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Zuhause arbeiten als Zusatzbühne

Zuhause arbeiten als Zusatzbühne
Homeoffice

Arbeiten im Homeoffice, Der Kommentar Homeoffice von Ahmet Çakir
Für viele Arbeiten eignet sich das Homeoffice gut. Allerdings leiden die Beziehungen zu Kollegen darunter. Foto: Wiesner Hager
Das Homeoffice ist für viele Mitarbeiter zum Standard geworden. Allerdings ist es für Unternehmen kein Standard, dass sie die Beschäftigten mit Equipment unterstützen. Das ist problematisch. Mancher geht nicht nur aus diesem Grund wieder ins Büro. Zum Kommentar Homeoffice.

In London kämpft eine Bürgerinitiative gegen den Bau neuer Bürohäuser. Ihr Argument: Büroarbeit lässt sich besser zu Hause erledigen. Dank der IT-Technologien kann die Information überall hin gebracht werden. Und die Wissenschaft pflichtet ihr bei: Das zentrale Büro ist durch die Schreibmaschine entstanden und den Zentralcomputer gestärkt worden, wie einst die Fabrik durch die Dampfmaschine, sagt sie. Da alle drei der Geschichte angehören …

Zeit für eine Revolution? Ach was. Das sind meine Erinnerungen an die Zukunft, die nie kam. Die Geschichte spielte sich 1978 ab, als in London die Docklands einer neuen Verwendung zugeführt werden sollten. Einige Jahre später fanden die Leser meinen Artikel mit dem Titel „Bürohaus – Das Spiegelbild der Unternehmenskultur“ gut, ein Plädoyer für das Gebäude.

Kürzlich fand ich einen Artikel in der ‚Wirtschaftswoche‘, der das Büro überhaupt infrage stellt. Der Titel: „Die Schwachen wollen ins Büro“. Dieser Artikel ist kein Produkt des Corona-Blues, er entstand 2015 und beruhte auf einer früheren Studie zum Homeoffice. Der Tenor lautete in etwa: „Nach Feierabend ist man sofort zu Hause.“ Die Beteiligten waren glücklicher und um 13 % produktiver als die Kollegen, die im Büro hockten.

Manager befürchten Bummelei im Homeoffice

Vor kurzem erschien eine internationale Linkedin-Studie, die Vorbehalte von Führungskräften gegenüber dem Homeoffice dokumentiert. Der darin enthaltene Tenor lautete: „Deutsche Manager befürchten Bummelei im Homeoffice.“ Allerdings nicht nur die, denn in den Niederlanden wollen mehr Manager ihre Schäfchen im Büro sehen. Die Bummelei ist aber nicht der Grund, interessant ist die Motivation dahinter.

Unser Institut beschäftigt sich seit 1980 mit dem Thema, weil es einst eindeutig in eine Richtung wies: Das dezentrale Büro wird bald zum Standard. Da sich unsere Kunden aus der IT-Industrie rekrutierten, war das Interesse verständlich. Wir veranstalteten 1985 einen Kongress hierzu, dessen Resümee aber wenig Hoffnung machte: Bis zum Ende des Jahrhunderts wird es nichts mit der Telearbeit. Inzwischen heißt die Homeoffice. Können wir das Resümee verwerfen? Oder wiederholen?

„Report Gute Arbeit 2021“ des DGB

Weiter geht’s im Kommentar Homeoffice von Ahmet Çakir: Wenn man dem jüngsten „Report Gute Arbeit 2021“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) glauben kann, ja. Der schneite vor kurzem mit der Zeitung in mein Büro und sorgte für Entsetzen. Wörtlich resümiert der Artikel: „Keine finanzielle Unterstützung, um sich einen Arbeitsplatz einzurichten, keine Beteiligung an zusätzlichen Heiz- und Stromkosten – das trifft für die allermeisten Arbeitnehmer zu, die in der Pandemie im Homeoffice ihren Job gemacht haben (91 %).

Fast jeder zweite Arbeitnehmer im Homeoffice (48 %) musste außerdem private Geräte nutzen, um seine Aufgaben erledigen zu können, den eigenen Laptop, das Handy oder Tablet.“ Dabei sind die genannten Posten Peanuts im Vergleich zu den Personalkosten. Und das Risiko durch die Verwendung privater Geräte für die Datensicherheit womöglich existenzgefährdend. Eigentlich könnte man die Kolumne hier abbrechen und einen Tanz auf dem Vulkan beschreiben.

Wer verantwortlich handelt, hat eine Betriebsvereinbarung zur Einrichtung solcher Arbeitsplätze und überwacht die auch, damit die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter dasselbe Niveau aufweist wie im Büro. Aber dies ist kein Selbstzweck, sondern dient auch der Leistungsfähigkeit, wie jeder in der Pandemie gelernt hat.

Aber hinreichend ist das nicht. Denn die physikalische Umgebung (Büro, Netzwerke) stellt nur die sichtbare Umwelt dar. Technische Netzwerke verbinden Computerkisten. Menschen brauchen aber Beziehungskisten. Die zimmern sich leichter in gemeinsamen Räumen.

Fehlende Arbeitsqualität

Wenn man die Kollegen nur noch als Briefmarke auf dem Bildschirm kennt und nach Dienstschluss im selben Multifunktionskämmerlein gar sein Abendbrot zu sich nehmen muss, dem fehlt es an Arbeitsqualität. So fiktiv wie es klingt, ist dies aber nicht.

Nach der DGB-Studie rangiert der Sinngehalt der Arbeit mit 82 % ganz vorne, gefolgt von Beschäftigungssicherheit/berufliche Zukunftssicherheit mit 79 %. Danach kommen Führungsqualität und Betriebskultur sowie soziale und emotionale Anforderungen.

Die Führungskräfte sehen laut Linkedin-Studie die Sache auch nicht viel anders. Der Grund für die befürchtete Bummelei liegt demnach eher darin, dass die Karrierechancen geringer werden und die Einflussmöglichkeiten schwinden. Da helfen Sprüche wie „My home is my office“ oder „Mach die Welt zu Deinem Arbeitsplatz“ wenig.

Zwar ist es kein Naturgesetz, dass das Gemeinschaftsgefühl leidet, wenn Kolleginnen und Kollegen weit voneinander entfernt an ihren Küchentischen hocken. Aber virtuell initiierte Zufallsbegegnungen, die technische Netzwerke bieten können, sind kein Ersatz zum Bilden von Sozialkompetenz und Betriebsklima. Als Alternative zum Büro kaum tauglich, als Zusatzbühne müsste es erfunden werden, das Homeoffice.

Der Kommentar Homeoffice von Ahmet Çakir


Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

Zur Homepage des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung

Ein weiterer Kommentar von Ahmet Çakir über Akustik und Optik

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