Home » Themen » Hospitality » Fachbeitrag Hospitality » London Calling

Design made in Britain – handwerkliche Tradition

London Calling

London Calling – mit handwerklicher Tradition und einer zeitgemäßen Formensprache mischen britische Unternehmen und Londoner Designer kräftig in der Interior-Branche mit.

Autor: Jörg Zimmermann

“This is London calling” – mit dieser wiederkehrenden Kennung richtete der BBC World Service sich an die Hörer rund um den Globus. Ein verbindender Gruß aus dem Zentrum des United Kingdom, der gleichzeitig ein Qualitätsversprechen für die nachfolgenden Sendungen war. Zuhause alles unter Kontrolle lautete die indirekte Botschaft, bis 1979 die britische Punkband The Clash unter dem Titel “London Calling” ein britisches Endzeitszenario in Noten goss. Der Song wird zu einem Meilenstein der Popmusik, das einst stolze Empire kämpft sich unterdessen bis heute durch immer neue Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft. Vorläufiger Höhepunkt ist der geplante Brexit, dessen Auswirkung mindestens für den internationalen Finanzplatz London völlig ungewiss ist. Während die Banker nervös über die Zukunft spekulieren und die Kunstszene nicht minder aufgeregt mit dem Abwandern von zahlungskräftiger Kundschaft rechnet, geben sich die Player der Design- und Interior-Branche ziemlich entspannt. Bei der jüngst im September veranstalteten London Design Week haben viele Stimmen im Herstellerlager und auch aufseiten der Gestalter eine positive Stimmung auf der britischen Insel konstatiert.
Was aufgrund der allgemeinen Umstände zunächst überraschend erscheinen mag, steht bei näherer Betrachtung doch auf einem guten Fundament. Bei allem strotzenden Selbstbewusstsein, der kreative Nabel der Welt zu sein, hat sich die Londoner Designszene spätestens seit der Jahrtausendwende Stück für Stück einen herausragenden Ruf erarbeitet. Dazu tragen die zahlreich in London lebenden Designer ebenso bei wie britische Traditionsunternehmen der Möbelindustrie und stylische Neugründungen. Auch der akademische Bereich kann mit der begehrten Ausbildung am Royal College of Art oder am Central Saint Martins, nun im schicken Neubauquartier hinter dem Bahnhof King’s Cross gelegen, punkten.
Lebendige Designszene
Lang ist die Liste der auch international erfolgreichen Designer: Ron Arad, Nigel Coates, John Pawson, Norman Foster, David Chipperfield, Ross Lovegrove, Jasper Morrison, Michael Anastassiades, Barber & Osgerby und nicht zuletzt Benjamin Hubert stehen beispielhaft für die über Generationen hinweg lebendige Londoner Designszene.
Sie arbeiten weltweit an ihren Projekten, sind geschätzte, weil erfahrene Gestalter der designorientierten Industrie. Auf der einen Seite stehen typische Autorendesigner wie Ron Arad oder Jasper Morrison, auf der anderen Seite doch zahlreiche Designer, die den Wechsel ins Produzentenlager gewagt haben. Einer der ersten, die diesen Weg lange vor dem breiten Trend erfolgreich beschritten haben, ist zweifelsohne Tom Dixon.
Mit den Erfahrungen aus Auftragsarbeiten als Designer und als Designchef und Kreativdirektor bei Habitat gründet Dixon 2002 sein eigenes Unternehmen. Unter dem Namen des Gründers wurden in den letzten Jahren vor allem Leuchten sowie Produkte und Accessoires aus Metall angeboten, ganz aktuell kommt mit ‘Workspace’ nun eine kleine Kollektion mit Office-Möbeln dazu. Mit einem Schwerpunkt auf Leuchten ist auch Lee Broom unterwegs. Der von der Financial Times als “meist geachtetes britisches Talent” eingestufte Jungdesigner ist seit der Gründung des Labels Lee Broom im Jahr 2007 immer wieder auf den wichtigen Designevents mit aufwendigen Installationen vertreten und verkauft mittlerweile seine Kollektion in mehr als 40 Ländern.
In die Reihe der erfolgreichen britischen Designer-Unternehmer gehört ganz ohne Zweifel Sebastian Wrong. Spätestens mit dem Projektlabel ‘Wrong for Hay’, einer Kollaboration mit dem dänischen Unternehmen Hay im Bereich Möbel und Accessoires, ist der Brite eine feste Größe an der Themse und im internationalen Business geworden. Neuster Coup des 45-Jährigen ist ‘wrong.london’, vorgestellt im April 2016. In Kooperation mit bekannten Produktdesignern wie Pierre Charpin, Stefan Diez, Lars Beller Fjetland, Johan van Hengel, Joel Hoff, Smith Matthias und Berjan Pot entwickelt die Unternehmung preisgünstige Leuchten für eine junge Zielgruppe. Sebastian Wrong schreibt damit sein Designverständnis fort, das er bereits als Gründungsmitglied beim Avantgarde-Label Established & Sons im Blick hatte und aktuell als dessen Design-Direktor weiterverfolgt.
