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Maestri in Mailand

Auf den Spuren der Maestri, Teil 3
Maestri in Mailand

Pio Manzù, Gio Ponti, Joe Colombo, Rodolfo Bonetto – was bleibt von ihrem Werk? Die Maestri, sie alle haben in der Stadt gewirkt, sie kulturell, architektonisch und mit ihren Designentwürfen beeinflusst. Cecilia Fabiani hat sich für md auf Spurensuche begeben. Stiftungen liegen im Trend!

Autorin Cecilia Fabiani

Der Parco Sempione hinter der Triennale wird von einem Metallzaun eingefasst, der einst von Gio Ponti entworfen wurde. Formschön und funktionell taucht er in letzter Zeit nun auch in anderen städtischen Parks auf – wie ein Symbol. Aber wer vermag ein solches noch zu entziffern? Und wer kümmert sich heute eigentlich um das Erbe der Maestri?

In den meisten Fällen Privatinitiativen. Die bekanntesten haben wir Ihnen bereits vorgestellt (md 3.2013 und 3.2016). Doch es gibt weitere Nachlässe, an denen seit Langem gearbeitet wird. Mit guten Aussichten. Bis 2018 soll beispielsweise die Fondazione Pio Manzù von Bergamo nach Mailand umgezogen sein und noch in diesem Jahr ist eine Stiftung für das Erbe von Rodolfo Bonetto
geplant – beide werden öffentlich zugänglich sein. In den Gio-Ponti-Archiven indes arbeiten zwei Enkel des Multitalents, während die Architektin Ignazia Favata die gestalterische Arbeit Joe Colombos weiterführt. Und auch hier ist eine Stiftung geplant. Eine Geschichte von Institutionen im Wandel.


Rodolfo Bonetto (1929–1991)

Als Rodolfo Bonetto 1991 starb, hatte sein Sohn Marco bereits einige Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Bekannt war das Büro für Automotive und Transportation Design sowie für technische Produkte. Als Hommage an den Vater initiierte Marco schon früh den ‚Targa Bonetto‘, einen Preis für Designstudenten, der 2017 zum 22. Mal verliehen wird. Diese und alle späteren Aktivitäten des Büros zu Ehren des Vaters möchte Marco Bonetto nun ebenfalls in eine Stiftung überführen. Noch in diesem Jahr und mit Sitz in Mailand.

„Früher dachte man nicht daran, Dokumente des Designprozesses zu konservieren – nur die Zeichnungen wurden aufbewahrt. Später begann man wenigstens, die Designstücke professionell zu fotografieren“, erklärt er. Während viele Originalzeichnungen, Skizzen und Fotografien noch vorhanden waren, hat Marco Bonetto rund 120 von seinem Vater entworfene Produkte eigens zusammengetragen – teilweise erwarb er sie im Internet. Auch die Produktschau und die vom Büro veranlassten Re-Editionen fließen in die Stiftung ein.

Übrigens: Rodolfo Bonetto begann seine Karriere als Jazzmusiker. Nur zufällig – inspiriert durch seinen Onkel, der Rennfahrer war –, wurden seine futuristischen Autoskizzen in echte Produkte umgesetzt. Seit 1974 leitete er das Centro Stile Fiat für Automotive Interior Design. Als er den damaligen Rektor der Hochschule für Gestaltung Ulm, Tomás Maldonado, um einen Studienplatz anfragte, lud der ihn stattdessen direkt als Professor ein.

Die Werkzeugmaschine ‚Auctor Multiplex Olivetti OCN‘ der Firma Olivetti von 1965 gewann den Compasso d‘Oro 1967.  Foto: Courtesy Bonetto Design
Der Innenraum des Fiat ‚131 Supermirafiori‘, 1978, gewann 1979 den Compasso d’Oro. Foto: Courtesy Bonetto Design
Foto: Courtesy Bonetto Design
‚Rotor‘ der Firma IPM wurde in den 1980ern in italienischen Telefonzellen installiert und war deswegen besonders robust gestaltet. Foto: Courtesy Bonetto Design

Joe Colombo (1930–1971)

Zwei Namen stehen an der Klingel: J. Colombo und I. Favata. Das Architekturbüro von Ingnazia Favata liegt im Süden Mailands, nur fünf Minuten Autofahrt entfernt von den Hochhäusern Franco Albinis, wo sich einst Joe Colombos Studio befand. Die Architektin, einst Assistentin des visionären Designers, verwaltet das komplette Archiv Colombos, rund 500 Entwürfe. Fast vier Jahre lang hatte Ingnazia Favata seine Zeichnungen in Produkte übersetzt, als der Designer 1971 im Alter von nur 41 Jahren an einem Herzinfarkt starb.

