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Monochromie im Interiordesign: Eine Farbe für alles

Eine Farbe für alles
Monochromie im Interior

Mitten in einem komplett roten oder grünen Raum zu stehen, ist ein intensives Erlebnis und zugleich eine neue Erfahrung. Bei Monochromie liegt Faszination und Verunsicherung nahe beieinander. Daher will sie klug geplant sein.

Autor Armin Scharf

Das rundum pinkfarbig colorierte Treppenhaus des Rathauses im niederländischen Assel ist ein Knotenpunkt im Gebäude. Am Pink kommt also niemand vorbei. Zumindest nicht, wenn der Weg in eine andere Etage führt. Wer sich durch das Haus bewegt, wird mit weiteren Farbzonen konfrontiert. Neben dem pinkfarbenen Treppenbereich leuchtet Orange dort, wo Nischen zu informellen Besprechungen einladen. Boden, Decke, Sitzbank, Tisch und Raumtrenner tragen das identische Orange.

Monochromie
Für das Treppenhaus im Rathaus Assel wählten DeZwardHond Architekten einen starken farbigen Akzent. Foto: Gerard van Beek

Farbe inspiriert und leitet

Die Absicht: Farbige Bereiche sollen inspirieren, die mäandernden Wege durch das Haus die Begegnung und Kommunikation fördern. Orange und Pink haben die Architekten vom Büro DeZwarteHond nicht nach Gutdünken oder Aktivierungspotenzial ausgewählt, sondern aus dem Wappen der Stadt hergeleitet.

Der Campus Arc 1 des bahnhofsnahen Ecoparc Neuchâtel greift die Monochromie ebenfalls auf. Ein helles Gelbgrün dominiert vor allem die Verkehrszonen und die sogenannten „Espaces transparents“, doppelgeschossige Bereiche, die als Treffpunkt des hier logierenden Musikkonservatoriums dienen und großzügig verglast den Blick in die Stadt öffnen.

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Ein helles Gelbgrün dominiert die Verkehrszonen im Ecoparc Neuchâtel. In die Farbplanung bezog das Büro Bauart die späteren Nutzer mit ein. Foto: Ruedi Walti

Das Gelbgrün ist nicht allein Idee des Architekturbüros Bauart, sondern das Ergebnis von Workshops, zu denen auch die späteren Nutzer geladen waren. Das „vert lime“ reagiert außerdem stark auf die Veränderung der Lichtverhältnisse, ist also nie wirklich statisch.

Intensive Farberlebnisse

Anders das Konzept der sanierten Jugendherberge Oberammergau. Wer hier logiert, kann sich eines berauschenden Bergpanoramas erfreuen, insbesondere aber eines intensiven Farberlebnisses. Das 30 Zimmer große Haus steht für eine neue Generation von Jugendherbergen, die sich komfortabler und moderner präsentiert. In Oberammergau haben die Berchtesgadener Architekten Schulze Dinter nicht nur die Räume neu strukturiert, sondern auch farbig gestaltet.

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Monochrome Räume wie das Treppenhaus der Kita Bühlau sind faszinierend, weil sie eine komplett andere Wahrnehmung der Dreidimensionalität provozieren. Foto: Günther Fotodesign

Während die Flure in einem neutralen Grauton gehalten sind, leuchtet es aus den Zimmern intensiv gelbgrün, orange oder blau heraus. Nach dem Motto „Paint-all-over“ folgen auch alle Einbauten, Betten, Schränke, Stühle, Vorhänge dem Einfarbenkonzept.

Lediglich die Lichtschalter und Steckdosen mögen sich diesem Farbkanon nicht anschließen: sie sind weiß. Besonders bei jungen Gästen kommt das Farbkonzept offenbar bestens an. Das erklärt vielleicht auch, warum die Monochromie gerade in Kindergärten und Kindertagesstätten so häufig anzutreffen ist.

