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Form und Inhalt oder Fake Design

Spot on ... Design: Fake Design
Form und Inhalt

Die Banalität des Bösen oder: Hier meint es jemand humorlos ernst. Foto: Regine Mahaux / Getty Images
Fake Design: Modernes Design hat sich immer auch als Förderer des gesellschaftlichen Fortschritts auf der Grundlage von aufrichtiger Wahrhaftigkeit verstanden. Selbst die Postmoderne hat dieses Paradigma nicht infrage gestellt. René Spitz fragt nach seiner Aktualität.

Ein Beitrag von René Spitz vom 14. April 2017
Der Teufel steckt im Detail. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf Details richten, verlieren wir den distanzierten Blick für die großen Zusammenhänge. Über Farbnuancen und Millimeter-Radien des einzelnen Gegenstands gerät oft die Gesamtwirkung in Vergessenheit, die wir eigentlich erreichen wollten. Woran liegt das?

Fake Design

Einzelheiten müssen entschieden werden, und Entscheidungssituationen werden von Machtfragen beherrscht. Da kommt der Teufel ins Spiel. Er liebt es, darüber Verwirrung zu stiften, was gerade wichtiger ist, das Detail oder der Zusammenhang, und welche wechselseitige Verbindung diese beiden Perspektiven haben.

Wechselseitige Verbindung

Wir sind gerade Zeitzeugen einer weltpolitischen Entwicklung, in der uns die Bedeutung dieser Reziprozität beider Ebenen (Detail und Zusammenhang) schockierend unmissverständlich vorgeführt wird.
Im Design ist eines dieser teuflischen Phänomene die schlichte Phrase Form und Inhalt. Sie kommt ganz unschuldig daher. Sie klingt ja auch völlig einleuchtend. Und doch ist es eine Illusion, wenn wir annehmen, es gäbe einerseits eine Form, andererseits einen Inhalt. Das vertraute Wörtchen „und“ suggeriert eine Zweiheit, wo es in Wirklichkeit nur eine Einheit gibt.

Die Wirklichkeit

Gewiss, intellektuell sind wir dazu in der Lage, zwischen diesen beiden Aspekten zu differenzieren. Aber das geschieht nur abstrahierend, indem wir also über den konkreten Einzelfall hinaus vom Boden der Tatsachen abheben. Wenn ein Tisch eine andere Form hat, ist es ein anderer Tisch. Wenn ein Plakat eine andere Titelschrift hat, trifft es eine andere Aussage.

Form und Inhalt

Der Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick hat uns gelehrt, dass Botschaften immer einen analogen (= von der Interpretation abhängigen) und einen digitalen (= unmissverständlichen) Anteil haben. Form ohne Inhalt gibt es nicht, und jeder Inhalt hat eine Form. Im Design fallen Form und Inhalt zusammen.
Das ist Gesetz. Ebenso gilt: Details formen ihren Zusammenhang, und Einzelheiten werden wiederum durch ihre Rahmenbedingungen präfiguriert.

Farbe Gold dominiert

Ein aktuelles Beispiel beleuchtet die Relevanz dieser Erkenntnis. Nehmen wir ein kürzlich veröffentlichtes Foto. Es zeigt ein Ehepaar mit ihrem gemeinsamen Sohn. Das Ambiente versammelt Insignien, die nach übereinstimmender Lesart Wohlstand verkörpern sollen. Als vorherrschende Farbe dominiert Gold: Decken, Fensterrahmen, Tisch und Stühle sind vorgeblich aus diesem Edelmetall, selbst die Kapitelle der marmorierten Säulen.

Trump Tower

Der Vater thront auf einem Sessel napoleonischer Erscheinung, neben ihm steht die Gemahlin in wehendem Gewand. Doch befinden wir uns weder im 18. Jahrhundert noch im good old Europe, sondern im Penthouse des Trump Tower an der Fifth Avenue im Jahr 2016.
Der Blick des namensgebenden Hausherrn eröffnet sich nicht in eine Parklandschaft auf Augenhöhe, sondern von hoch oben herab auf Manhattan, Brooklyn und das Hinterland.

Die Zurschaustellung des Als-ob

Was uns auf diesem Bild geboten wird, ist die Zurschaustellung des Als-ob. Das Interieur imitiert alten europäischen Adel, ein typischer Reflex des Parvenüs. Wo in Wahrheit Stahlträger die statischen Lasten schultern, simulieren die vorgesetzten Säulen nur Tragwerk. Wer oberflächliche Klischees vom Residieren im Schloss bemüht, leugnet die Realität der Gegenwart.
Solches Blendwerk darf auch nicht mit postmoderner Multivalenz verwechselt werden, denn ihm fehlt jede spielerisch gebrochene Ironie. Hier meint es jemand humorlos ernst. Diese Formen gehören zu Inhalten aus feudalen, undemokratischen Zeiten.

Die Banalität des Bösen

In der Moderne gibt es keine unpolitische Gestaltung. Auch wer sich ins Private zurückzieht, handelt politisch, denn er verrät seine politische Verantwortung als Souverän und überlässt die Kontrolle den Machtgierigen. Wohin das führt, hat Hannah Arendt diagnostiziert.
Sie hat aus dem Eichmann-Prozess die Erkenntnis destilliert, dass ein Mensch umso stärker dem Bösen zuneigt, je oberflächlicher er ist. Ein Indiz für Oberflächlichkeit ist der Gebrauch von Klischees. Das nennt sie die Banalität des Bösen.
Autor René Spitz
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