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Die Wiederentdeckung der Deckengestaltung

Decken entdecken

Lange Zeit war die Decke vor allem eines: ein technisches Ausbauraster. Doch nun entdecken immer mehr Gestalter eine vergessene Fläche. Immer mehr Projekte zeigen, dass sie eine bedeutende Rolle im Raum einnehmen kann.

Autor Oliver Herwig

Flirrende Schnüre, Bündel aus Licht und Farbe, durch die sich Besucher tastend fortbewegen wie durch einen künstlichen Dschungel. ‚Colorscape‘, Francis Kérés Rauminstallation im Philadelphia Museum of Art, fordert dazu heraus, Raum neu wahrzunehmen. Spielerisch hebelt der in Berlin ausgebildete Architekt unsere Vorstellung von oben und unten aus. Die Decke scheint verflüssigt und zu einem Gewebe transformiert, das Kontakt sucht zu den Menschen, die sonst keine Notiz von ihr nehmen. Kéré zeigt, wie sich zwei Ordnungssysteme überlagern: das organische typisch afrikanischer Siedlungen und das rektalineare amerikanischer Metropolen. Ein Paradebeispiel für gute Deckengestaltung.

Netzwerk von Geschichten
Und ganz nebenbei hebelt er auch unsere Koordinaten von niedrig und hoch, oben und unten aus. Indem er die Decke verbirgt, wird sie präsent. Kéré steht nicht allein. Immer mehr Architekten und Designer holen eine von der Moderne vergessene Fläche wieder zurück in ihren Gestaltungskanon – die Decke wird neu entdeckt, Deckengestaltung mal durch Farbe, mal durch dreidimensionale Elemente oder Spiegel.
An manchen Decken entspinnt sich ein ganzes Netzwerk von Geschichten. Diese können ziemlich abstrakt ausfallen, wie bei „Drubba Moments“ in Titisee-Neustadt, einem 400 m² großen Verkaufspavillon für Armbanduhren und Tischuhren. 4362 vertikale Fichtenstäbe verwandeln die Decke des Ladens in eine Sehlandschaft. Immer neue Wellen breiten sich vom Zentrum aus und schwappen gegen die Wände. In manche der Fichtenstäbe sind Punktlichter eingelassenen. Sie beleben die Deckengestaltung zusätzlich.
„Decken sind großartige Bedeutungsträger“, erklärt Gunter Fleitz, „wir verwenden sie als starke Elemente in unserem Design auch deshalb, weil sie immer sichtbar sind.“ Das ist nur zu wahr. Noch im überfülltesten Raum bleibt die Decke allen zugänglich. Die Ippolito Fleitz Group GmbH jedenfalls hat die Bedeutung dieser vierten Dimension früh erkannt: Von der starkfarbigen Werbeagentur Panama von 2001 über die mit Spiegeln gepflasterte Decke des Restaurants ‚Bella Italia‘ über das Rathaus Schorndorf mit seiner Deckenskulptur (2012) bis hin zu Projekten in Usbekistan und China zieht sich die Decke als wesentliches Gestaltungselement durch die Arbeit der Identity Architects. Und da solche Inszenierungen intensiv ausfallen, setzten die Stuttgarter Gestalter im Schwarzwald auf Ruhepole. Der Boden des Verkaufsraums besteht aus grauen Feinsteinzeug-Fliesen, als Pendant zur wogenden Überkopfinstallation.
Die Geschichte der modernen Decke ist eine Geschichte der Rationalität, eine Abfolge von Quadraten im Ausbauraster 62,5 auf 62,5 cm. Die Firma Owa im Odenwald wurde durch dieses unerbittliche Raster groß, die sogenannte Odenwalddecke war ein Exportschlager.
Unerbittliches Raster
Hinter der abgehängten Decke lagen Installationen und Schalldämmung. Die Platten absorbierten den Schall, und Leuchten ließen sich jederzeit ins Raster einfügen. Ein Universalprodukt für alle. Dabei war die Decke jahrhundertelang ein selbstverständlicher Bestandteil kirchlicher und adeliger Repräsentation. Im Barock durchbrach sie den gebauten Raum und verlängerte ihn illusionistisch ins Unendliche, und das Rokoko holte den Himmel auf Erden. Selbst Historismus und Jugendstil hatten keine Probleme, den Gestaltungsbereich auf alle verfügbaren Flächen auszudehnen. Doch irgendwann war Schluss mit Zierprofilen und Stuck. Rationalität setzte ein. Gleichmaß und genau kalkulierbare Kosten. Die Decke wurde abgehängt und in ein rationales Raster gegossen.
Inzwischen gehen Architekten wieder neue Wege und entwerfen teils aufwendige Rauminszenierungen durch Deckengestaltung. Wie am Münchner Karlsplatz, als die Architekten Allmann Sattler Wappner das unterirdische Einkaufszentrum grundlegend neu gestalteten: hell, übersichtlich und barrierefrei.
Neue Wege
Entscheidend war, aus dem Fuchsbau einen aufgeräumten, leicht fassbaren Raum zu schaffen, bei dem die rund 160 000 Besucher am Tag um eine zentrale Nabe rotieren wie Partikel in einer Zentrifuge. Der Kreis als Idee materialisiert eine multifunktionale Lichtdecke mit verschieden großen Kreissegmenten.
Im Zusammenspiel aus hellem Terrazzoboden und weißer Decke wird aus einem Untergeschoss ein erfrischendes Raumerlebnis. Professor Ludwig Wappner betont dabei den Stellenwert der Deckengestaltung  „als wichtiges architektonisches Element.“ Es gehe um die „kraftvolle konzeptionelle Wirkung einer besonderen artifiziellen Deckengestaltung. Auch wenn diese Transferräume oft völlig überfüllt sind, bleibt die gestische Wirkung der Decken allen Betrachtern erhalten und prägt somit entscheidend die Identität dieser Orte.“ Genau darauf kommt es schließlich an: Raum so zu gestalten, dass er Menschen anspricht – die Decke gehört in Zukunft dazu wie heute Wand oder Boden.

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