Wie Wrong und Dixon suchen viele britische Designer die Auseinandersetzung mit dem Handwerk und handwerklichen Techniken, wohl auch, weil einige renommierte britische Möbelhersteller seit vielen Jahrzehnten erfolgreich mit Produkten im Markt sind, die, aus einem handwerklichen Qualitätsverständnis heraus entwickelt, mittlerweile nun aber oft mit moderner CNC-Technik produziert werden. Zu den festen Größen in dieser Kategorie gehört Ercol, ein heute in Buckingham-shire ansässiger Hersteller, der 1920 vom italienischen Einwanderer Lucian Ercolani gegründet wurde. Neben Originalentwürfen aus den Fifties oderSixties wie dem ‘Chiltern Chair’ oder dem ‘Love Seat’ findet sich auch zeitgemäßes Design im Programm. Der dreibeinige Stapelhocker ‘Svelto’, inhouse von Lisa Gould Sandall entwickelt, verbindet klassische Holzverarbeitung mit einer aktuellen Formensprache.
Hohe Produktqualität
Begeistert von den Möbeln der Moderne und auf der Suche nach der Fortschreibung dieser Ideen war Sheridan Coakley, als er 1985 in London das Unternehmen SCP gründet. Ein Jahr später präsentiert das Unternehmen, das seit Beginn gleichermaßen als Hersteller und Händler auftritt, beim Mailänder Salone del Mobile die ersten je produzierten Entwürfe von Jasper Morrison und Matthew Hilton. Der Rest ist ein Stück Designgeschichte, nicht nur der britischen, denn das Konzept von SCP kann wohl als erfolgreiche Blaupause für einige internationale Neugründungen in den Folgejahren gelten.
Heute ziehen vielfach jüngere Unternehmen die Aufmerksamkeit auf sich, deren Produktauswahl und vor allem Designsprache unmissverständlich auf eine internationale Kundschaft zielt. Im Jahr 2000 gründeten Jon Powell und Ed Richardson die Firma Modus, die kontinuierlich mit britischen Designern wie PearsonLloyd, Simon Pengelly und Michael Sodeau arbeitet, darüber hinaus aber auch andere internationale Gestalter wie Claesson Koivisto Rune, Monica Förster, Patrick Norguet und Christophe Pillet für sich gewinnen konnte. Die Auswahl der Designer gibt bereits Hinweise auf das Produktportfolio, das klar in der Gestaltung, in der Verwendbarkeit dann dem Zeitgeist folgend unverkrampft vielfältig ist.
So stellt sich die Frage nach unterschiedlichen Möbeln für Wohnen und Arbeiten nicht mehr, wenn man das System ‘Edge’ von PearsonLloyd betrachtet. Ein Sofa, Tischvarianten, eine Aufbewahrungseinheit – viel mehr braucht es nicht, damit Büro, Ess- oder Wohnzimmer funktionieren.
Während Modus gestalterische Zurückhaltung übt, scheint Made in Ratio auf der ununterbrochenen Suche nach ikonischen Stücken. Der 2013 vorgestellte ‘Cowrie Chair’, ein vollständig aus gebogenem Schichtholz gefertigter Sessel, ist längst dauerhaft in das visuelle Gedächtnis aufgenommen. Völlig anders in der Herstellung, aber auch einer organischen Formgebung verpflichtet, ist der Stuhl ‘Alpha’ aus 2015. Wie schon bei den sternförmigen Gestellen des Tisches ‘Supernova’ spielt neben der klaren äußeren Form die Verbindung der Elemente eine wichtige Rolle. Design, Konstruktion und Fertigung sind hier auf der Höhe der Zeit.
Technisch ebenfalls höchst anspruchsvoll ist die Herstellung der Leuchten beim Unternehmen Original BTC. Die Tischleuchte ‘Hector’ darf sich wohl britischer Klassiker nennen, mit demfacettierten Prozellanschirm der‘Hatton’ hat die Suche nach zeitgenössischen Formen begonnen. Ob die Schirme nun aus feinstem Porzellan oder glänzendem Metall gefertigt werden, die Produktion der dünnwandigen Lampenschirme verlangt einen sorgfältigen Umgang mit den Materialien. Die hohe Produktqualität gelingt wohl auch deshalb, weil die Herstellung, wie auch ganz oder teilweise bei fast allen genannten Unternehmen, auf der britischen Insel erfolgt. Mit London als kreativem Zentrum und hoher handwerklicher Tradition im Land sind die britischen Unternehmen der Designindustrie in keiner schlechten Position.

Mehr zum Thema Saloni Themen

Anzeige

Top-Thema

Anzeige

Neueste Beiträge

Titelbild md 12
Ausgabe
12.2019 kaufen

EINZELHEFT

ABO


Architektur Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de