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Die Küche und ihre Bedeutung - eine Geschichte von Haus und Herd

Die Küche und ihre Bedeutung - eine Geschichte des wichtigsten Ortes im Haus
Showtime am Herd

Von der Feuerstelle zur offenen Lifestyle-Destination: Seit an den Töpfen keine Dienstboten mehr agieren, hat sich die Küche zum Zentrum von Haus oder Wohnung und zum Treffpunkt für Familie und Freunde entwickelt.

Autor Thomas Wagner

Der Weg des Menschen von der Monopolisierung des Feuers und seiner Dienstbarmachung bis zu Induktionsherd, Kochfeldabzug, Kombi-Backofen und Sous-Vide-Garer mag lang gewesen sein. Doch auch wenn die offene Flamme längst aus der Küche verschwunden ist, unsere von archaischen Gewohnheiten geprägte Spezies versammelt sich noch immer gern ums symbolische Herdfeuer.

Schon in der römischen Antike war das geräumige private Haus (domus) einer reichen Minderheit mit Altarfeuer, Kochherd und oft auch mit Fußbodenheizung ausgestattet.

Feuerstellen in den Wohnungen der Mietskasernen (insula) blieben dagegen meist verboten. Erst mit dem Erwachen des bürgerlichen Bewusstseins im 15. Jahrhundert wurde die Küche zu einem besonderen Raum des Hauses. Von den Freuden und Zumutungen permanenter Mobilität abgeschnitten erwies sich eine Annahme im Lockdown als lebendiger denn je: Die im trauten Kreis entstehende heimelige Wärme könne die draußen, im rauen ökonomischen Klima eintretende Kältestarre lösen.

Gute Organisation

„Haushalt und Fabrik können nicht miteinander verglichen werden“, schreibt Siegfried Giedion in seiner epochalen Untersuchung zur „Herrschaft der Mechanisierung“. Im Haushalt könne man doch nicht von Produktion sprechen. Die Gemeinsamkeit zwischen den beiden umfasse im Grunde nur einen einzigen Punkt: „Bei beiden handelt es sich darum, die Organisation zu erhöhen und die Arbeitslast zu vermindern.“ Darauf ziele die ganze Entwicklung ab. Seit 1948, als Giedion dies nach Studien vor allem in den USA festhält, ist in der Küche, ihrer Organisation und Einrichtung viel passiert, nicht nur, was architektonische und technische Entwicklungen angeht.

Dabei darf nicht vergessen werden: Ein wesentlicher Antrieb für die Mechanisierung des Haushalts war die Stellung, die die (amerikanische) Frau für sich beanspruchte. Bis heute ist es eine spannende Frage, wie Giedion notiert, dass „Frauenbewegung, Sklavenbefreiung und die Dienstbotenfrage“ ihre gemeinsame Wurzel in der Auffassung haben, „dass es in der Demokratie keine bevorzugte Klasse und kein privilegiertes Geschlecht geben dürfe“. Also haben sich in der dienstbotenlosen Küche im Lauf der Zeit auch die Geschlechterrollen verändert.

Optimiertes Arbeitszentrum

Mit der im Rahmen des Projekts ‚Neues Frankfurt‘ von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entwickelten „Frankfurter Küche“, dem Urtyp der modernen Einbauküche, entstand ein in seiner Effizienz optimiertes, aber isoliertes häusliches Arbeitszentrum. Vorbilder waren Schiffs- und Speisewagenküchen. Mitte der 1940er-Jahre entstand die moderne schwedische Version folgerichtig auf Basis empirischer Untersuchungen. Dabei wurde gemessen, wie lange verschiedene Arbeiten dauerten, welche Wege die Hausfrau zu gehen hatte, wie oft sie sich bücken oder strecken musste und wie die Hausgeräte optimal angeordnet werden sollten. Bent Hamer hat solche Beobachtungen in der Filmkomödie „Kitchen Stories“ wunderbar parodiert. Seitdem ist so mancher Trend – vom Labor bis zur Werkbank – propagiert worden. Die Aufgaben sind dabei weitgehend dieselben geblieben: Aufbewahrung, Zubereitung und Reinigung sowie Kochen. Von Geselligkeit aber war selten die Rede.

Jede ist anders

In der Coronapandemie haben Quarantäne und Homeoffice nun nicht nur dafür gesorgt, dass sich die Familie (wieder) zum gemeinsamen Essen versammelt hat. Die Ausstattung wurde, zur Freude von Herstellern und Planern, auch rasch den neuen Bedürfnissen angepasst. Dabei kristallisierte sich heraus, wie sie heute sein soll. Volker Irle, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK), weiß, wohin die Entwicklung geht: 95 % der Menschen wünschten sich aktuell eine offene Version; bei 90 % aller Neubauten werde sie vorgesehen.

Die Küche, das neue Statussymbol

Auch müsse man bedenken, dass sie bei der Einrichtung des Hauses zumeist die größte Einzelinvestition darstelle. Wobei Irle betont: „Die Küche gibt es nicht, es gibt nur einzelne Teile. Jede wird zu 100 % individuell geplant.“ Die Funktionalität rangiere dabei ganz oben, besonders wenn es an Platz mangelt: „Wir lieben alle große Küchen. Wirklich ernst wird es für die Planer aber erst, wenn diese eher klein ausfällt, wie in Asien, wo Wohnraum knapp ist.“

Der Trend, daran lässt Irle keinen Zweifel, geht eindeutig zum offenen Lifestyleraum mit Tresen oder Insel – samt harmonisch fließenden Übergängen in den Wohnbereich: „Die Küche ist nicht länger nur Arbeitsplatz, sie ist auch Showroom.“ Was auch bedeute: „Sie ist zum Statussymbol geworden. Man möchte zeigen, was man hat.“

Die Kombination aus Offenheit und Luxus hat die Hersteller aber auch vor neue Herausforderungen gestellt: Obwohl, was am Herd geschieht, immer sichtbar ist, soll sie aufgeräumt wirken. Abhilfe schaffen hier neue Stauraumkonzepte, Rollos oder Pocket-Doors, hinter denen sich ganze Arbeitsbereiche verbergen lassen. Die Öffnung zum Ess- und Wohnbereich möglich gemacht haben auch leise Spülmaschinen und Gerüche vermindernde Dunstabzüge. Insgesamt, stellt Irle fest, sei die technische Dichte höher geworden. Auch der Wunsch, mit frischen Produkten gesund zu kochen, trage zur Aufwertung bei, bis hin zu Trends wie Kräuter und Salat frisch per „Home Gardening“ heranzuziehen.

Die Öffnung des Grundrisses, die unter anderem Frank Lloyd Wright mit der Aufgabe der isolierten Küche und des ebenfalls isolierten Esszimmers eingeleitet hat, ist, zumindest in den Wohlfühlzonen, zum Mainstream geworden.

Wohnküche: Offene Koch-Wohn-Situation

Ob Frau oder Mann, wer Gemüse schneidet oder kocht, ist heute nicht mehr von Kindern und Gästen getrennt. Das Drumherum besorgt der smarte Maschinenpark. Und damit das gesellige Beisammensein nicht wieder erlahme, haben die Spezialisten schick designte Essecken im Programm. Was vor nicht allzu langer Zeit noch als kleinbürgerlich und spießig empfunden wurde, bildet, praktisch ausgestattet und luxuriös eingerichtet, heute das Zentrum des Alltags: die offene Wohnküche.

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