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Letter from Shanghai: Bambus und Holz – natürliche Ressourcen. md-mag.com

Letter from Shanghai
Bambus und Holz

In den letzten zehn Jahren haben chinesische Designer das traditionelle chinesische Kunsthandwerk wieder entdeckt. Vor allem die Möbel.

Eine große Rolle bei dieser Rückbesinnung spielen die alten philosophischen Vorstellungen von Harmonie und Weisheit und die Vorbilder alter Handwerkskunst, die heute leider nur noch in Museen zu bewundern sind. Von den Alten lernen, heißt aber auch: Ein Designer muss sich nicht nur mit natürlichen Materialien und traditionellen Handwerkstechniken auskennen, sondern zugleich mit neuen Technologien. Produktdesign ist ein permanenter Entwicklungsprozess.

Besonders beeindrucken mich die Holzobjekte von Yongzhong Lv. Der in Shanghai arbeitende Architekt und Produktdesigner kennt sich im traditionellen Handwerk so gut aus wie in der Literatur. Und doch wird ihm keine seiner vielfältigen Aktivitäten – Lehrer, Manager, Designer und Orientalist – ganz gerecht: Am liebsten arbeitet Lv mit Holz.

Holz als zentrales gestalterisches Ausdrucksmittel

Er ist davon überzeugt, dass es die Seele der Menschen berührt. Mit seiner Designmarke ‚Banmoo‘ konzentriert Lv sich auf Holz als zentrales gestalterisches Ausdrucksmittel. Seine edlen Kunstgegenstände und Möbel stehen am Ende eines “natürlichen” Transformationsprozesses. Lv betrachtet Holz als ein “beseeltes Wesen”: Für ihn spricht es die Sprache eines lebendigen Baums, sendet eine Botschaft, will aus sich selbst heraus verstanden und bearbeitet werden.

Folglich erzählt jeder seiner Entwürfe eine Geschichte. Einmal eine Reiseerinnerung an das Gleiten auf einem einsamen Boot (Tisch/Bank ‚Boat ‚), ein anderer Entwurf spürt dem “Klang” alter Literatur nach (Lautsprecher ‚Fountain‘) oder dem Vergnügen an der vergehenden Zeit (Weihrauchgefäß ‚Flute‘). Auch den Architekten Lv beeinflusst das Holz: Er spielt mit der verborgenen Schönheit der Shunmao-Verbindungen.

Bambus: kulturelle, ökologisch und ökonomische Bedeutung

Vor Kurzem besuchte ich das Designstudio von Jeff Dah-Yue Shi in Beijing. Der taiwanesische Designer wurde für seine innovativen Bambusmöbel mit dem Red Dot Design Award prämiert. Bambus war schon in der chinesischen Literatur und Philosophie Symbolträger von Eleganz, Integrität und Stilsicherheit. Seine Qualität und Form erklären sich selbst. Allein die Vorstellung, in einem Bambuswald spazieren zu gehen, bewirkt bereits friedliche Gelassenheit.

Die kulturelle, ökologisch und ökonomische Bedeutung von Bambus als nachhaltiger und schnell nachwachsender Rohstoff in Asien ist immens. Aber obwohl Bambus umweltfreundlich und ein positiv bewertetes Material ist, wird er im heutigen China häufig nur als Baumaterial und für Flechtmöbel verwendet. Die Designer haben keinen Blick für seine Schönheit. Bei den von Jeff entworfenen Stühlen ‚Chair Jun Zi‘ und ‚Chair Qin-Jian‘ ist das anders.

Neue Wege für traditionelle Handwerkstechniken 

Hier macht man sich die natürlichen Eigenschaften des Bambus zunutze: Die Abstände zwischen den Leisten erlauben eine gewisse Luftzirkulation, ihre Bögen bilden eine klare und elegante Kontur aus, wobei das Gestell beim Sitzen leicht federt und mit der natürlichen Elastizität des Materials spielt. Ihre Form liest sich als Struktur chinesischer Schriftzeichen.

Bereits 2008 hat Jeff den deutschen Designer Konstantin Grcic bei seiner Arbeit mit Bambus unterstützt. Damals entstand ein Stuhl mit dem Namen ’43‘: Alle 43 laminierten Bambusstreifen wurden von Hand geformt. Organisiert wurde diese Zusammenarbeit von NTCRI (National Taiwan Crafts Research Institute) und TDC (Taiwan Design Center) mit dem Ziel, neue Wege zu finden für traditionelle Handwerkstechniken und zeitgemäße Formensprachen.

Designer tragen eine hohe soziale Verantwortung

Auf die Frage, warum er sich diesem traditionellen Material verschrieben habe, gibt Jeff Dah-Yue Shi eine klare Antwort: “Designer tragen eine hohe soziale Verantwortung.” Mit seinen Experimenten unterstützt er Bambusfabriken in Jhu Shan (Taiwan). In den letzten Jahren hat sich die Situation der einstmals prosperierenden Stadt aufgrund von Lohndumping und wirtschaftlicher Rezession grundlegend verschlechtert.

Vom Anpflanzen über das Ernten, vom zeitaufwändigen Trocknen bis zur fertigen Leiste, jeder Schritt ist für die Haltbarkeit von Bambus von entscheidender Bedeutung. Ein Prozess übrigens, der von der Erfahrung und Weisheit unserer Vorfahren lebt. In diesem Sinne bewahren wir gewissermaßen ein Stück chinesischer Kultur.

md-Korrespondent Jamy Yang berichtet aus Shanghai

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