Favata übernahm das Designstudio, um das Werk Colombos zu schützen, um dessen designhistorische Bedeutung sie schon damals wusste. Bis heute sind 50 Produkte von Joe Colombo im Handel, die so weiterentwickelt und überabeitet wurden, dass sie den ursprünglichen Entwürfen trotz veränderter Herstellungsprozesse treu bleiben. Zudem wurde der Name Joe Colombo als Marke eingetragen, um die Copyright-Lauffristen zu verlängern. Auch hier ist geplant, das Erbe in eine Stiftung zu überführen. Sie soll weiterhin die wissenschaftlichen Recherchen unterstützen und den Versand von Exponaten organisieren.

Seine eigene Wohnung stattete Joe Colombo 1970 mit zwei „Wohnmaschinen“ aus, die er das Jahr zuvor entworfen hatte. ‚Cabriolet-Bed‘ und ‚Rotoliving‘ – eine neue Vision des Wohnens. Foto: Courtesy Ignazia Favata/Studio Joe Colombo
Foto: Courtesy Ignazia Favata/Studio Joe Colombo
Skizze für Sessel ‚Elda‘, 1963 entworfen und 1965 von Comfort-Gruppo F.lli Longhi hergestellt. Der legendäre Sessel ist in vielen Designmuseen zu sehen. Skizze: Courtesy Ignazia Favata/Studio Joe Colombo

Pio Manzù (1939–1969)

war mit seinem Wagen auf dem Weg nach Turin zur Präsentation seines jüngsten Entwurfs. Doch das Fiat-Team wartete vergeblich auf den Designer. Er war unterwegs tödlich verunglückt. Mit seinen erst 30 Jahren galt Pio Manzù, der an der Hochschule für Gestaltung Ulm studiert hatte und Sohn eines bekannten Bildhauers war, als Hoffnungsträger des Automobildesigns. Sein ‚Fiat 127‘, von dem er erste Zeichnungen in Turin vorstellen wollte, sollte ein Riesenerfolg werden: Fünf Millionen Mal lief
er vom Band.

Auch die Leuchte ‚Parentesi‘ bekam der Designer als fertiges Produkt nie selbst zu sehen. Seine Frau hatte nach dem Tod ihres Mannes Kontakt zu Flos aufgenommen und dem Leuchtenhersteller eine Skizze gezeigt. Achille Castiglioni überarbeitete den Entwurf und verwandelte ihn in ein Erfolgsprodukt – signiert von beiden Designern.

Heute verwaltet Giacomo Manzoni, der den Namen seines Großvaters trägt – Manzù war dessen Künstlername –, das Kulturerbe der Familie. Die 2016 gegründete Fondazione Pio Manzù sitzt in Bergamo. Spätestens 2018 soll der Umzug nach Mailand abgeschlossen sein. Im Gepäck: 5 000 Zeichnungen und Skizzen, 1 000 Fotos, 30 Modelle sowie zwei Automobile im Maßstab 1:1. „Wir arbeiten an der Wiederauflage verschiedener Designs und werden während der Möbelmesse im Mailänder Showroom von Alias ein Buch über meinen Vater vorstellen“. Drei Longseller sind aktuell noch am Markt: von Alias, Alessi und Flos.

‚Cronotime‘, Originalversion. Als Geschenkartikel für Fiat 1966 entworfen, wird die Tischuhr heute von Alessi hergestellt. Foto: Courtesy Fondazione Pio Manzù
Den Fiat 127, ein Riesenerfolg in Europa, bekam Pio Manzù nicht zu sehen. Er starb auf dem Weg zur Entwurfspräsentation. Skizze: Courtesy Fondazione Pio Manzù
Der Entwurf von 1962 basierte auf dem Fahrwerk des Austin Healey ‚MK 3000‘ und gewann den Wettbewerb der Zeitschrift L’année Automobile. Kein Serienprodukt, nur als Prototyp gefertigt. Skizze: Courtesy Fondazione Pio Manzù
Die ‚Parentesi‘ entstand nach einer Skizze aus dem Jahr 1968. Sie wurde nach Manzùs Tod von Achille Castiglioni als Produkt für Flos umgesetzt. Foto: Frank Huelsboemer, Flos
Foto: Courtesy Fondazione Pio Manzù

