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Gibt es das Büro 4.0 oder ist es Zukunftsmusik?

Spot on Office: Gibt es das Büro 4.0?
Activity Based Working

Büro 4.0
Bewegung im Büro fördert nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Kreativität. Mint Architecture hat für die Innovationsabteilung der Six Group Bewegungselemente integriert. Foto: Mint Architecture
Je nach Aufgabe und persönlicher Referenz bevorzugt jeder und jede eine andere Büroumgebung, um kreative Ideen zu entfalten. Letztlich geht es darum, die Arbeitskultur mit der physikalischen Gestalt der einzelnen Räumlichkeiten zu vereinbaren.

Autor: Ahmet Çakir

In welcher Umgebung arbeitet man kreativ? Um Zweifel an meiner Kreativität im Keim zu ersticken, lautet die Antwort: in meinem Büro. Wenn ich nachts die Westfenster öffne, höre ich die größte Nachtigallenkolonie Deutschlands schmettern. Wenn sie den Gesang unterbricht, um Luft zu holen, höre ich die Gurken auf dem Balkon wachsen. Morgens sehe ich Fische in der Südsee plantschen – in meinem Gartenteich.

Berufenere in Sachen Kreativität, nämlich deutsche Führungskräfte, haben sich in einer Linkedin-Umfrage zum Thema so geäußert: Der ideale Arbeitsplatz ist a) ohne künstliche Beleuchtung (37 %) und b) mit einem Stummknopf für Gespräche ausgestattet (21 %). Das sind die Basics, auch wenn viel vom Büro 4.0 geredet wird.

Dass sie recht haben, kann man beweisen. Physiker wie Joseph Fraunhofer, Max Planck oder Carl Zeiss, die im 19. Jahrhundert den Ruhm Deutschlands als Großmacht schufen, haben nur mit Tageslicht gearbeitet. Dummerweise nur drei Stunden täglich. Und Kollegen, die dauernd quatschten, hatten sie auch nicht.

Mit einer modernen Ergänzung könnte man dem idealen Umfeld noch näher kommen, Entgrenzung. Räumlich bedeutet sie Open Space, kulturell „international vernetzt“. Manche sprechen gar vom Büro 4.0.

Allzu originell ist diese Idee leider aber nicht. Die Bibel redet von confusio linguarum als Strafe Gottes für den Bau des Turms zu Babylon (1. Buch Mose, Genesis). Deutschen Büromenschen im Open Space ist indes die Vielfalt der Sprachen gleichgültig. Jede stört, wenn man denken will.

Recht haben sie. Da ich ebenso denke, wollte ich vor einiger Zeit deutsche Fernsehleute davon überzeugen, dass sie kleinere Räume bräuchten als den gewünschten großen Newsroom. Sie bekamen ihn und … sind glücklich.

Retuscheure probten einst den Aufstand, damit man sie nicht aus einem großen Saal in Einzelzimmer „einsperrte“, weil damals die Computer das Helle scheuten. Sie fürchteten um ihre Kreativität, gespeist vom Gewusel um sie herum. Sachbearbeiter, denen ich Videos davon zeigte, sprachen respektlos von einem Irrenhaus. Dagegen ist ihre Traumumwelt frei von akustischen und optischen Störungen. Jedes Bürokonzept ist gut – irgendwann.

Kein Zweifler könnte das nachweislich kreativste Umfeld schlechtreden: die Garage. Wo sonst wäre der Sohn eines mittellosen syrischen Migranten auf die Idee gekommen, die Welt mit einem Telefon zu beglücken, mit dem sie eher nicht telefonieren soll?

Die Legende geht so: Die Story des teuersten Tech-Unternehmens der Geschichte begann in einer Garage. Die gehörte einer Familie Jobs, aber nicht deren Sohn Steve. Er wurde als Abdul Latif Jandali geboren, ein Sozialwaiser. Dessen iPhone könnte in naher Zukunft selbst dem babylonischen Sprachengewirr zu Leibe rücken – mittels KI.

Wer aber will heute in einer Garage arbeiten? Oder sich als Beamter im Berner Patentamt langweilen, wo Albert Einstein seine kreativste Periode erlebte? Gibt es Moderneres? Ja und nein. Bereits bei der Namensgebung als Evergreen angelegt wurde „New Work“. Heute heißt es mancherorts sogar schon Büro 4.0.

Bei der kann sich der Arbeitende selbst verwirklichen. Naturgemäß auch die Umgebung, denn das Büro ist ein Spiegelbild der Arbeitskultur. Arbeit 4.0 mit Unternehmenskultur 0.4 funktioniert selten. Also schaffen die Insassen ihre Umgebung selbst. Die Idee wird übrigens in der Arbeitspsychologie als Partizipation vermarktet. Sie liegt aber auch unserer Arbeitsschutzgesetzgebung zugrunde, ohne Namensnennung.

Altersmäßig ebenbürtig ist das Activity Based Office (ABO). Hier hat niemand sein eigenes Nest zum Ausbrüten neuer Ideen. Beide Konzepte entstanden, als sich das Ende des Beamtendreikampfs (Knicken, Lochen, Abheften) abzeichnete. Der Computer warf seine Schatten voraus.

Ein ABO-Büro besteht aus unterschiedlich gestalteten Zonen mit unterschiedlichen Anforderungen. Ähnlich wurden Bereiche zwar schon in der DIN 277 vor dem Zweiten Weltkrieg ausgewiesen. Man dachte aber nicht an deren organische Einordnung in die engere Umgebung bis hin zum Co-Living.

Unternehmen konnten früher Meetingräume in Kiel und Schreibbüros in Ulm ansiedeln. Heute will man vom Meeting ins Café Auszeit nur paar Schritte laufen und nicht etwa den ICE besteigen. Das Büro soll geplante Aktivitäten ebenso unterstützen wie das informelle Netzwerk des Unternehmens. Und nicht etwa streng getrennte Tätigkeiten an getrennten Orten. Büro 4.0?

Mit der Seele gesucht – kreative Arbeitsumgebungen. Finden wird sie, wer es versteht, die Arbeitskultur mit der physikalischen Gestalt des Büros zu vereinbaren. Dass es weniger kreativ Tätige gibt als kreativ Begabte, zeugt davon, dass sich die Suche sehr nachhaltig gestaltet.

Eine weitere Kolumne von Ahmet Çakir auf md-mag.com


Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

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