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Digital detox

Kolumne über digitale Meetings und die Sache mit dem Bügeln
Digital detox

Digital detox, digitalisierung, René Spitz
Zirkus oder Käfig? Genau weiß man das bei digitalen Meetings nie. Screenshot: René Spitz
Die Pandemie hat neue Verhaltensweisen hervorgebracht, neue Erfahrungen, gar neue Worte. Man sollte also meinen, sie fördere Kreativität. Doch die Digitalisierung des gemeinschaftlichen Arbeitens wirkt bei kreativen Tätigkeiten als schleichendes Gift. René Spitz empfiehlt digital detox.

Selten so viel gelernt wie 2020. Über Gespräche von Mensch zu Mensch im Angesicht der Maske. Über den Austausch von Gedanken in Videokonferenzen. Und darüber, dass Videokonferenzen sich für den Austausch von Gedanken kaum eignen. Was den technischen Rahmenbedingungen geschuldet ist und nicht den Gesprächspartnern. Aber dazu später mehr.

Neuer Wortschatz

Der aktive Wortschatz ist auch gewachsen. „Breakout Session“, „Zoom fatigue“ und „Laundry test“ kommen jetzt flüssig über die Lippen. Sie beschreiben Phänomene, die den neuen (Berufs-) Alltag vieler Menschen seit März 2020 bestimmen.

Besonderen Charme verströmt „Laundry test“. Ein Begriff, der in Harvard geprägt wurde und sich so rasch verbreitet hat, dass keine Zeit für seine Übersetzung geblieben ist. Damit wird kein Test benannt, dem die (gewaschene) Wäsche unterzogen wird. Vielmehr ist Bügelwäsche, die erledigt werden muss, selbst das Testinstrument. Hier die Versuchsanordnung.

Laundry Test

Schritt 1: Platzieren Sie Bügeleisen, Bügelbrett und den Korb voller Wäsche.

Schritt 2: Starten Sie Ihr digitales Endgerät (Laptop, Tablet, Smartphone) und nehmen Sie an Ihrer Videokonferenz (Zoom, Teams, Skype etc.) teil. Vorzugsweise stellen Sie Ihr Mikrofon stumm (neues deutsches Zeitwort: jemanden oder sich selbst „muten“). Und wenn Sie schon mal dabei sind, können Sie auch direkt Ihre Kamera ausschalten.

Schritt 3: Bügeln Sie.

Konferenz durchgefallen

Wer oder was dabei getestet wird? Die Person, die die Videokonferenz einberufen und durchgeführt hat. Denn wenn es Ihnen gelungen ist, Ihre Hausarbeit entspannt abzuhaken und Sie gleichzeitig nichts in der Konferenz verpasst haben, dann ist die Konferenz durchgefallen (bzw. die oder der Verantwortliche).

Qualitäten und Erfordernisse

Dann hat sich Ihre Teilnahme nicht gelohnt. Dann hat sich die Teilnahme für niemanden gelohnt. Dann war es eine unverantwortliche Vergeudung von Zeit und Energie. Und dann hat jemand die spezifischen Qualitäten und Erfordernisse von Gruppenterminen mit digitalen Medien nicht verstanden.

Der Begriff stammt übrigens von einer Studentin, die von einem Professor gefragt wurde, wann sich aus ihrer Erfahrung die Teilnahme an einer Online-Vorlesung lohnt.

Designstudium

Zoom fatigue

Mittlerweile mussten viel zu viele Menschen an ihrem heimischen Küchentisch Bildschirmtermine über sich ergehen lassen, die wohlwollend als ärgerliche Belästigung, nüchtern als unprofessionelle Zumutung zu bewerten sind.

Buzzword des letzten Jahres: Purpose

Darum hat sich „Zoom fatigue“ breitgemacht, die Stimmung resignierter Ermüdung, hervorgerufen durch einen Mangel an Bügelwäsche für den Arbeitstag. „Purpose“ (wer erinnert sich noch an DAS Buzzword des letzten Jahres?), Befriedigung und Erfüllung schwinden mit der Bügelwäsche.

Alcatraz light

Der Ausweg ist aber auch nur ein scheinbarer, denn selbst die temporäre Flucht aus dem Gefängnis der Videokonferenz-Plattformen ist längst in das gesamte System integriert. Nennt sich „Breakout-Session“: Eine kleine Gruppe unternimmt einen regulierten und kontrollierten Ausbruch aus dem Monolog der Bildschirm-Briefmarken und diskutiert in kleiner Runde das aktuelle Thema.

Alcatraz light oder: Jetzt sind wir alle für ein paar Minuten spontan!

Das Wesen der Gestaltungspraxis

Wir müssen den widrigen Umständen dankbar sein, dass aus ihnen eine zentrale Erkenntnis hervorgetreten ist: Die wesentlichen Qualitäten von Teamarbeit in gestalterischen Berufen lassen sich nicht digitalisieren. Denn das Wesen der Gestaltungspraxis besteht darin, dass viele Beteiligte etwas Neues entwickeln. Und dafür ist der persönliche Austausch von Mensch zu Mensch grundlegend.

Physische Präsenz fördert gegenseitige Inspiration. Sie entsteht aus informellen, nonverbalen Anteilen der Kommunikation. Ambiguität provoziert Gedankensprünge und Querdenken.

Digitalisierung als Gift

Der Bildschirm entfernt aber das Nicht-Binäre, das Dazwischen und das Periphere. Anders gewendet: Wenn es darum geht, Zahlenwerk wie eine Preisliste oder einen Terminplan zu besprechen, sind Videokonferenzen wunderbar effizient. Bei allen anderen Aufgaben wirkt die Digitalisierung als Gift auf genau das, worum es im Kern geht: lebendige Vielfalt und sprühenden Ideenreichtum.

Digital detox

Die Quintessenz: 2021 wird das Jahr, in dem wir die inspirierende und bereichernde Energie des persönlichen Austauschs von Mensch zu Mensch feiern werden. Digital detox: Bildschirm aus, Kreativität an.

Weitere Beiträge von René Spitz finden Sie hier


Kolumnist

Prof. Dr. René Spitz lehrt an der RFH Köln Designwissenschaft. Seit 20 Jahren berichtet er als Designkritiker des WDR. Sein Interesse gilt der gesellschaftlichen Verantwortung der Gestalter.

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