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Brasilianisches Möbeldesign gestern und heute

Brasilianischer Modernismus

Brasilianisches Möbeldesign wird in Europa wiederentdeckt, weil der brasilianische Modernismus vollendetes Möbelhandwerk und besondere Hölzer repräsentiert. Aber es gibt auch neue Entwürfe aus Brasilien. Mailand kommt eine wichtige Vermittlerrolle zu.

Autorin Cecilia Fabiani

English translation below

Die Schönheit der Holzarten und ihre gekonnte handwerkliche Verarbeitung sind besondere Merkmale der brasilianischen Möbel. Deren Oberflächen: wahre Handschmeichler. Alle Sinne werden angesprochen und man träumt von tropischen Wäldern und der Fremde. Die Faszination für die handwerkliche Perfektion trägt zu dem aktuellen Revival des brasilianische Modernismus im Möbeldesign in Europa bei. Vor allem Mailand spielt für den Brasilien-Hype eine Schlüsselrolle. Warum ist das so?

Brasilianisches Möbeldesign
Brasilianisches Möbeldesign: An den brasilianischen Regenwald erinnerte die Ausstellung ‚Brazil: Essentially Diverse‘ im Palazzo della Permanente, Mailand, April 2019. 30 Firmen stellten aus. Organisator: Apex Brasil, das brasilianische Institut für Wirtschaftsförderung und Außenhandel in Mailand. Foto: Apex Brasil

„Brasilien hat eine besondere Affinität zu Architektur, Innenarchitektur und Design. Es ist ein reiches Land mit einer großen Tradition der Moderne”, findet die Mailänderin Monika Unger, die schon früh eine Leidenschaft für die außergewöhnlichen Möbeloriginale aus Brasilien entwickelt hatte.

Die Architektin und Inhaberin einer Werbe- und Kommunikationsagentur konzentrierte ihre Sammleraktivitäten auf Vintagedesign aus Brasilien – und gründete mit ‚Be Modern‘ im Jahr 2009 eine Vertriebs- und Planungsplattformen für Designklassiker und Reeditionen, Schwerpunkt 20. Jahrhundert. Diese treibt die gebürtige Polin gemeinsam mit der Lichtdesignerin Cinzia Ferrara voran. Obwohl das Portfolio mittlerweile auch Skandinavien und Europa umfasst, schlägt das Herz nach wie vor besonders stark für das brasilianische Möbeldesign.

Brasilianisches Möbeldesign
Weitere Originale aus Brasilien in der Mailänder Galerie Be Modern: Palisander-Polstergarnitur, Designer unbekannt, 1960er-Jahre; Couchtisch Marmor auf Palisandergestell, Jean Gillon, 1960er-Jahre; Palisander-Stuhl mit geflochtenem Rücken, Joaquim Tenreiro, 1960er-Jahre; Anrichte aus Ipeholz und Palisander, Giuseppe Scapinelli, 1950er-Jahre, daneben Palisander-Stuhl mit Polsterbezug, Carlo Hauner, undatiert und rechts im Bild Palisander-Stuhlpaar mit Polsterbezug von Giuseppe Scapinelli, undatiert. Foto: Be Modern

So konnte man während des letzten Mailänder Salone del Mobile im Showroom von ‚Be Modern‘ ausgewählte Stücke von Joaquim Tenreiro (1906–1992), Sergio Rodrigues (1927–2014) und Giuseppe Scapinelli (1891–1982), den Mitbegründern des brasilianischen Modernismus im Möbeldesign, bewundern.

Auch der Salone vermeldete 2019 mit 11 Ausstellern die bislang höchste Beteiligung aus Brasilien. Unter anderem fiel die 2011 gegründete Firma Essenza mit Entwürfen zwischen Handwerk und Serienfertigung auf.

Die Modernisten und Mailand

Offensichtlich gibt es in Italien ein besonderes Interesse an Brasilien und seinen großen Gestaltern. Schaut man genauer hin, zeigen sich interessante Wechselbeziehungen zwischen beiden Ländern.

Als erstes fallen mir da die Brüder Campana aus São Paulo und ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem italienischen Polstermöbelhersteller Edra ein. Sodann der schon fast in Vergessenheit geratene Roberto Sambonet (1924–1995). Ein mehrjähriger Brasilienaufenthalt prägte entscheidend Entwicklung und Werk des großen italienischen Malers und Designers.

Noch einen Schritt weiter zurück: die italienische Architektin Lina Bo Bardi (1914–1992), die das südamerikanische Land gar zu ihrer zweiten Heimat machte. Bardi gilt als wichtige Impulsgeberin für den brasilianischen Modernismus, der seine Blütezeit in den 1950er-Jahren erlebte.

