Grundlagenwissen: Tradition und Erneuerung der Marke RAL
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Grundlagenwissen: Tradition und Erneuerung der Marke RAL

Die Vermessung der Farbwelt

Klar kennt man RAL. Doch wie ist die Organisation entstanden? Nach welchen Kriterien werden ihre Farben ausgewählt? Und hat der Zeitgeist einen Einfluss? Eva Maria Knoth, Inhaberin des Unternehmens diefarbwerkstatt, verschafft einen Überblick.

Autorin: Eva-Maria Knoth

Wer mit Farben arbeitet, für den ist RAL ein Standardwerkzeug. Ich lernte es beispielsweise schon in der Berufsschule kennen, und es begleitet mich auch heute bei meiner Tätigkeit in der Schnittstelle von Innenarchitektur, Malereihandwerk und Farbgestaltung. Damit schreibt sich eine Tradition fort: 1925 wurde die Organisation von Vertretern aus Politik und Wirtschaft gegründet: Es war eine Zeit der Standardisierung, in der technische Prüf-, Güte-, und Bezeichnungsbedingungen geschaffen wurden, um Verbraucherschutz zu gewährleisten und um die technische Kommunikation zwischen einzelnen Unternehmen und Zulieferern zu erleichtern. RAL, ehemals ‚Reichs-Ausschuss für Lieferbedingungen‘, hat somit die Aufgabe, als unabhängige Organisation Standards für Produktqualitäten festzulegen und zu überwachen.

Die ersten RAL-Farbtonkarten kamen 1927 auf den Markt.

Die ersten Farbtonkarten kamen 1927 auf den Markt, in einer Zeit der Hochkonjunktur in Deutschland, in der sich die Massenproduktion weiterentwickelte und die Serienproduktion des Automobils richtig Fahrt aufnahm. Die Sammlung umfasste 40 Farben, die sich in Öffentlichkeit und Industrie als gebräuchlich erwiesen hatten. Die ‚Classic‘-Kollektion wurde ständig erweitert, sodass sie bis heute 231 Farben enthält. „Als Instrument der freiwilligen Selbstregulierung der Wirtschaft hat RAL mit Blick auf seine heutigen Aufgaben die Erwartung seiner damaligen Gründer übertroffen“, sagt Markus Frentrop, Global Head bei RAL Farben.

Signalgelb, Telemagenta

Die Auswahlkriterien beschreibt die Organisation wie folgt: „Zum einen muss der Farbton zeitlos sein und einem übergeordneten öffentlichen Interesse unterliegen. Weiterhin muss der Farbton umweltfreundlich und witterungsbeständig herstellbar sein, eine hohe Deckkraft haben und es muss ein sichtbarer Unterschied zu vorhandenen Farben gegeben sein“. Die in den Jahren aufgebaute ‚Classic‘Sammlung besteht aus einer Reihe von Farbtönen, die von wichtigen Institutionen und großen Unternehmen benutzt werden. Außerdem finden sich dort, konform mit der DIN EN ISO 7010, auch alle Sicherheits- und Signalfarben aus unserem Alltag. Jedes Verkehrsschild, jedes Piktogramm aus dem öffentlichen Leben, jedes Gebots- oder Verbotszeichen hat einen durch RAL standardisierten Farbton.

Das System wird fortlaufend weiterentwickelt.

1993 wurde die ‚Classic‘-Farbreihe durch ein neues System ergänzt, um den gestiegenen Anforderungen und Bedürfnissen von Designern, Architekten und Werbetreibenden entgegenzukommen. Dabei entstand auch eine neue Namensgebung: Während ‚Classic‘-Farben einen vierstelligen Nummerncode haben, hat das ‚Design System‘, das ein Pendant zu Munsell und NCS darstellt, einen siebenstelligen. Bei Letzterem beschreibt das erste Zahlentripel den Buntton, das folgende Zahlenpaar die Helligkeit und das abschließende Zahlenpaar die Sättigung.

2018 wurde die Farbenreihe als ‚Design System plus‘ erneuert. Ein interdisziplinäres Team aus Farbwissenschaftlern, Farbgestaltern, Marketing- und Kommunikationsexperten ergänzte die Palette unter Berücksichtigung von Kundenrückmeldungen und mit dem Blick auf langfristige Megatrends um rund 200 Farbtöne.

Addition und Integration

Eine lange Entwicklungszeit sicherte, dass die einzelnen Töne keinen kurzlebigen Trends unterliegen. Vor sechs Jahren ging das Projekt in die Planung, in den letzten drei Jahren intensivierte sich die Arbeit. Es wurden Farbtöne ausgewählt, ausgemischt und ausgemessen.

Nur Farbtöne, die auf handelsüblichen Maschinen produziert werden können, schaffen es in die Sammlung.

Entscheidender Faktor bei der Auswahl der einzelnen Farbtöne ist die Machbarkeit. Ein Ton, der rechnerisch im globalen Aufbau des Systems möglich ist, aber in der Praxis von handelsüblichen Farbmischmaschinen nicht herstellbar ist, schafft es nicht in die Kollektion. Produziert werden die farbtonstabilen Karten dann in eigens entwickelter Lackzugtechnik, die eine konstant hohe Qualität und Genauigkeit gewährleistet.

Warum aber verstaubt der Schuber mit den herrlichen Farbtönen seit Jahren in meinem Regal? Warum nennt mir kein Architekt die siebenstelligen Farbcodes des ‚Design System plus‘, wenn wir die gewünschte Farbigkeit einer Wand besprechen? Warum benutze ich selbst sie selten?