Auch hier sind die Farben in der Regel stark gesättigt, bunt und solitär. Azurblau, Feuerrot, Gelb, Orange, Hellgrün, ja sogar Violett gehören wohl zu den beliebtesten Einfarbigkeiten. Meist bleiben die Farben Treppenhäusern, Fluren, Umkleideräumen oder den Toiletten vorbehalten.

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Besonders bei jungen Gästen kommt das Farbkonzept der Architekten Schulze Dinter für die Jugendherberge Oberammergau gut an. Foto: DJH Bayern

Monochrome Räume irritieren die Wahrnehmung

Monochrome Räume sind faszinierend, weil sie die gewohnte Differenzierung von Wänden, Böden und Decken auflösen und eine komplett andere Wahrnehmung der Dreidimensionalität provozieren. „Das sind im Grunde Kunsträume mit Erlebnis-charakter“, meint dazu Thomas Stolz, Farbgestalter aus Wiesbaden.

Interessant ist, dass dieser Effekt eigentlich nur bei stark gesättigten Farbtönen auftritt: Während rote, gelbe oder blaue Räume für Aufsehen sorgen, verschwindet das Erlebnis bei weißen Flächen fast komplett. Schwarz wiederum – der andere Pol der Farbenwelt – findet kaum Anwendung, bleibt exklusiv und avantgardistisch.

Farbe löst Banalität eines Ortes auf

Denn die Schwärze lässt alle Konturen eines Raumes verschwinden und verwandelt diesen in ein unergründliches, verstörendes Terrain. Häufig trifft man die Monochromie auch in Toiletten öffentlicher Bauten an, wohl dem Ansinnen geschuldet, der Banalität des Ortes eine gewisse Einzigartigkeit zu verleihen.

Das Problem hier: Die Keramik lässt sich nicht adaptieren, der visuelle Bruch ist unumgämglich. Überhaupt bedeutet das, was auf den ersten Blick einfach erscheint, farbmetrische Höchstleistung. Kommen verschiedene Materialien zum Einsatz – bei Boden, Wand, Decke zwangsläufig der Fall – sind Abweichungen der Farbnuancen fast unumgänglich.

Das sogenannte Colormatching muss dabei auch das Alterungsverhalten der Werkstoffe oder Beschichtungen berücksichtigen. Bleiben diese Betrachtungen außen vor, so weicht die anfängliche Einfarbigkeit früher oder später einer kakophonischen Farbstimmung.

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Farbige Bereiche sollen inspirieren. Wo Nischen zu informellen Besprechungen einladen, leuchtet Orange. Foto: Gerard van Beek

Nachbild und Orientierung

Aus ähnlichem Grund verdient auch der Faktor Verschmutzung Beachtung, zumal es bei bestimmten Farbtönen – beispielsweise Gelb – zu einer unangenehmen Charakterverschiebung kommen kann.

Und die Farbpsychologie? Wir orientieren uns im Raum unter anderem durch Helligkeitsunterschiede: der Boden ist dunkler, die Decke heller. Das ist nicht nur gelernt oder Tradition, sondern tief in unseren Wahrnehmungsmustern verankert. Daher hat Monochromie auch das Potenzial zur Verunsicherung: Wenn jede Raumrichtung gleich hell und gleich gefärbt ist, dann kommt unser intuitives Orientierungssystem ins Schleudern.

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Der Farbton „vert lime“ reagiert stark auf die Veränderung der Lichtverhältnisse, wirkt also nie statisch. Foto: Ruedi Walti

„Besonders Menschen mit Handicap oder höheren Alters werden dann Probleme bekommen“, erläutert Thomas Stolz.

„Räume für längere Aufenthaltszeiten eignen sich nicht für eine einheitliche Farbgebung, temporär genutzte Bereiche hingegen schon.“ Und schließlich wäre da noch der Sukzessivkontrast: Auch nach dem Verlassen eines monochromen Raumes bleibt dieser in Form einer komplementären Farbwahrnehmung für eine gewisse Zeit präsent.

Webseite der Jugendherberge Oberammergau

Einen weiteren Beitrag zum Thema Farbe finden Sie hier

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