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Letter from Shanghai

Chinesische Elemente im Design

Ausdruck von Selbstbewusstsein oder Selbstverteidigung? Chinesische Elemente im Design erhöhen den Umsatz und sind Zeichen eines Patriotismus.

Teil 1: Das Phänomen
Bei den Olympischen Sommerspielen in Peking 2008 brannten die chinesischen Designer darauf, der Welt ein von der eigenen Kultur inspiriertes Design zu zeigen. Und niemand konnte sich der Botschaft entziehen. Nicht dem einem chinesischen Siegel nachempfundenen kalligraphischen Logo ‚Jing‘ (für das Wort Hauptstadt). Nicht dem “Glückliche Wolken”-Design der olympischen Fackeln, nicht den Hinweisschildern in traditionellen Juan-Schriftzeichen.

Altchinesischer Stil en vogue

Chinesische Elemente im Design sind en vogue: Hermès stellt dieses Jahr mit ‚Shangxia‘ eine neue Marke für den chinesischen Markt vor (in etwa: “auf und ab” oder “Himmel und Erde”). Gefertigt sind die Produkte, wie es heißt, “aus den besten Materialien und in exzellenter chinesischer Handwerkskunst”. Vermutlich will das französische Luxuslabel damit an den Erfolg einer anderen Marke anknüpfen, die wegen ihres altchinesischen Stils reüssierte: Shanghai Tang. Das in Hongkong gegründete Unternehmen ging 2000 an die Richmond Group und ist weltweit die erste Luxus-Modemarke mit einem chinesischen Logo.

Und noch ein Blick auf das “traditionsreiche China”: Während des ICSID-Kongresses 2003 in Hannover gab es eine interessante Ausstellung: Der Fotograf Michael Wolf kombinierte in “Sitting in China” eigene Bilder mit landestypischen Sitzgelegenheiten, die er auf seinen Reisen in China gesammelt hatte.

Teil 2: Der Hintergrund
Das Phänomen hat mehrere Ursachen. Erstens: Chinesische Elemente erhöhen den Umsatz. Um Bedürfnisse und Offenheit unterschiedlicher Zielgruppen zu befriedigen, haben Unternehmen durchaus das Recht, die chinesische wie die indische, afrikanische oder ägyptische Kultur als Inspirationsquelle für ihre Produkte und deren Markenbildung heranzuziehen. Frei nach dem Motto: “Der Zweck heiligt die Mittel”. Zweitens: Das Phänomen hängt eng mit der rasch wachsenden chinesischen Wirtschaft zusammen – und mit dem Patriotismus der letzten drei Jahrzehnte.

China verharrte lange in alten Strukturen

Nehmen wir die Möbel: Von der Neuzeit bis in die 1980er Jahre gab es in China aufgrund politischer und wirtschaftlicher Turbulenzen kein modernes Design. Und auch nach der Reform- und Öffnungspolitik verharrte die Industrie zunächst in alten Strukturen und verlor ihre Gestaltungskraft. Im Westen hingegen gab es während dieser Zeit die unterschiedlichsten Entwicklungen von Art Déco bis Bauhaus, von Memphis bis “Moooi”.

Chinesische Elemente im Design betonen den lokalen Bezug

Für chinesische Designer ist westliches Design gleichbedeutend mit modernem Design, das sich überall kraftvoll in unser tägliches Leben drängt. Es mutet ziemlich pathetisch an, dass chinesische Designer jetzt den lokalen Bezug betonen, chinesische Elemente adaptieren, um sich gegen mächtige Rivalen aus dem Ausland zu behaupten. So gesehen sind sie vermutlich auch nicht besser als ihre Kollegen aus dem Westen, die sich chinesischer Elemente bedienen. Die Überbetonung des Chinesischen ist deshalb vielleicht als kommerzielles Zugeständnis an westliche Designer zu sehen, während es für uns ein Akt von Selbstbewusstsein oder nationaler Selbstverteidigung ist.

Teil 3: Experimente
2009 brachte der führende Küchengerätehersteller Joyoung die von mir entworfene Kollektion ‚Table Art‘ auf den Markt. Ich habe mich bei Elementen wie Griff, Form und Dekor an traditionellen chinesischen Produkten orientiert und diese dem modernen Lifestyle angepasst.

Bei einem anderen “Experiment”, dem Jin-Mao-Turm in Shanghai, ließ sich der amerikanische Architekt Adrian D. Smith (SOM — Skidmore, Owings and Merrill) von der traditionellen Form eines chinesischen Turms inspirieren. Während der Jin-Mao Anerkennung fand, fiel die erste Präsentation des von chinesischen Designern entworfenen chinesischen Pavillons für die EXPO 2010 in Shanghai durch.

Alte chinesische Bauformen in der neuen Architektur

Auch hier geht die Konzeption auf alte chinesische Bauformen zurück: auf die Dougong-Konstruktion, einem cleveren Trägersystem, bei dem Stützen und Querbalken Lage um Lage so perfekt umklammert werden, dass für die Pagodendächer weder Nägel noch Leim erforderlich war. Der chinesische Expo-Pavillon hingegen ist nur eine schlechte Kopie mit unbefriedigenden optischen Details.

Kurz gesagt: Wenn es um verkaufbare Produkte geht, befinden sich chinesische Designer noch im Experimentierstadium.

Autor Jamy Yang

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