Home » News » Meinung »

Kreislaufwirtschaft

Echte Kreislaufwirtschaft schafft Wettbewerbsvorteile
Close the Loop

Die Hersteller sollten ihre Prozesse hinsichtlich einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft umstellen, bevor die Politik sie dazu zwingt. Das ist nicht nur gut fürs Klima, sondern schafft auch Wettbewerbsvorteile.

Autor Martin Auerbach

Bereits am 22. August haben wir Menschen die weltweiten Ressourcen der Erde für das Jahr 2020 vollständig verbraucht. Der sogenannte Earth Overshoot Day, im Deutschen Erdüberlastungstag, saldiert vereinfacht gesagt das Ressourcenangebot der Erde und unseren Verbrauch.

Seit 1970 rückt der Earth Overshoot Day jedes Jahr weiter vor in Richtung Jahresbeginn und fiel im Vorjahr auf den 29. Juli. Wenn in diesem Jahr der Erdüberlastungstag mit dem 22. August um fast einen Monat nach hinten verschoben wurde, ist dies im Wesentlichen auf den nicht freiwilligen Verzicht auf Reisen und Urlaub im Rahmen der weltweiten Pandemie zurückzuführen.

Earth Overshoot Day

Diese Verschiebung hat uns unfreiwillig unseren Klimazielen nähergebracht und sie zeigt, dass es wirksame Möglichkeiten gibt, positiven Einfluss zu nehmen.

Andererseits wird an den lediglich dreieinhalb Wochen, die wir damit gewonnen haben, sichtbar, wieviel höher der Einsatz für Erde und Klima sein muss, um deutlich spürbarere Ergebnisse zu erzielen. Eine der Maßnahmen, um Ressourcen zu schonen und den CO2-Ausstoß zu reduzieren, stellt die sogenannte echte Kreislaufwirtschaft dar.

Ein langer Weg

Im Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie haben wir uns erstmals im Jahr 2010 im Rahmen unserer Jahrestagung intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Seinerzeit wollte sich keiner ernsthaft mit dem Thema befassen, obwohl Produkte aus deutscher Fertigung schon damals in wesentlichen Teilen als nachhaltig bezeichnet werden durften.

Situation in Deutschland

Deutsche Hersteller halten sich an Sozialgesetze, zahlen auskömmliche Löhne und haben die weltweit nahezu schärfsten Umweltbedingungen.

Im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsbemühungen hat mittlerweile fast jeder deutsche Heimtextilien-Hersteller Produkte in seinem Portfolio, bei denen Neumaterial („Virginmaterials“) anteilig gegen Recycling-Material oder Neumaterial aus nachwachsenden Rohstoffen – Stichwort „biobasierte Polymere“ – ausgetauscht wird.

Produkte mit einem Recyclingmaterialanteil oder Anteilen aus nachwachsenden Rohstoffen sind per Definition nachhaltiger, da sie fossile Ressourcen schonen.

Etappenziele definieren

Auch die Erhöhung der Nutzungsdauer macht Produkte nachhaltiger. Das gleiche gilt für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes bei der industriellen Produktion (2018 waren es in Deutschland rund 48 Mio. t) oder die Reduzierung des Materialeinsatzes. Ebenso zahlt die Nutzung regenerativer Energie auf das Nachhaltigkeitskonto ein.

Deren Anteil konnte Deutschland auf über 40 % steigern (im Jahr 2000 waren es 6 %). Es gibt also viele Wege, Produkte nachhaltiger zu machen.

Ressourcenverbrauch spürbar reduzieren

Gleichwohl ringen wir der Erde immer noch so viele Ressourcen ab, dass sie sich dadurch spürbar verändert. Nicht grundlos setzt sich für unser Erdzeitalter der Begriff „Anthropozän“ durch, also die Ära, in der der Mensch einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Erde nimmt.

Um den Ressourcenverbrauch spürbar zu reduzieren, reicht es nicht aus, für neue Produkte Recyclingmaterial zu verwenden, wenn diese Produkte ihrerseits nicht recycelfähig sind.

Kreislauffähige Produkte

Denn spätestens, wenn sie das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben, muss neues Material für die Produktion her. Um den Kreis zu schließen, müssen kreislauffähige Produkte so geplant, konstruiert und hergestellt werden, dass sie später ohne großen Aufwand wieder in die Ausgangsstoffe zurückverwandelt werden können.

Auf dem Weg zu einer kreislauffähigen Wirtschaft stellen der Einsatz recycelter Fischernetze oder Anteile nachwachsender Rohstoffe nur Etappen dar.