Brasilianisches Möbeldesign
Der Showroom des brasilianischen Editeurs Etel befindet sich im Mailänder Stadtviertel Brera, Via Mroncelli 13. Foto: Etel

Eine Schlüsselrolle für die erfolgreiche Rezeption des brasilianischen Designs in Europa und weltweit spielte damals die Mailänder Triennale. Und so ist es nicht verwunderlich, dass besonders die Architekten der italienischen Moderne Brasilien große Wertschätzung entgegenbrachten und -bringen: 1967 baute Oscar Niemeyer in Segrate bei Mailand den Verlag Mondadori und entwarf 2000 für Ravello an der Amalfiküste einen Konzertsaal, der allerdings erst 2010 eröffnet werden konnte.

Brasilianisches Möbeldesign bedeutet auch Re-editionen

„Lange waren der brasilianische Modernismus und seine Architekten wie Lucio Costa und Oscar Niemeyer sowie seine Innenarchitekten wie Sergio Rodrigues international nicht mehr gefragt. Erst in den 1990ern wendete sich das Blatt“, erinnert sich die Brasilianerin Giséle Pereira Schwartsburd.

„1999 war ich tief beeindruckt von einer Ausstellung über brasilianisches Möbeldesign und nahm spontan Kontakt zu Sergio Rodrigues auf, um seine Möbel wieder auf den Markt zu bringen. Seit 2001 stellen wir diese nun im eigenen Unternehmen nach Originalentwürfen in Lizenz her und vertreiben sie unter dem Label Linbrasil“, berichtet die studierte Industriedesignerin.

Brasilianisches Möbeldesign
Sessel ‚Mole‘, 1957, zählt zu den bekanntesten Stücken von Sergio Rodrigues. Re-Edition, Teil der 56-teiligen Kollektion von Linbrasil. Foto: Linbrasil

„Anfangs dachte ich an Eukalyptusholz, doch das war nicht möglich. Heute ist unsere gesamte Kollektion in zwei Holzarten erhältlich: deutsche Buche und brasilianisches Imbujaholz, das besonders schön ist, dabei hart und doch leicht zu verarbeiten. Allerdings etwa 15 Prozent teurer als Buche, da es besonders langsam und deshalb länger trocknen muss. “

Auch die 1985 von der brasilianischen Designerin Etel Carmona in São Paulo gegründete Firma Etel stellt Klassiker her. Ursprünglich für die Realisierung ihrer eigenen Entwürfe gedacht, haben dort inzwischen auch viele andere wichtige Architekten und Designer des Landes ihren Platz gefunden: Oscar Niemeyer, Lina Bo Bardi, Jorge Zalszupin, Sergio Rodrigues, Oswaldo Bratke, Branco & Preto und Giuseppe Scapinelli.

Neben den Vätern des Modernismus offeriert Etel eine breite Palette an Möbeln unterschiedlicher Designergenerationen. Im Mailänder Etel-Showroom wurden anlässlich des diesjährigen Salone 20 Re-Editionen von Zanine Caldas (1919–2001) gezeigt. Der Designer und Architekt wäre dieses Jahr hundert geworden.

Brasilianisches Möbeldesign
Chaiselongue ‚ZC1‘, 1950 entworfen von Zanine Caldas, 2019 als Teil einer 20-teiligen Kollektion des Designers von Etel re-ediert. Foto: Etel

Neue Sterne am Designhimmel

Was aber kommt von den jungen brasilianischen Designern? In Ventura Centrale, einer weiteren Location im Rahmen des Mailänder Salone-Rahmenprogramms, präsentierte die Schweizer Gallerie dip die Installation ‚Poetic Geometry‘: Fotokunst aus dem Archiv des brasilianischen Multitalents Geraldo de Barros (1923–1998) sowie Möbel einiger Modernisten der brasilianischen Firma Dpot, beides inszeniert von Ricardo Bello Dias.

Der in Mailand lebende brasilianische Designer pendelt zwischen Italien und Brasilien und stellt ein wichtiges Bindeglied zu Firmen seines Landes dar. Zum Beispiel als Art Director des Systemmöbelherstellers Ornare.

Brasilianisches Möbeldesign
Die Detailaufnahme zeigt die handwerkliche Finesse des Massivholzknotens am Garderobenständer ‚Loose‘, den Jader Almeida 2010 entworfen hat. Hersteller Sollos. Foto: Sollos

Dias ist jedoch nicht der einzige Stern am brasilianischen Designermöbel-Himmel. Auch Jader Almeida zählt dazu: Der Art Director von Sollos verantwortet als Designer die gesamte Kollektion des 2014 gegündeten Unternehmens: Weiche Formen, fließende Linien kennzeichnen sein Design – so zeitlos wie der brasilianische Modernismus.

Lesen Sie hier einen Beitrag über Reeditionen


Past and present Brazilian furniture design

Welcome to Brazil

Brazilian modernism in design is currently experiencing a comeback in Europe because it represents finished furniture crafting and special timbers. However, there are also new designs from Brazil. Milan plays a key role in this context.