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Vom Standard zur Anwendung: An Spätburgunder erinnert RAL 8015. Das Unternehmen selbst setzt jedoch trotz des Potentials kaum auf emotionale Konsumentenansprache.
Foto: Katharina Dubno

Geboren als klassisches Mittel der B2B-Kommunikation fehlt bei RAL vielleicht die visuelle Attraktivität für den Endverbraucher. In der Kommunikation mit Bauherren wäre es für Planer wunderbar, wenn sie schon über den Namen der Farbe eine Emotion verkaufen könnten. Und in meinem Arbeitsalltag wäre es sicherlich verkaufsfördernd, den Besuchern unseres Ateliers großformatige Displays mit beeindruckenden Anwendungsbeispielen zu zeigen.

Zwischen B2B und B2C

RAL bietet das bisher ausschließlich in Buchform. Axel Venn, Farbforscher, Designer und Farbkünstler arbeitet seit Jahren eng mit der Organisation zusammen. Die vier Farbgestaltungs- und Trendbücher, die die beiden gemeinsam herausgebracht haben, enthalten neben Ergebnissen empirischer Studien über Farbempfindungen auch Anwendungsbeispiele und ausgesuchte Farbreihen, die nach dem ‚Design System Plus‘ kodiert wurden.

RAL fokussiert sich mit Büchern und einer eigenen Akademie auf professionelle Anwender.

Außerdem hat er jeden Zahlencode mit einer assoziativen Hilfsbezeichnung benannt, die jeweils in vier Sprachen übersetzt wurde. Während die deutsche Organisation also mit Expertenwissen trumpft, agiert die Konkurrenz publikumswirksamer. Pantone zum Beispiel löst mit der ‚Pantone Farbe des Jahres‘ regelmäßig eine Publikationswelle in Endverbraucherzeitschriften aus. Doch auch RAL, im wahrsten Sinne Institution in Sachen Farbe und Kennzeichnung, hat sich auf den Weg gemacht, an seinem angestaubten und starren Image zu arbeiten.

Evolution statt Revolution

Neben den neuen und überarbeiteten Tools für Architekten und Gestalter bietet nun auch eine eigene Akademie Interessierten und Wissbegierigen verschiedene Seminare rund um das Thema Farbgestaltung und die Anwendung der Systeme an. „Ob schneller Farbvergleich oder die Entwicklung von ausgeklügelten Farbharmonien, die neu überarbeitete Produktlinie bietet professionellen Farbanwendern für jede Fragestellung maßgeschneiderte Lösungen.

Gleichzeitig ermöglichen die fest definierten Farbtöne über alle Produktionsstufen hinweg eine eindeutige Kommunikation über Farbe“, fasst Frentrop zusammen. RAL möchte als Unterstützer und Förderer der Kreativen verstanden werden und setzt dabei auf die Weiterentwicklung ihrer Traditionen. Nur vermeintlich in der Vergangenheit verhaftet, bietet die Organisation dem Profi präzise und hochqualitative Arbeitsmittel, die man erst dann vermissen würde, wenn sie nicht mehr da wären.


Die vielfältigen Kollektionen und Instrumente nochmal im Überblick:

RAL Classic
Das klassische B2B Standardwerk der Farbkommunikation mit 231 Farben. Die Kollektionen ist in drei unterschiedlichen Formaten, als Einzelmustersammlung und in zwei verschiedenen Glanzgraden (semi-matt und gloss) erhältlich.

RAL Design System plus
Die gestaltungsorientierte, neu überarbeitete Kollektion umfasst 1825 Farben. Als Arbeitsmittel stehen Farbtonfächer, Atlanten und Boxen mit Einzelmustern in Din-A4 und DIN-A6 zur Verfügung.

RAL Effects
Die Kollektion für den industriellen Anwendungsbereich kommt mit 420 Uni- und 70 Metallic-Farbtönen. Sie ist die erste Kollektion, die auf wasserbasierten Lacksystemen beruht und Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Chromate ausschließt. Die moderne Rezeptur soll ökoeffiziente Farbproduktion und Verwendung ermöglichen.

RAL Plastics
Die Kollektion, die insbesondere für Produktdesigner entwickelt wurde, ist eine Kombination aus Einzelfarbtönen aus ‚Classic‘ und dem ‚Design System plus‘. P1 enthält die 100 populärsten Farben der Classic-Kollektion. P2 ergänzt 160 opake und 40 transparente Farben des Design-Systems. Drei verschiedene Oberflächenstrukturen auf drei unterschiedlichen Materialstärken pro Platte sollen einen realistischen Eindruck von der Farbwirkung bei unterschiedlicher Materialanwendung vermitteln.

RAL iColours
Für das Arbeiten an PC oder Mac bietet sich die App an, die es ermöglicht, schnell und unkompliziert Farbvorschläge anhand von Objektfotos zu erstellen.

RAL Digital
Die Softwareermöglicht, alle Kollektionen in CAD- und Grafikprogramme einzuspielen, per Lichtbox Farbtöne in unterschiedlichen Lichtsituationen zu beurteilen und mit einem Farbtonerfassungstool Töne aus eigenen Fotos, Screenshots oder Beispielbildern aufzunehmen. Außerdem sind Gestaltungshilfen in Form integrierter Adjektive und Farbharmonieempfehlungen basierend auf den Gestaltungsbüchern von Axel Venn enthalten.

Colorcatch Nano
Das Farbmessgerät misst bis zu fünf Farben gleichzeitig, unabhängig von Oberfläche und Material, und findet den dazu passenden RAL Farbton. Er wird mit digitalen Farbwerten angezeigt und kann über iColours direkt auf ein Objekt übertragen werden.


Von der Theorie zur Anwendung: Armin Scharf über nachhaltige Wandfarbe.

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