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Kreatives Potenzial

Innenputz

Putz dient als Werkstoffgruppe für Außen- und Innenräume, verlor aber in den letzten Jahren in Deutschland an Bedeutung. Wie er als Innenputz wieder attraktiver werden kann, zeigt die Studie Rendering Codes des Institute International Trendscouting (IIT).

Autoren
Prof. Markus Schlegel vom IIT/HAWK und Livia Baum von Zukunftstil/IIT

Die Ästhetik des Putzes hat sich bisher kaum an aktuellen Wettbewerbern des Innenausbaus orientiert. Das Material stellt sich bis heute zumeist nur in den klassischen Körnungen oder den wiederbelebten historischen Oberflächentechniken wie Besenstrich- oder Kratzputz dar.

Damit sollte man sich jedoch nicht begnügen, schließlich erwarten Gestalter Oberflächen, die unter anderem ornamenthaft, vielschichtig oder grafisch bis dekorativ anmuten. Gleichwohl widmen sich Designer wieder verstärkt ausdrucksvoller und neuartiger Innenbeschichtungen. Es geht um Themen wie Flexibilität, Veränderbarkeit, Multifunktion und ein breiteres Körnungs- oder Zuschlagstoffspektrum.

Auf abstrakterer Ebene dreht es sich um Fragen, wie sich der Werkstoff an erweiterte Rahmenbedingungen anpassen kann, die zukünftiges flexibles oder mobiles Wohnen mit sich bringen; des Weiteren um die Rolle von Sensualität und Haptik an der Wand. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Fachgruppe Putz und Dekor des Verbandes der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie gemeinsam mit dem Institute International Trendscouting (IIT) dem Thema „Zukunft Putz“.

Die Beteiligten haben zunächst nach dem Leitthema „Zukunft braucht Herkunft“ die Vergangenheit anhand von Bildwelten analysiert, ausgewertet und dokumentiert. Zudem organisierten sie in mobilen Laboreinheiten Workshops, an denen sich Experten aus den Bereichen Architektur, Design und Innenarchitektur beteiligten. Die Teilnehmer erarbeiteten visuell gelagerte Szenarien, also Bildcollagen mit Schlüsselbegriffen, zu einer festgelegten Fragestellung zum Leben und Wohnen in der Zukunft.

Technische Entwicklungen haben einen großen Einfluss auf aktuelle Bau- und Werkstoffe sowie auf die Erwartungshaltung der Kunden. Zu den Entwicklungen zählen parametrisches Planen und Produzieren sowie Oberflächenbearbeitungstechniken wie Prägen, Gravieren, Lasern oder Drucken, zum Beispiel auf Holz, Glas oder Metall. Diese Anwendungsmöglichkeiten bewirken, dass man sich heute seltener für eine Putzoberfläche entscheidet als noch vor fünfzehn Jahren.

Aus den Workshop-Ergebnissen und am Ende intensiver Diskussionen mit den Teilnehmern entwickelten sich unterschiedliche Themencluster. Diese Oberthemen skizzieren unterschiedliche technische und kreative Entwicklungsmöglichkeiten in Form von Szenarien.

Zu den Erkenntnissen zählte, dass tradierte Handwerkstechniken in Verbindung mit Nachhaltigkeitsaspekten weiter an Bedeutung gewinnen werden. Außerdem sollte sich der Innenputz gegenüber Themen wie Digitalität, Vernetzung, Multifunktion, Robotik und Modularität öffnen. Dadurch entstehen erweiterte Einsatzmöglichkeiten und die Chance, dass das Produkt Antworten zum Beispiel hinsichtlich der Individualisierung liefern kann.

