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Eine kritische Bestandsaufnahme.

Digitalisierung

Digitalisierung
Digital-Träume: Was ist, wenn der Job von KI erledigt wird? Foto: dobeStock/phonlamaiphoto
Wer von Digitalisierung redet, muss erst einmal eine flächendeckend funktionierende Infrastruktur schaffen. Und er oder sie muss dafür sorgen, dass Arbeitsplätze und deren Standorte nicht gefährdet werden. Eine kritische Bestandsaufnahme.

Wenn Dorothea Baer, Staatsministerin für Digitalisierung, ihre Initialphase überwunden hat, wird sie auf dem Weg zur Arbeit aus ihrem Lufttaxi vermutlich über eine digitale Trümmerlandschaft blicken, so es überhaupt abheben darf. Denn laut ihrer Chefin Worte wäre Brandenburg schon froh, funktionierende 2G-Netze zu erleben. Zu langsam für ein Lufttaxi, das auf Datenwolken reitet. Und die modernsten Züge der Deutschen Bahn rollen von der Hauptstadt nach Westen und Süden durch ein Patchwork an lahmen Netzen mit großen weißen Flecken. Die Prärie der Ahnungslosen?

Unter dem Lufttaxi von Frau Baer läge das Flachland von Berlin mit vielen Höhepunkten der aufkommenden Industriegeschichte. Die Metropole schickt sich an, die Start-up-Hauptstadt der Welt zu werden. Digitalisierung und Industrie 4.0 stehen auf der Liste der meistdiskutierten Themen ganz oben. Leider nicht die Frage des Arbeitsplatzes. Liegt das daran, dass er eine ungewisse Zukunft hat? Wer braucht einen Arbeitsplatz, wenn sein Job von einer Künstlichen Intelligenz erledigt werden soll?

Kollaborierende Roboter

Ich war erleichtert zu lesen, dass von einer Ersetzung des Menschen durch Roboter- oder KI-Kollegen keinesfalls die Rede sein könne. Viel eher werden wir kollaborierende Roboter erleben, sagen Fachleute. So viel zum Thema Digital-Träume.

Auch die Ursprünge der Ergonomie kommen wieder zu neuem Glanz. Ich lernte, dass ein CPS für eine deutliche Entlastung von Mitarbeitern sorgt. Sie wissen nicht, was ein CPS ist? Ich auch nicht. Es ist ein cyberphysisches System. Verfügt es über personenspezifische Angaben, so sind Teile davon in der Lage, in eigenständiger Weise zu entscheiden, wer für den nächsten Arbeitsschritt infrage kommt: Wer hat die geeignete Körpergröße? Wer wäre zu stark belastet und übernimmt deshalb besser eine andere Aufgabe?

Die systematische Beantwortung solcher Fragen wurde vor 80 Jahren als unmenschlich verboten. Die Lehre von Frederick Winslow Taylor beruhte darauf und hat ihren Ruf seither nie wieder aufpolieren können. Die Auswahl der richtigen Mitarbeiter für die richtige Arbeit, super Idee der 60er- und 70er-Jahre, hat der Arbeitspsychologie nachhaltig geschadet. Und solche Träume werden nach der Digitalisierung wahr?

Ergonomie 2.0

Ergonomie 1.0 stand vor 40 Jahren für Haltung, Körperhaltung. Man tippe nur das Wort in einen Browser und gucke sich die Bilder an. Alles aufrecht vor einem Monitor sitzende Figuren. Ergonomie 2.0 im Zeitalter der Digitalisierung bedeutet auch Haltung, diesmal aber Geisteshaltung. Denn digitalisiert ist die Arbeitswelt hinreichend. Schließlich suchen wir Konzepte für Arbeitsgestaltung und −organisation, und zwar nicht für Tante Emma ihren Laden, sondern in globalem Maßstab. Die üblichen Verdächtigen, die Konzepte für die Arbeit liefern, Psychologen, sind eher abgetaucht. Die Soziologen, die von Berufs wegen global denken müssen, warten noch eine Weile auf ihren Einsatz. Sie beschreiben lieber das Entstandene. Das Kommende vorherzusagen ist bekanntermaßen gefährlich.

Gefährlich bleibt das Thema Digital-Träume auch wegen ihres Ziels. Denn Digitalisierung bedeutet Freiheit für Daten vom Datenträger, und das führt zur Entgrenzung der Arbeit. Diese geht ihres Wegs, dorthin, wo sie am billigsten erledigt wird. Man baut keine CPS, nur um Mitarbeiter zu entlasten. Da solche Systeme weder Moral noch Ethik kennen, bestimmen sie beispielsweise, was als Standort für eine Arbeit infrage kommt, ohne an die Arbeitenden und ihre Familien zu denken. Arbeit X.0 oder Industrie X.0 können also bedeuten: X wie unbekannt verzogen, Null wie Null. Die Arbeit sucht sich ihren Ort, aber nicht hier.

Der gesuchte Ort sollte nach der Digitalisierung 1.0 aus den 80er-Jahren, Telearbeit, zum Beispiel der bayrische Wald sein. Dort saßen traditionell Heimarbeiterinnen und sollten nunmehr keine Perlen für Rosenkränze auffädeln, sondern Informationen verarbeiten. Die sind dort auch bei 2G stehen geblieben – wie die Brandenburger. Und Dettingen an der Erms sinniert heute noch über Telearbeit. Doch die 5G-Netzwerke werden weder dort noch in Brandenburg entstehen, sondern in Ballungszentren. Dass dies falsch ist, wusste man schon zu Zeiten von Digitalisierung 1.0. Ob wir mal zu smarten Systemen kommen, die verhindern, dass sich die Geschichte wiederholen muss?

Wenn der Wind der Veränderung bläst, bauen manche Mauern, andere Windmühlen. Unsere Windmühlen stehen bereits in der Nordsee. Wenn ein Wunder geschieht, kommt deren Strom in den bayrischen Wald, um die Mobilnetze zu speisen.


Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

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