Ready for recycling

Dem Denken von der Produktseite her („ready for recycling“) fällt eine ganz erhebliche Rolle zu. Alles was bei der Produktion verwendet wird, darf später nicht den Recycling-Prozess behindern. Die Entwicklung eines kreislauffähigen Produktes bezeichne ich gerne als Aufstieg zum Mount Everest. Einige wenige Unternehmen sind bereits auf dem Gipfel angekommen, denn sie haben Produkte in den Markt gebracht, die vollständig zurückgeführt werden können.

Die Matratze eines niederländischen Herstellers ist so konstruiert, dass sie nach Gebrauch ohne großen Aufwand in ihre Einzelteile zerlegt und die beiden verwendeten Materialien (Metall und Polyester) wieder zur Produktion neuer Matratzen verwendet werden können.

Nachwachsende Rohstoffe

Bei einem weiteren Beispiel bestehen Gardinen und Zubehör aus einem sogenannten Hybrid-Kunststoff, der an seinem Lebensende kompostierbar ist. Der Kompost kann dann Grundlage für neue nachwachsende Rohstoffe sein.

Auf die Rückkehr der aktuell in den Markt gehenden kreislauffähigen Produkte müssen wir aber noch einige Jahre warten: Und erst wenn diese Produkte zu neuen Rohstoffen für neue Produkte recycelt wurden, sind die ersten Unternehmen wieder vom Mount Everest abgestiegen und lebend im Basis-Camp 1 angekommen – es liegt also noch ein weiter Weg vor uns.

EU-Aktionsplan Kreislaufwirtschaft

Die Zieldevise einer echten Kreislaufwirtschaft im Sinne eines „Closed Loop“ haben die UN mit ihrer „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ und die EU-Kommission mit dem „Aktionsplan Kreislaufwirtschaft“ bereits 2015 ausgegeben.

Dem EU-Legislativpaket zur Kreislaufwirtschaft lässt sich perspektivisch der letzte Schritt zum 1 Januar 2025 mit der Getrenntsammlungspflicht von Textilien entnehmen, die dann in Deutschland mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz und der Abfallrahmenrichtlinie umgesetzt werden wird.

Close Loop + EU-Politik

Weitergehende Vorhersagen lassen sich dann nur noch auf Grundlage von Verlautbarungen aus Brüssel treffen. Im Jahr 2030, so der „politische Wille“ der EU, sollen 65 % aller Siedlungsabfälle (das ist praktisch alles außer Bauschutt) recycelt werden.

Die EU lässt keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meint. Es gilt daher – unabhängig von der eigenen Motivation – schnell gangbare Wege zu entwickeln, die zu befriedigenden Lösungen führen. Andernfalls wird die EU der Industrie wie so oft Vorgaben machen, die nicht nur Geld kosten, sondern auch nur schwierig und unbefriedigend umsetzbar sind.

Pfandsysteme als Übergangslösung

So kann die Einführung weiterer Pfandsysteme zur Entsorgung der jetzt im Markt befindlichen, noch nicht kreislauffähigen Produkte nur eine Übergangslösung für die nächsten Jahre sein.

In Anbetracht der verbleibenden Zeit bis 2030 und der Lebensdauer der verschiedenen Produkte muss die Priorität jetzt auf der Entwicklung serienreifer, kreislauffähiger Produkte liegen. Danach können die bis dahin technisch möglichen Recyclingverfahren verbessert und skaliert werden, um die zu erwartenden Rücklaufmengen bewältigen zu können.

Herausforderungen in Angriff nehmen

Erst dann ergeben sich aus den optimalen Recyclingverfahren die Anforderungen an Sammelsysteme der Zukunft. Um zu einer echten Schließung des Kreislaufs und damit zu einer relevanten Verschiebung des Earth Overshoot Days zu gelangen, ist es dringend an der Zeit, diese Herausforderungen, eine nach der anderen, in Angriff zu nehmen.


Autor

Rechtsanwalt Martin Auerbach ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes der deutschen Heimtexilien-Industrie e.V. und im Rahmen der Kooperation mit dem Verband innenliegender Sicht- und Sonnenschutz e.V. (seit 2013) und dem Fachverband Matratzen-Industrie (seit 2019) gleichfalls deren Geschäftsführer.

Anzeige
Top-Thema
Anzeige

Neueste Beiträge
Tipp fürs Wochenende: Dokumentation über inspirierende Architektinnen auf 3Sat
Frauen bauen
Titelbild md PV1
Ausgabe
PV1.2021 kaufen
EINZELHEFT
ABO

Architektur Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de