Gio Ponti (1891–1979)

Ein Schild an der farbenfrohen Fassade erzählt davon, dass der Architekt und Designer Gio Ponti hier lebte und arbeitete – im Hinterhof eines von ihm selbst entworfenen Gebäudes. Im Erdgeschoss sind heute die ‚Gio Ponti Archives‘ untergebracht, gegründet und geleitet von seinen Enkeln Salvatore Licitra und Paolo Rosselli. Ihr Kern umfasst 100 000 schriftliche Dokumente sowie 4 000 Fotos, darunter Briefe, Erläuterungen zu Bauvorgängen und Entwurfsskizzen. Gio Ponti wird in Mailand als Bindeglied zur Moderne des 20. Jahrhunderts geschätzt, deren Protagonist er wurde. Mit seinen Bauten prägte er die Stadt, gründete 1928 die Zeitschrift Domus, entdeckte und förderte junge Architekten und Designer und war für den Porzellanhersteller Richard Ginori als Art Director tätig. Salvatore Licitra beschreibt die Arbeit des Archivs als recht spontan: „Wir arbeiten an Buchprojekten, Ausstellungen, Filmen, Vorträgen. Und auch an Produkten, die bereits in Produktion sind oder neu aufgelegt werden sollen. Doch systematisch ist unsere Arbeit nicht.“ Im Herbst nächsten Jahres wird im Musée des Arts décoratifs in Paris eine Ausstellung über Gio Ponti zu sehen sein; zum des Salone del Mobile kommt ein Architekturführer seiner Mailänder Bauten heraus.

30 Fliesenmuster entwarf Gio Ponti zwischen 1960 und 1962 für das Hotel Parco dei Principi in Sorrent. Seit 2016 werden sie als Kollektion ‚Blu Ponti‘ von Francesco De Maio hergestellt. Foto: Francesco De Maio
Foto: Courtesy Salvatore Licitra-Gio Ponti Archives
Sessel ‚D 153.1‘ wurde 1953 von Ponti entworfen. Er war Teil der Möbilierung seiner Wohnung in der Via Dezza. Nachbau 2012 von Molteni & C nach Originalzeichnungen der Gio Ponti Archives. Foto: Courtesy Salvatore Licitra-Gio Ponti Archives/Molteni & C.
Skizze mit Anmerkungen „Sedia di poco sedile”, Stuhl mit geringer Sitzfläche. Entwurf von 1971. Skizze und Porträt: Courtesy Salvatore Licitra-Gio Ponti Archives

On the trail of the maestri, Part 3

Hidden Milan

Pio Manzù, Gio Ponti, Joe Colombo and Rodolfo Bonetto – what will remain of their work? All of them were active in Milan and influenced the city culturally, architecturally and by their designs. For md, Cedilia Fabiani set out to follow in their tracks. Foundations meet current trends!

Parco Sempione behind the Triennale is bordered by a metal fence that was once designed by Gio Ponti. Elegant and functional, it recently appeared like a symbol in other urban parks as well. But who is able to decode this symbol as such? And who takes care today of the maestri’s heritage? Private initiatives in most cases. We have already presented the best known of them to our readers in March 2013 and March 2016. But there are more heritages that have been worked on for a long time. With good prospects. Until 2018, for instance, Fondazione Pio Manzù is supposed to have moved from Bergamo to Milan, and in the current year a foundation for Rodolfo Bonetto’s heritage is planned. Both will be accessible to the public. Meanwhile, two grandchildren of the all-round talent are working in the Gio Ponti archives. And architect Ignazia Favata carries on Joe Colombo’s design work. For him too, a foundation is being planned. It is a story of institutions over the course of time.

