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Activity Based Working

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LIAG Architekten schufen diverse Arbeitsplätze im Voedingscentrum. Foto: Mart Stevens
Ist das Multispace-Büro nur ein neuer Name für altbekannte Raumformen? Wenn Auftraggeber es nicht nur instrumentalisieren, um Fläche zu sparen, hat es Potenzial. Eins ist sicher: Die Planung muss sich eher als Kunst denn als Handwerk verstehen.
Autor Dr. Ahmet Çakir

Glücklich schätzen darf sich, wer bei der Suche nach einer Lösung bei jeder Facette eines Problems immer das Beste wählen darf. Win-win nennt sich die Situation. Üblicherweise muss man sich damit begnügen, das Beste unter den gegebenen Umständen zu erreichen. Wenn man in jeder Hinsicht aus den Schlimmen die am wenigsten Schlimmen herausfischen muss? Fachleute nennen das Ergebnis die Pessimallösung.

Ungefähr seit 1920, der Geburt des Office Managements, sind Planer in der Bürobranche dabei, eine Art Win-win-Lösung für die Büroform zu finden. 100 Jahre lang lächelnde Menschen in Bürofachmagazinen, mal im Großraum, mal im Gruppenbüro abgelichtet. Ein neues Konzept als wiederkehrendes Ritual. Nur die Pessimallösung, die Auflösung des Büros durch Migration zur Telearbeit, fand keine Fürsprecher. Kein Wunder, denn wohin soll man die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung migrieren lassen außer in andere Büros?

So ist der Wettbewerb zum Finden des richtigen Biotops für eine artgerechte Haltung von Menschen in vollem Gange, die nicht mehr nur verwalten sollen, sondern Wertschöpfung betreiben. Das tun sie inzwischen so effektiv, dass die fünf monetär wertvollsten Unternehmen der Welt als Bürounternehmen gelten. Produzieren tun andere für sie. Wo packen wir die Leute hinein, deren Wertschöpfung die der Ölförderung hinter sich gelassen hat? Das funktioniert an Orten wie Action Office, Shared Office, Kombibüro, Business Club, Lean Office, Nomadic Office, Free Address Office, fraktales Büro oder Re-invented Workplace? Vielleicht machen wir sie glücklich durch eine Verwohnzimmerung ihres Büros?

Der neue Stern am Zukunftshimmel ist das Multispace Office. Es dient dem Activity Based Working. Oder wie manche Ketzer meinen, eine spezielle Ausprägung des Gruppen- oder Großraumbüros. Das stimmt aber nur bei oberflächlicher Betrachtung. Von oben, wie bei Büroplanungen üblich. Reichen die Wände der Raumteiler bis an die Decke, handelt es sich um Zellenbüros. Sind sie etwas weiter gefasst und hören unter der Decke auf, spricht man vom Gruppenbüro. Temporär angeordnete – aber ewig dastehende – Raumteiler deuten auf Großraumbüros hin. Die letzten beiden haben einen ungeteilten Himmel. Was macht das Multispace so speziell?

Die Frage kann man allein durch eine Betrachtung von Belegungsplänen kaum beantworten. Man muss sich schon anschauen, was in dem Raum stattfinden soll. Fachkundige geben an, die offene Bürofläche sei in Arbeitsflächen gegliedert, die eine breite Spanne an Tätigkeiten ermöglichen beziehungsweise unterstützen: alleine oder im Team arbeiten, erholen, nachdenken, kommunizieren. Kurzum: Activity Based Working

Multispace Office

Warum ist man nicht früher auf diese Idee gekommen? Die Frage ist so dumm nicht. Sehr lange dachte man, es gäbe hauptsächlich gleichartige Arbeiten, für die man gleichartige Arbeitsplätze zur Verfügung stellen müsste. Zudem war die Erholung bei der Arbeit nichts für tüchtige Arbeitskräfte. Für die restlichen Verrichtungen hatte ein Bürohaus Räume, aber räumlich fein getrennt. Und gegebenenfalls getrennt zu buchen. Das soll im Multispace anders werden. Neben den üblichen Arbeitsflächen beinhalte der Multispace Besprechungs- und Rückzugskojen, Sitzecken und Stehkonferenzzonen, Service- und Verpflegungsinseln, lese ich in der Literatur. Das wäre anders als bei früheren Konzepten, so es Realität wird.

Während man in der deutschen Literatur den urdeutschen Begriff Multispace verwendet, spricht man im Ausland von „activity based office design“. Daran lässt sich schnell erkennen, worum es geht. Niemandem wird ein Ort zugeteilt, an dem er ständig oder meistens arbeitet. Es fallen unterschiedliche Tätigkeiten für dieselbe Person an, für die jeweils ein anderer Bereich zur Verfügung stehen soll.

Wer sich mit dem Konzept beschäftigen will, tut gut daran, dessen Ziel zu erkennen. Das ist tatsächlich neu. Ob es sich als langlebiger erweisen kann als seine Vorgänger? Zu einem erheblichen Teil hängt das von einem Faktor ab, den ich als den mächtigsten Grund für das Scheitern ehemaliger Traumvorstellungen halte: Flächen sparen. Büroplaner können nur mit Win-win rechnen, wenn die Fläche nicht als Überkriterium für ihre Lösungsfindung gilt. Das heißt: sehr selten. Sonst müssen sie Fläche sparen, als gäbe es keine Psychologie der Distanzen: eine intime, der kleinstmögliche Abstand zwischen zwei und mehreren Personen, eine persönliche, eine soziale und eine öffentliche Distanz. Diese Abstände fallen je nach Tätigkeit anders aus. Deren Planung ist eher Kunst als Handwerk.

Für Menschen zählt nicht unbedingt die physikalische Beschaffenheit, sondern der erlebnismäßig strukturierte Raum. Er dient dem Activity Based Working. Eine wahre Herausforderung für jeden Planer. Schafft er es, die Chemie zwischen den Menschen zu regeln und zu pegeln, bliebe noch die Physik: In allen Bürostudien werden als größte Beeinträchtigungen – Büroart hin und her – der Lärm im Raum, die Störung durch Gespräche und Telefonate sowie Bewegung von Personen und Unterbrechungen der Arbeit genannt. Je größer der Raum, desto größer die Probleme! Wer gegen diese mit technischen Mitteln vorgeht, ist nicht weit weg vom persönlichen Waterloo. Man muss viel mehr in Chemie investieren, allerdings nicht in die physikalische.

Aktivitäten des Ergonomic Instituts

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