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Brandgefährlich: Design und Brandschutz

Brandschutz
Brandschutzmelder wie der von Zweigrad entworfene sind in Deutschland inzwischen auch in Privathaushalten Pflicht. Foto: Zweigrad
„Design und Brandschutz“ entzieht sich üblichen Bewertungsschemata intellektueller Feuilletons. Wird Gestaltung gefährlich, gefriert die kreative Ader. Dabei führen Berichte über Brandopfer zum Kern jeder Gestaltung: „Design schützt und inspiriert!“

Gestaltung hierzulande scheint durch Glauben an Berechenbarkeit, Ästhetik und Funktion das „Anything goes“ zum Dogma zu erheben, während „Schutz von Leib und Seele“ eher zu den banalen Selbstverständlichkeiten zählen. Geschätzte 400 Brandopfer jährlich passen nicht so recht ins Gestaltungsbewusstsein; für die einen ist‘s zu viel, für die anderen relativ. Gestaltungsfehler können tödlich sein: Die „Angst der Planer vor Brandschutz“ nährt sich aus Nichtwissen und Unverständ- nis. Folge: eine Konzentration auf allgemein formulierten Mindestschutz und Standardrichtwerte; Entworfen wird für den Tag der Fertigstellung; notwendig wäre mehr nachhaltige Planung.

Ansatz einer möglichen „Angst-vor Brandschutz-Therapie“ wäre: mehr Information über und Verständnis für Brandschutzziele und kreative Brandschutzkonzepte.

Gebäudeplanung orientiert sich an gesellschaftskonformen Regeln. Individuelle Schicksale dagegen sind meist räumlich; „Raum“ gewährt Schutz vor lebensgefährlichen Einflüssen der Natur, vor externen Gefährdungen der Privatheit und schützt Menschen oft vor sich selbst.

Nicht Feuer, Rauch ist Gefährder Nummer eins. Betroffen sind in der Mehrheit ältere, kranke und beeinträchtigte Menschen, meist Männer, häufiger in kalter Jahreszeit, oft am Abend und nachts. Auslöser sind oft Elektrizität und Energieträger sowie offenes Feuer. Technische Defekte und menschliches Fehlverhalten halten sich die Waage. Kinder, Schüler und Studierende sind weniger unter Brandopfern zu finden wie auch Erzieher, Lehrer und Professoren, solange sie sich in Kindergärten, Schulen und Universitäten aufhalten.

Auch Verwaltungen und Büros scheinen nicht zu gefährdeten Räumen zu gehören. So mancher Verhaltensforscher glaubt an gegenseitige Gefahrenabwehr durch erhöhte Aufmerksamkeit aller. Architektonisch bleibt ein höheres Risiko bei Gebäuden mit zahlreichen Menschen in vielen Einzelräumen, verteilt auf mehrere Geschosse, bei fehlender gegenseitiger Achtsamkeit und häufig nach Sonnenuntergang.

„Schicht im Brandschutz-Schacht!“. Endlich generiert „Brandschutz“ zum „Ratgeber“ für den Entwurf und geplant wird nach Brandschutzkonzepten. In der Szene kursiert der „heimliche Design-Guide LBO“. In der jeweiligen Landesbauordnung ist die spannende Story zu finden, wie baulicher Brandschutz Baugesetze prägt und vorbeugender Brandschutz räumlicher Umgebung gestaltet. Interessant: Städtebau- und Architekturgeschichte zeigen steigende Einflussnahme brandschützender Vorgaben auf Materialität, Bauwei- se, Dimension und Maße.

Brandkatastrophen taugen stets zum Auslöser für Revision und Diskussion von Brandschutzzielen. Im Mittelalter sind es die „Verhinderung und Detektion von Bränden“ und das „Ermöglichen von Löscharbeiten“, die Mindestabstandsmaße enger Gassen in Altstädten, Brandmauern, Ziegeldeckung, Schornsteine und Feuerwehren; heute ist es die dramatische Abwägung von Maßnahmen für das Erreichen von Brandschutzzielen in Hochhäusern, Flughäfen, Einkaufszentren, Kliniken und Heimen, die den Entwurfsstrich führt.

Erscheinungsbilder ganzer Vorstadtsiedlungen und Innenstädte werden geprägt durch Brandschutzvorgaben hinsichtlich Gebäudeklassifikationen, Abstandsflächen, Geschoss- und Gebäudehöhen, Flucht- und Rettungswege, Fassaden- und Dachgestaltung, stets unterlegt mit einer materiellen Verwendungsforderung zugelassener Produkte, Brandverhalten von Baustoffen, Feuerwiderstandsdauer von Bauteilen und Ausführung von Treppenhäusern und Eingangstüren. Alles wird vorgegeben – und dennoch bleibt viel Gestaltungs- und Interpretationsspielraum.

Den Entzug der Schutzzieldiskussion bestraft das Planerleben durch Überschreiten der Bauzeiten und -kosten oder schlimmstenfalls mit Brandopfern in Folge oder Jahre später. Dabei scheitert die Genialität eines Gebäude- oder Raumentwurfes nicht an Vorgaben des baulichen Brandschutzes; zum Planerglück gibt es auch noch Paragrafen für Ausnahmen und Befreiungen, die den „Anlagetechnischen Brandschutz“ immer häufiger zur Kompensation von Abweichungen im „baulichen Brandschutz“ einsetzen.

Auf dem kreativen Schutzzielebasar werden längere Fluchtwege mit Nichtbrennbarkeit der Materialien und Sprinkleranlagen verrechnet, Transparenz und Brandschutzzonen mit flexiblen Feuer- und Rauchschutzabschlüssen inklusive digitaler Überwachungstechnik. Das Reservoir an Ideen der Schutzzielerreichung ist beinah unerschöpflich.

Voraussetzung ist frühzeitiger Dialog über Schutzziele mit allen am Bau Beteiligten. Integrative Planung mit schutzzielorientierter Fachplanung des Brandschutzes, der Statik, Hygiene und Barrierefreiheit usw.; und zwar über den Tag der Fertigstellung hinaus, mit Folgenabschätzung.

Es geht um Gesundheit und Gesunderhaltung in Gebäuden und Räumen. Architektur und Design sollten sich Checklisten zu „Gestaltungsfreiheit und Brandschutz“ in die Lehrbücher schreiben: Sie sollten Schutzziele und Bewusstsein entwickeln für Gefahrenabwendung, vorbeugende Maßnahmen und sinnvolle Verhältnismäßigkeit.

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Rudolf Schricker

Kolumnist ist Professor an der Hochschule Coburg, Dipl.-Ing. Innenarchitekt BDIA, Planungsatelier Stuttgart und Coburg, did institut innenarchitektur+design, Buchautor, Publizist, Gutachter.


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