Pio Manzù (1939–1969)

He was on his way to Torino in his car to present his most recent design there. But the Fiat team there waited for the designer in vain. He was killed in an accident en route. Pio Manzù, only 30 years old, was the son of a renowned sculptor. He had studied at the ‘Hochschule für Gestaltung’ in Ulm, and he was seen as the great white hope of automobile design. His ‘Fiat 127‘, of which he had wanted to present first drawings in Torino, was to become a major success. Five million vehicles rolled off the production lines. He also never saw the ‘Paresi‘ lamp as a finished product. After her husband’s death, his wife had contacted Flos and shown the lamp manufacturer a drawing of it. Achille Castiglione reworked the draft and transformed it into a successful product, signed by both designers. Today Giacomo Manzoni manages the cultural heritage of the family. He was named after his grandfather whose artist’s name was Manzù. Fondazione Pio Manzù, established in 2016, is located in Bergamo. The move to Milan is to be completed no later than 2018. In the trunks there will be 5,000 drawings and drafts, 1,000 photographs, 30 models and two full-scale automobiles. “We are working on a re-edition of several designs and will present a book on my father at the furniture fair at the Milan showroom of Alias.“ Currently, three steady, long-term sellers are still on the market, manufactured by Alias, Alessi and Flos.

Gio Ponti (1891–1979)

On the colorful façade, a plate tells us the architect and designer Gio Ponto lived and worked here, in the backyard of a building designed by himself. Today, the ’Gio Ponti Archives‘ are accommodated at ground level, and they were founded and are managed by his grandsons Salvatore Licitra and Paolo Rosselli. The core comprises 100,000 written documents and 4,000 photographs, including letters and explanatory records on construction projects and design drawings. In Milan, Gio Ponti is regarded as a link to the modern times of the 20th century, of which he became a protagonist. He shaped the image of the city with his buildings. He founded the Domus magazine in 1928, discovered and promoted young architects and designers and worked as Art Director for porcelain manufacturer Richard Ginori. Salvatore Licitra describes the archive’s work as being very spontaneous: “We are working on book projects, exhibitions, films and lectures. And on products which are already being produced or are to be revamped. But our work is not systematic.“ In autumn next year, the Musée des Arts Décoratifs in Paris will stage an exhibition on Gio Ponti, and an architectural guide for his buildings in Milan will be published on the occasion of the Salone del Mobile.

Joe Colombo (1930–1971)

Two names are on the doorbell: J. Colombo and I. Favata The architects‘ studio of Ingnazia Favata is located in the south of Milan, only five minutes car ride away from Franco Albini‘s skyscrapers where Joe Colombo‘s erstwhile studio was situated. The architect, who formerly was this visionary designer’s assistant, administers Colombo’s complete archive consisting of about 500 designs. For almost four years Ingnazia Favata had translated his drawings into products when the designer, only 41 years old, died of a heart attack in 1971. Favata took over the design studio to protect Colombo’s work, since she already at that time was aware of its significance in design history. As yet, 50 products of Joe Colombo are available in the market. They were further developed and reworked such that they remain true to the original designs despite changed manufacturing processes. In addition, Joe Colombo’s name was registered as a trademark to prolong the duration of the copyrights. In Colombo’s case too, it is planned to transfer his heritage into a foundation. It will also have the task of supporting scientific research work and organizing shipping of exhibits.

Rodolfo Bonetto (1929–1991)

When Rodolfo Bonetto died in 1991, his son Marco had already worked with him for some years. His studio was known for automotive and transportation design and technical products. Early on, paying homage to his father, Marco initiated the ‘Targa Bonetto‘, a prize for design students awarded for the 22nd time in 2017. Now Marco Bonetto wants to transfer this prize and all later activities of the studio in his father‘s honor into a foundation during the course of this year and based in Milan. Marco explains: “In former times people did not think of preserving the documents of a design process – only the drawings were kept. Later at least the design pieces were photographed professionally.” While many original drawings, drafts and photographs still existed, Marco Bonetto has specifically collected about 120 products designed by his father, some of which he bought on the Internet. The product exhibition and the remakes initiated by the studio will also become part of the foundation. By the way, Rodolfo Bonetto started his career as a jazz musician. It was only by chance, inspired by his uncle, a racing driver, that his futuristic car sketches were transformed into real products. Since 1974 he has managed the Centro Stile Fiat for Automotive Interior Design. When he asked Tomás Maldonado, then Vice Chancellor of the ‘Hochschule für Gestaltung’ in Ulm, for admission to the ‘Hochschule’, he was instantly offered a position as a professor instead.

Author: Cecilia Fabiani


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