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Innenarchitekten geben Sicherheit

Innenarchitekten
Blick in die Zukunft, wohin auch immer er gerichtet ist. Foto: Rudolf Schricker
Wendezeiten: Nicht, dass Innenarchitekten die besseren Architekten sein wollten. Das Blatt hat sich grundsätzlich gedreht. So manche Baufachverwandte stellen innenräumliche Qualität in den Fokus und möchten sein wie Innenarchitekten.

Analog zur Wiederentdeckung des Innenraumes als Schutzmantel, Herberge und letzter Hort von Intimität und Vertrauen, geraten Hoffnungen, Emotionen und Leidenschaften in den bislang von Rationalität und Verallgemeinerung gekennzeichneten Entwurfsprozess. Planer-Events sind nach langjähriger Entwicklungsarbeit gerade en vogue. So, als müsse Architektur verloren gegangenes Terrain zurückgewinnen, jetzt also der „Planer zum Anfassen“; „sind doch auch nur Menschen!“; und so werden zwischen Lachshäppchen und Saxophonklängen nach wie vor Werkberichte und intellektuelle Diskussionen vom Zaun gebrochen, die vorgeben, bedeutsame Gedanken zum Thema „Entwerfen und Planen“ zu entwickeln.

Ernüchterung folgt wie nach jedem Rausch. Zeit- und Kostenpläne werden nach wie vor nicht eingehalten. Quantitative Größen sind selten frei von Fehlern; Technikkompetenz hat sehr gelitten; „Building made in Germany?“; zunehmende Komplexität muss herhalten, um konstruktive Defizite zu erklären. Unsicherheit hinten und vorne.

Haben Sie schon einmal in einem Kunstwerk gelebt?

„Weglassen“ scheint nicht nur ein bewährtes Prinzip minimalistischer Gestaltungsauffassung zu sein, es erfordert vor allem keine Rücksichtnahme auf spätere Nutzer und Menschen, die mit diesen intellektuellen Konzepten über den Tag hinaus klarkommen müssen. Verantwortungsbewusstsein in der Gestaltung beinhaltet ganz sicher auch Feedback-Gedanken und aufmerksames Beobachten von Architektur-, Raum- und Produktnutzern in den Jahren nach Fertigstellung.

Eigentlich sollte über den „Wert“ guter Gestaltung erst nach einer gewissen Bewährungszeit diskutiert werden, sozusagen mit der jahrelang gemachten Erfahrung betroffener Menschen.

Wer Welten entwirft, sollte diese Frage nach „Kunst“ oder „Dienstleistung“ für sich ehrlich beantworten, bevor er Menschen zu ihrem Glück zwingt und sie alternativlos in diesen entworfenen Welten sich selber überlässt. Wer je in einem Kunstwerk leben musste, weiß, wie rasch Kompromisslosigkeit und Dogmen zu Depression und Selbstaufgabe führen können.

Innenarchitekten sollten sich in Demut üben

Verantwortung zu übernehmen, auch für die Zeit nach Fertigstellung oder Markteinführung, erfordert wesentlich mehr als das Abhaken quantitativer Kenngrößen. Will Gestaltung nicht nur richtig und schön werden, gleichsam und zudem als „gut“ umschrieben werden, sind andere Qualitätskriterien erforderlich, die mehr mit Akzeptanz, Identifikation und individuellem Bedeutungsgewinn zu tun haben. Dieser in letzter Zeit überstrapazierte Begriff „Nachhaltigkeit“ umfasst bislang allzu sehr nur berechenbare Kenngrößen und Allgemeingültigkeit. Einfache und gemeine Formeln erzeugen jedoch meist nur Monotonie und Stumpfsinn.

Zeit der Dämmerung scheint anzubrechen; Arroganz und Überheblichkeit helfen offenbar nicht mehr. Vor fast hundert Jahren war Frank Lloyd Wright wenigsten ehrlich und bekannte „Schon früh in meinem Leben musste ich mich zwischen ehrlicher Arroganz und scheinheiliger Demut entscheiden. Ich entschied mich für die Arroganz“. Heutzutage flüchten sich viele in Ironie (hier sei Wilhelm Kückers „Das Ego des Architekten“ aus dem Jahr 2010 zur Lektüre zu empfehlen) oder in Ignoranz, selten in Demut.

