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Barrierefreie Gestaltung für Menschen mit Einschränkungen

Räumliche Anforderungen für Menschen mit Einschränkungen
Barrierefreie Gestaltung im Innenraum

Die Sensibilisierung für Menschen mit Einschränkungen hat zugenommen. Welche räumlichen Anforderungen sich daraus für die barrierefreie Gestaltung ergeben, erklärt die Farbdesignerin und -beraterin Andrea Schäfer im Interview.

Interview Katharina Feuer

Die meisten denken beim Stichwort barrierefreie Gestaltung und Barrierefreiheit automatisch an den Rollstuhlfahrer und die Rampe. Wer aber denkt dabei an Sehbehinderte?

Immer mehr. In der Tat haben die Seheingeschränkten noch keine große Lobby. Das verbessert sich langsam. Dabei ist eine barrierefrei gestaltete, zugängliche Umwelt für 10 % der Bevölkerung zwingend erforderlich, für 30 bis 40 % notwendig und für 100 % komfortabel. Ich nenne Ihnen eine Zahl, die wachrütteln sollte: 40 Millionen Menschen in Deutschland haben Probleme mit den Augen, davon leiden 13 Millionen an Augenkrankheiten, die irgendwann zum völligen Erblinden führen werden. Das sind 15 % der Gesamtbevölkerung! Das geht nicht von heute auf morgen. Der Übergang ist schleichend. Wir sprechen bei Barrierefreiheit darum nicht nur von Blinden und Sehbehinderten, sondern von vielen Menschen, die sich im Alltag möglichst lang gut zurechtfinden sollen.

Welches Ziel verfolgt die Schutznorm DIN 18040?

Ziel der DIN 18040 ist die Optimierung baulicher Anlagen. Es geht darum, Räume visuell für sehbehinderte und ältere Menschen so zugänglich zu machen, dass sie leicht und ohne fremde Hilfe genutzt werden können

Für welche Zielgruppe ist sie gedacht?

Diese Musterordnung berücksichtigt die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung, Blindheit, Hörbehinderung, also Gehörlosen und Ertaubten oder motorischen Einschränkungen sowie die, die Mobilitätshilfen und Rollstühle benutzen. Auch ältere Menschen stehen im Fokus.

Worauf sollten Architekten und Innenarchitekten also bei ihrer Planung öffentlicher Gebäude achten?

Sie sollten bereits bei Neu- und großen Umbauten dafür sorgen, dass an die Gestaltungsprinzipien der Barrierefreiheit gedacht wird. In der Regel vermeidet man damit teure und umfangreiche Umbauten und Anpassungen. Von dieser präventiven Maßnahme profitieren alle Beteiligten mit und ohne Behinderung.

Oft sind die Probleme für gesunde, uneingeschränkte Menschen nicht offensichtlich. Welche Hindernisse im gestalteten Raum gibt es denn?

Es geht vorrangig um Sicherheit und Selbstständigkeit. Das ganze Thema hat aber auch als Voraussetzung für die Teilhabe aller Menschen eine soziale Dimension, insbesondere im Hinblick auf die demografische Entwicklung. Das geht über eine ausreichend dimensionierte Beschilderung und eine kontrastreiche Umgebung weiter zum durchgehenden Handlauf bis zur ausreichenden, blendfreien Beleuchtung. Die Notbeleuchtung im Treppenhaus wird im Brandfall zur Sehbehinderung für alle. Markierte Stufen können in dieser Situation alle beim sicheren Vorankommen unterstützen. Das ist nur ein Beispiel.

Was hilft ganz konkret?

Eine kontrastreiche Planung und Gestaltung. Dabei geht es weniger um die Wahl einer bestimmten Farbe, sondern viel mehr um den Kontrast zwischen hellen und dunklen Tönen. So können Seheingeschränkte ihre Umgebung besser wahrnehmen. Die klare Erkennbarkeit von Raumgrenzen ist wichtig. Eine barrierefreie Gestaltung kann beispielsweise durch die kontrastreiche Farbgebung von Fußböden und Wänden oder durch markante Fußleisten oder Türzargen erreicht werden. Stützen im Raum sollte man unbedingt als Hindernis begreifen. Diese müssen sich von der Umgebung abheben. Gefahrenstellen und gefährliche Hindernisse sind für blinde und sehbehinderte Menschen zu sichern.

Bei monochromen Farbinszenierungen verschwinden die Raumgrenzen. Gestalter spielen bewusst mit der Wirkung. Sie ist zur Zeit sehr beliebt. Was halten Sie davon?