Ästhetik und Funktion

Oberflächen sollen unsere Sinne ansprechen. Sie sollen Geschichten erzählen, Identität stiften, echt und authentisch wirken. Damit verbunden sind besondere Anforderungen an das Design und Handwerk; ebenso an neue Fertigungstechniken wie Mix, Adaptionen und neue experimentelle Verknüpfungen. Sie können den Putz von der aktuellen, bekannten Optik entkoppeln. Dabei spielen neben der Ästhetik auch funktionale Aspekte wie Akustik oder Nachhaltigkeit eine Rolle. Bedruckter oder gefräster Putz, 3D-gedruckte Zuschlagstoffe und Stempeltechniken, zudem Themen wie Leichtbauweise oder Modularität stehen für Wandlungsfähigkeit, Vielschichtigkeit und Multifunktion. Weitere Szenarien sind denkbar, zum Beispiel, dass der Putz künftig als Nährboden für Pflanzen dient und somit hilft, die Raumluft zu reinigen oder zu filtern.

Im Innenraum spielen Behaglichkeit, Wohlbefinden und Authentizität eine besondere Rolle. Etwas Anspruchsvolles und Dauerhaftes lässt sich durch Einfachheit und Reduktion erzeugen, wozu eine handwerklich applizierte Putztechnik beitragen kann. Sie muss historische Techniken, Körnungen und Materialzusammensetzungen intensivieren. Das gilt auch für regionale Werkstoffkomponenten und kulturelle Farbcodierungen.

Baustoffe der Zukunft

Kalk und Lehm werden mit neuen Techniken kombiniert und intelligent weiterentwickelt. Sie zählen in diesem Denkmodell zu den Baustoffen der Zukunft. Ein Beispiel ist der feuchteregulierende Kalkputz. Mittels hochfunktionaler Naturfüllstoffe vereint er bewährte Eigenschaften von Kalkprodukten mit den Vorteilen traditioneller Lehmputze. Ebenfalls denkbar sind die Entwicklung neuer Recycling- und Verbundwerkstoffe oder Kombinationen herkömmlicher Systeme mit Smart Materials.

Das Internet der Dinge und Digitalisierungsprozesse führen dazu, dass nahezu alles vernetzt, smart, intelligent und on demand verfügbar sein wird. Das macht auch vor Wänden nicht halt. Sie müssen Informationen senden und verarbeiten können.

Mit neuen Werkstoffkomponenten lässt sich diese Spannbreite schon bald abdecken. Hier sind Forschungsarbeiten zu leitenden oder datenspeichernden Zuschlagstoffen sowie Gewebekomponenten im Putz denkbar. Einige Szenarien: Medienflächen könnten in Zukunft zum Bestandteil einer Putzfläche werden, wodurch Historie, Tradition und Vernetzung verschmelzen. Dabei gerät der Innenputz zur reaktiven Fläche, zum Transmitter oder Datenspeicher. Ebenso könnte er durch Licht emittierende Zuschlagstoffe leuchten oder farbliche Veränderungen veranlassen. An der Fassade könnte er Energie erzeugen, speichern und sie als Wärme an die Innenräume weitergeben.

Multifunktionskomponenten

Für die Baubranche und das Handwerk bedeutet das, gute Traditionen fortzuschreiben, sich aber auch konstruktiv und mutig der umwälzenden kulturellen und speziell digitalen Transformation zu stellen, gewerkeübergreifend zu denken und zu handeln. Die Herausforderung, den Putz der Zukunft mit unterschiedlichen Multifunktionskomponenten auszustatten, ist nur in der Zusammenführung bisher fremder Themen und Akteure möglich. Für Gestalter bedeutet das, neue Kooperationen mit dem Handwerk und der Industrie einzugehen und gemeinsam Innovationen zu entwickeln.

Vor allem das Handwerk muss selbstbewusst fast verloren gegangene Kompetenzen wiederentdecken und im Schulterschluss mit Innenarchitekten und Designern individuelle Lösungen entwickeln. Dann entstehen viele Codierungen und Funktionsmöglichkeiten für den Innenputz, die den Innenraum vertraut und zukunftsfähig zugleich erscheinen lassen.

Weitere Infos bei Zukunftsstil

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