Architektensorgen sind nicht die Sorgen der Innenarchitekten

Es soll hier aber auch kein Ressentiment angeführt werden; im Gegenteil. Kein Grund zur Schadenfreude. Innenarchitekten haben sich selten bis nie in Hemisphären der „großen“ Architektur bewegt. Architektursorgen sind meist keine Innenarchitektursorgen. Innenarchitektur ist kleiner, bescheidener, intimer, persönlicher und scheut damit auch das Gezerre im Rampenlicht. Anders als die große Bühne „Architektur“, auf der es stets um Grundsätzliches und Fundamentales geht, wird im Kammertheater „Innenarchitektur“ mehr individuelles Schicksal, persönlicher Erkenntnisgewinn und Mehrwert im Kleinen gespielt.

In der Planung wieder „mehr Zuversicht wagen“; sich darauf konzentrieren, wonach eine gestalterische Idee immer Wirkung zeigt und Bedeutung gewinnt für Menschen – später; lange nachdem der Planer aus der Verantwortung scheint. Ermutigende Gestaltung ist nachhaltig, weil sie Konsequenzen kalkuliert und den Umgang damit simuliert. In unsicheren Zeiten ist Mut machendes Design lebenswichtig.

Dem Prinzip guter Gestaltung ist der Anspruch, den Menschen Angst zu nehmen und Zuversicht zu geben, in die Wiege gelegt. Alle verantwortungsbewussten Gestalter und Planer, die sich mit Menschen in Räumen beschäftigen, sind Mutmacher und Personal Trainer in Sachen Healing Environment. Innenarchitektur heute ist integrativ und interdisziplinär … und sie gibt Sicherheit.

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Rudolf Schricker

Kolumnist

ist Professor an der Hochschule Coburg, Dipl.-Ing. Innenarchitekt BDIA, Planungsatelier Stuttgart und Coburg, did institut innenarchitektur+ design, Buchautor, Publizist, Gutachter.


Spot on Interior

Providing security

Times of change. Not that interior designers would want to be the better architects. The tide has turned fundamentally. It is not only a few people in the building trade who focus on interior-space quality and want to be like interior designers. “Omission“ not only seems to be a proven principle of a minimalist design philosophy, but necessitates most of all no respect for subsequent users and people who will have to come to grips with these intellectual concepts in the long run. Certainly a sense of responsibility also includes feedback ideas and attentive observation by users of architecture, spaces and products in the years after their completion.
Actually the “value“ of good design should be discussed no sooner than after a certain trial period, i.e. by referring to the long-lasting experience of people concerned. All designers who create worlds should honestly answer the question about “art” or “service” before they force people to live happily with their products and abandon them without any alternative in these designed worlds. Anybody who had to live in a work of art knows how quickly intransigence and dogmas can lead to depression and self-abandonment.

Interior spaces are rediscovered as a protective sheath, shelter and last refuge of intimacy and trust, and something similar happens with hopes, emotions and passions that are blundering into a design process which has up to now been characterized by rationality and generalization. After long-term development work, planner events are currently en vogue. It’s as if architecture had to regain lost territory, and so slogans crop up like “the approachable planner” or “they are only human beings just like us“. Surrounded by salmon canapés and grooving saxophones, work reports and intellectual discussions are still being unleashed, pretending to develop meaningful thoughts on the subject of “designing and planning”.

Disillusionment will follow as soon as the state of euphoria has passed. Time and cost plans will still not be kept. Quantitative sizes will rarely be faultless; technological competence has suffered greatly; “Building made in Germany?”; an increasing complexity must serve to explain constructive deficits. Uncertainties all over the place.

Columnist Rudolf Schricker

is a professor at Coburg University, Dipl. Ing. Interior designer BDIA, planning studios in Stuttgart and Coburg, did institut innenarchitektur+ design, author of books, publicist, expert appraiser.

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