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Spot on Architecture. Freespace – Titel und Thema in Venedig. md-mag.com

Spot on Architecture
Freespace

Freespace
‚Possible Spaces ...‘ – der dänische Pavillon geht beispielhaft und innovativ mit der eigenen Architekturtradition um. Foto: ©Rasmus Hjortshoj – Coast
Ist die aktuelle 16. Architekturbiennale in Venedig zu wenig politisch? Architektur kann die weltpolitischen Probleme nicht lösen. Es werden großartige Beispiele gezeigt, aber auch Ansätze der Vermittlung der Bedingungen, unter denen Architektur entsteht.

Freespace lautet das Thema der beiden irischen Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara, die sich mit den Bauten ihres Büros ‚Grafton’ bereits einen weltweiten Namen gemacht haben. In ihrem Manifest zur Ausstellung findet man Begriffe wie Großzügigkeit, Menschlichkeit, Würde, Freiheit, Erinnerung – Werte, die in einer Gesellschaft auch mit Architektur, als gebaute Qualität, unterstützt werden können.

Wie aber lässt sich das vermitteln, gerade für Laien, die sich ja in den Giardini oder im Arsenale einfinden, sobald der Hype der Eröffnungstage verklungen ist? Zu den Zukunftssorgen breiter Bevölkerungsschichten findet man keine direkten Antworten. Mit guter Architektur alleine kann man gesellschaftliche Probleme auch nicht lösen und nicht reparieren, was in politischen Entscheidungen vertan wird. Aber wir müssen die Potenziale von Architektur ausschöpfen, und unabhängig von Programm und Budget einen räumlichen und gestalterischen Mehrwert erzeugen. Mithilfe von Architektur können die gesellschaftlichen Werte im öffentlichen Raum lesbar werden.

Freespace – Freiraum als Metapher, anhand von drei unterschiedlichen Ansätzen der Architekturvermittlung aufgezeigt:

Im Schweizer Pavillon wird unsere räumliche Wahrnehmung beunruhigt. In der ‚Svizzera 240: House Tour’ von einem jungen Team von vier wissenschaftlichen Mitarbeitern der ETH Zürich, werden die anerkannten und angewendeten Standards im Wohnungsbau der Hochkon- junktur visualisiert. Die Raumfolge ist geprägt von immer der gleichen Typologie von Einrichtungselementen: Parkettboden, weißen Wänden und Lichtschaltern, Einbauküche und Türen. Nur, dass sie von einer Art Miniatur zu Übergrößen anwachsen und so unsere Sehgewohnheit irritieren. Kritisch hinterfragt werden Normierung und Zwänge der Alltagsarchitektur, die den Architekten keine Freiräume mehr lassen. Die Raumhöhe ist immer 2.40 m. Soweit ist die Installation beeindruckend, jedoch wird uns keine weitergehende inhaltliche Auseinandersetzung mit den Hintergründen gesellschaftlicher und technischer Normen angeboten. Nur wer den Katalog kauft, kann hierfür Erläuterungen finden.

Im dänischen Pavillon wird uns ein Lernraum angeboten. ‚Possible Spaces – Sustainable Development through Collaborative Innovations’ zeigt an vier Projekten beispielhaft, wie man mit der Kraft der dänischen Architekturtradition, mit Innovation und gebauter Umgebung umgehen kann. Die Projekte sind aus den Bereichen Mobilität, kultureller Widerstandsfähigkeit, Wohnen und rechnerbetonten Ressourcen im globalen Kontext. Jedes der Beispiele zeigt das transformative Potenzial des gemeinschaftlichen Bemühens für eine nachhaltige Zukunft. Für die Vermittlung der komplexen Inhalte wurde ein Raumbereich als Agora ausgebaut. Die Kuratorin Natalie Mossin hatte herausgefunden, dass die Hälfte der Besucher der Biennale italienische Schulklassen sind, die sich hier niederlassen können und zu den ausgestellten Themen Unterrichtsmaterial in Italienisch vorfinden, mit Fragestellungen, wie man einen Diskurswechsel gemeinsam bewerkstelligen kann.

Einer inhaltlichen Auseinandersetzung verweigert sich der Britische Pavillon. ‚Island’ heißt der Beitrag von Caruso St John Architekten, die zusammen mit dem Künstler Marcus Taylor einen neuen Freespace auf dem Dach des Pavillons errichten. Der Pavillon selbst zeigt keine Ausstellung, sondern dient lediglich als Plattform für Vorträge, Performances, Filme, Architekturgespräche und Debatten. Den Kuratoren zufolge gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Projekt „Island“ zu interpretieren: Es stehe für Abbruch, Wiederaufbau, Isolation – und somit auch für den Brexit. Das Thema vermittelt sich verständlich, jedoch reflektiert es nicht, was es für die Architektur bedeutet.

Weicht die Präsentation dem offenen Diskurs aus? Oder ist Freespace nicht auch der Mut, nichts zu zeigen? Ist es nicht angemessen und sogar politisch relevant, wenn nichts gezeigt und nichts gebaut wird und keine Ressourcen verbraucht werden?

Heute sprechen wir davon, dass wir einen kulturellen Wandel benötigen vom Neu(Ersatz)bau zum Erhalt der bestehenden Bausubstanz und der Weiternutzung, ohne das Gebäude einer Totalsanierung nach neusten Normen zu unterziehen. Weg vom Verursachen von CO2 durch immer neue Bauten. Wenn wir den Klimawandel nicht entschärfen, brauchen wir über Architekturausstellungen, Vermittlung und Pavillons in Venedig nicht mehr nachdenken. Venedig ist dann bereits untergegangen.

Weitere Spot on … lesen Sie hier

Freiraum als Metapher

https://www.md-mag.com/interior-architecture/fachbeitraege/spot-on/3d-druck-3/


Kolumnist Amandus Samsøe Sattler

Gründungspartner des Architekturbüros Allmann Sattler Wappner, München. Präsidiumsmitglied beim DGNB, Mitglied des Gestaltungsbeirats der Städte Wiesbaden und Oldenburg; Leitung internationaler Workshops, eigenes künstlerisches Werk in Fotografie.

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