In vielerlei Hinsicht verunsichern solche kontrastarmen Räume alle Menschen, nicht nur die mit Sehschwäche, die leichter die Orientierung verlieren. Oft ist der Boden in einem anderen Farbton gehalten. Das hilft ein wenig.

Dass heißt, für die barrierefreie Gestaltung ist nicht die Farbwahl entscheidend, sondern der Kontrast zwischen hell und dunkel?

Genau. Kneifen Sie doch einfach mal bitte Ihre Augen zusammen. Dann können Sie immer noch Umrisse sowie hell und dunkel erkennen. Die Farbe ist bei dieser Sicht zweitrangig. Sobald der Kontrast unter den Wert 0,4 fällt, wird es schwierig, Objekte im Raum zu unterscheiden. Alles fällt zu einem grauen Brei zusammen. Zum Vergleich: Der Kontrast bei Schwarz-Weiß beträgt 1. Als Hilfe steht jedem Planer der Kontrastrechner kostenlos zur Verfügung.

Also ist es nicht entscheidend, ob ich Rot und Grün kombiniere, auch nicht für Menschen mit einer Rotgrünsehschwäche, sondern der Kontrast ist entscheidend?

Der gestaltenden Person sind bei der Farbwahl in Bezug auf die Barrierefreiheit keine Grenzen gesetzt. Der Helldunkelkontrast ist wichtig.

Was sind aus Ihrer Sicht No-Gos?

Fehler passieren leider immer noch häufig bei Orientierungs- und Leitsystemen. Schilder und deren Beschriftung fallen zu klein aus. Das hat kuriose Folgen. Man findet große, nachträglich angebrachte Schilder oder Zettel neben den Türen. Die Ästhetik und Gestaltung spielt in diesem Fall dann eine untergeordnete Rolle. Dafür gibt es auch eine Norm: Visuelle Informationen wie Wegweiser, Übersichtstafeln und Türschilder sind in Schriftgröße, Schriftart, Kontrast und Anbringungshöhen nach DIN 32975 zu gestalten. Glastüren sind ein großes Problem. Auch hier sieht man den in der DIN 18040 festgelegten Wechselkontrast in Schwarz und Weiß sehr selten als gut erkennbare Sicherheitsmarkierung.

Inwieweit trägt das Licht dazu bei?

Sehr. Um Kontraste gut wahrnehmen zu können, ist eine angemessene Beleuchtung erforderlich. Barrierefreie Gestaltung heißt auch, bei der Planung mit Tageslicht und Leuchten Reflexionen und Glanz zu vermeiden, insbesondere am Boden und an Informationstafeln.

Welche Möglichkeiten gibt es, Architekten und Innenarchitekten, die öffentliche Gebäude planen, für dieses Thema zu sensibilisieren?

Zuerst möchte ich noch einmal betonen, dass für mich Gebäude ohne jegliche Barrieren Gebäude für alle Menschen sind. Es reicht manchmal, dass Planer diese Situation selbst erleben. Dazu bieten wir verschiedene Seminare an. Bei „Medizin und (Innen-)Architektur“ lassen wir die Teilnehmer bewusst in die Rolle schlüpfen. Sie erhalten einen Altersanzug und eine sehmindernde Brille. So sollen sie mit dem Rollstuhl über eine 1 cm hohe Schwelle rollen. Schnell verstehen sie, dass selbst diese ein Hindernis sein kann. Es gibt ein schönes Zitat auf der Webseite der Aktion Mensch: „Menschen haben keine Behinderung. Orte schon.“

Manche versuchen bei diesem Selbsttest mit Schwung über die Schwelle zu fahren. Dabei sind einige fast aus dem Rollstuhl gefallen. Das zeigt, wie sehr man für die ganze Thematik sensibilisieren muss, insbesondere, da unsere Gesellschaft immer älter wird. Immer mehr Menschen leiden an typischen altersbedingten Augenerkrankungen.

Weitere Beiträge finden Sie hier

Als Planungshilfe steht jedem interessierten Leser kostenlos der selbst entwickelte Brillux Kontrastrechner zur Verfügung. Hier findet man auch noch einmal die Wichtigsten Infos zur DIN 32975.

In den Webinaren von Andrea Schäfer stehen die Themen „Farbe erleben im Alter“ und „Visuelle Barrierefreiheit“ im Fokus. Mehr unter: www.brillux.de/service/veranstaltungen

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