aufgaben zu lösen, die vor uns entstehen. Kein “form follows function”. Kein “weniger ist mehr”. Keine zehn Designgebote. Danke, dass uns das erspart geblieben ist. Zur Merkformel verdichtete, ihrem Zusammenhang entrissene Erkenntnisse und leere Phrasen finde ich nicht in seinen Texten.
Von Aicher bleibt aus meiner Sicht erstens ein konsequenter Beitrag zur Klärung des Verhältnisses zwischen Kunst und Design: Dem Design ist zu eigen, dass jedes Ding gut gestaltet sein soll, und mag es noch so alltäglich sein. Es gibt keine Hierarchie der Dinge. Nicht nur das herrschaftliche Anwesen, die Kutsche und das Hochzeitsservice verdienen besondere Aufmerksamkeit für ihre Gestaltung, sondern auch die Zweizimmerwohnung, der Schemel und das Metzgermesser für 99 Prozent der schuftenden Bevölkerung.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass vor allem die Sozialreformer Entwürfe hervorbringen, die so teuer sind, dass nur die finanzielle Oberschicht sie sich leisten kann.
William Morris bemerkte am Ende seines Schaffens resigniert, dass er – in seinen Worten – nur den schweinischen Luxus der Reichen bedient habe. Das war auch beim Bauhaus deutlich und Otl Aicher war damit nicht einverstanden. Die gesellschaftliche Verantwortung der Gestalter, so seine Überzeugung, bestand darin, das bessere Produkt und die bessere Information zu entwickeln. Das Zusammenwirken aller relevanten Faktoren bewirkte für ihn die Qualität. Die ästhetische Dimension sollte dabei nur eine Rolle unter vielen spielen – wohlgemerkt: unter vielen, nicht über vielen.
Als zweite überragende Leistung Aichers benenne ich die Gründung der HfG Ulm: Überragend an der HfG war, dass sie sich ausschließlich auf Design konzentrierte, verstanden als die ganzheitliche Gestaltung von Gerätschaften und Botschaften im arbeitsteiligen und kommerziellen Kontext der Industrie mit dem Ziel der Serienfertigung. Otl Aicher hat die Aufgabe der HfG definiert: Die kulturelle Bewältigung der technischen Zivilisation.
Zivilisation ist der traditionelle Begriff für die Dinge, die wir hervorbringen: der Faustkeil, der Aquädukt, Messer und Gabel. Kultur ist der traditionelle Begriff für den Umgang, den wir anhand der Dinge untereinander pflegen. Das gemeinsame Essen an der Feuerstelle, die urbane römische Badkultur, das Hofzeremoniell im Königshaus. In der bürgerlichen Gesellschaft hat die Kunst in der Zivilisation nichts verloren. Die Kunst wird der Kultur zugeordnet. Doch all die Kunst und Kultur haben die Bürger nicht davon abgehalten, dem Nazi-Wahnsinn Einhalt zu gebieten.
Werktags wurden Befehle befolgt, am Sonntag gönnte man sich ein erbauliches Konzert. Damit das nie mehr geschehen konnte, wollte Otl Aicher etwas Neues schaffen. Die HfG war kein Beitrag zur Behebung eines ästhetischen, sondern eines gesellschaftlichen Defizits.
Als dritte überragende Leistung Aichers erscheint mir die Gestaltung der Olympischen Spiele in München 1972. Otl Aicher entwickelte das größte humane Systemdesign, das ich kenne. Das System besteht aus wenigen Elementen (Farben, Schriften, Zeichen), die mit wenigen Regeln (Maße, Proportionen, Raster) einen Zusammenhang erzeugen. Das Humane daran ist die Anwendbarkeit. Otl Aicher zog in Betracht, dass das sture Beharren auf starren Regeln zum inhumanen Formalismus mit der Tendenz zum Totalitären führt. Also ins Abseits.
Zum menschlichen Leben gehört aber das Widersprüchliche, Spontane und Spielerische. Aicher nahm den Polizisten die Uniform weg und steckte sie in Overalls, die wie Blaumänner der Handwerker wirkten. Er nahm dem deutschen Nationalstaat so viele traditionelle Herrschaftssymbole weg wie möglich: Kein Schwarz, kein Rot und eigentlich auch kein Gold (aber Olympische Spiele ohne Goldmedaille sind kaum durchführbar).
So entstanden die berühmten Plakate, ohne Schwarz und ohne Rot. Ich sehe hier einen Beweis für die Richtigkeit der Bemerkung Max Bills, der Aicher als einen Künstler, der keiner sein wollte, beschrieben hat.
Die neue Ära, die Digitale, hat die Moderne abgelöst. Die Aufgabe der Gestaltung liegt jetzt in der kulturellen Bewältigung der digitalen Zivilisation.
Autor Dr. René Spitz
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