Author: Cecilia Fabiani

Skillful craftsmanship and beautifully processed timber types are particular characteristics of Brazilian furniture. Their surfaces genuinely flatter our hands touching them. They appeal to all senses and you dream of tropical forests and foreign lands. The fascination for perfect craftsmanship is contributing to the current revival of Brazilian modernism in European furniture design. Milan is playing a key role for the hype surrounding Brazil. Why is that?

„Brazil is particularly appreciative of architecture, interior design and design in general. It‘s a rich country with a great tradition as part of the modern era“, Milan resident Monika Unger explains as someone who developed a passion for extraordinary furniture originals from Brazil early on. The architect and owner of an advertising and communications agency focused her collectors‘ activities on vintage design from Brazil – and in 2009 she established a sales and planning platform for design classics and re-editions focusing on the 20th century called „Be Modern“. The Polish-born aficionado is driving this platform forward together with lighting designerCinzia Ferrara. Even though the portfolio now also includes Scandinavia and Europe, her passion remains particularly strong for Brazilian culture.

Consequently, visitors to Milan‘s last Salone del Mobile were able to marvel at selected items by Joaquim Tenreiro (1906 – 1992), Sergio Rodrigues (1927 – 2014) and Giuseppe Scapinelli (1891 – 1982), co-founders of Brazilian modernism in furniture design at the at the „Be Modern“ showroom.

In 2019 Salone reported 11 exhibitors from Brazil, the highest number of exhibitors from this country to date. One of the highlights was Essenza, established in 2011, showcasing designssomewhere between craftsmanship and series production.

Correlations

Obviously there is particular interest in Italy in Brazil and its great designers. If you look more closely, there are interesting correlations between both countries.

First of all, you will come across the Campana brothers from São Paulo and their long-term collaboration with Italianupholstery manufacturer Edra. Then there is the almost forgotten Roberto Sambonet (1924 – 1995). Having spent several years in Brazil significantly shaped the development and work of the great Italian painter and designer. But let‘s go back even further: Italian architect Lina Bo Bardi (1914 – 1992) even called the Latin American country her second home. Bardi is considered the most important impulse for Brazilian modernism, an era that was in its prime in the 1950s.

Back then Milan‘s Triennale played a key role for how successfully Brazilian design was received in Europe and around the globe. And consequently, it‘s no wonder that particularly modern Italian architects were and still remain very fond of Brazil: In 1967 Oscar Niemeyer established the Modadori publishing company in Segrate near Milan and designed a concert hall for Ravello on the Amalfi Coast in 2000 which was only inaugurated in 2010.

Re-editions from Brazil

„For a long time Brazilian modernism and its architects includingLucio Costa and Oscar Niemeyer as well as interior designers, such as Sergio Rodrigues were no longer en vogue on an international stage. The tables only turned in the 1990s“, Brazilian Giséle Pereira Schwartsburd reminisces. „In 1999 I was very impressed by an exhibition about Brazilian furniture design and spontaneously contacted Sergio Rodrigues to relaunch his furniture on the market. We have now been producing these under license at our own company on the basis of original designs since 2001 and are selling them under the Linbrasil label“, the graduated industrial designer reports.

„I initially had eucalyptus wood in mind, but that was not feasible. Today our entire collection is available in two timber types: German beech and Brazilian Imbuja timber, a particularly beautiful type, hard yet easy to process. However, it‘s around 15 percent more expensive than beech as it requires slow and thus longer drying periods.“

Etel, established in São Paulo in 1985 by Brazilian designer Etel Carmona, also produces classics. Originally intended to implement her own designs, many other, key architects and designers have found there space here: Oscar Niemeyer, Lina Bo Bardi, Jorge Zalszupin, Sergio Rodrigues, Oswaldo Bratke, Branco & Preto as well as Giuseppe Scapinelli. In addition to the founding fathers of modernism Etel offers an ample range of furniture devised by various generations of designers. On occasion of this year‘s Salone Milan-based Etel showroom showcased 20 re-editions by Zanine Caldas (1919 – 2001). The designer and architect would have celebrated his hundredth birthday this year.

New stars on the design sky

What do young Brazilian designers contribute? At Ventura Centrale, a further site that formed part of Milan‘s Salone fringe events, Swiss gallery dip showcased the installation entitled “Poetic Geometry“: photographic art from the archives of Brazilian multi-talent Geraldo de Barros (1923 – 1998) and furniture by some of Brazilian-based Dpot‘s modernists. Both elements had been staged by Ricardo Bello Dias.

The designer living in Milan moves frequently between Italy and Brazil and represents an important link to local Brazilian companies. For instance, in his role as Art Director at Ornare system furniture manufacturer.

However, Diaz is not the only star shining in the Brazilian designer furniture sky. Jader Almeida is also up there: As a designer the Art Director at Sollos is responsible for the entire collection offered by the company established in 2014 : Soft shapes and flowing lines characterize his design – as timeless as Brazilian modernism.

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