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Wohnen als Ausdruck der Persönlichkeit: gewohnt anders

Wohnen als Ausdruck der Persönlichkeit und Synonym für das Leben im geschützten Raum
Gewohnt anders

Wohnen, Mehrgenerationenwohnen
MVRDV war an der Entwicklungsstrategie für das Oosterwold-Projekt beteiligt: ein nachhaltiges Beispiel für partizipatives Wohnen. Rendering: MVRDV
Wohnen ist Ausdruck der Persönlichkeit und Synonym für das Leben im geschützten Raum, aber auch Ausdruck sozialer Zugehörigkeit. Entsprechend fordernd scheint die Innenarchitektur. „Nur Mut!“, meint Rudolf Schricker.

Fast scheint es, als würde sich Innenarchitektur nur auf öffentliche Innenräume konzentrieren wie Büros, Läden, Hotels, Gastronomie, Kultur, Bildung und neuerdings auch auf das Gesundheitswesen. Aber wie sieht es beim Thema Wohnen aus? Innenarchitektur ist komplex. Sie leistet professionelle Unterstützung für Auftraggeber und Investoren bis zum Tag der Inbetriebnahme. Die Innenarchitektur für private Wohnräume ist nicht minder komplex. Eine professionelle Begleitung ist stets nachhaltig und langfristig angelegt, da Menschen ein Leben lang ihre Persönlichkeit und ihre Ansprüche an ihre Behausungen anpassen und verändern. Der Raum und die Menschen sollten parallel und in Wechselwirkung altern können.

Chancen des Mehrgenerationenwohnen

Aktuelle gesellschaftliche Veränderungen werfen Fragen auf: Welche Bedeutung hat die zunehmende Mobilität und die verstärkte Verzahnung von Privat- und Arbeitsleben? Welche Chancen bietet das Mehrgenerationenwohnen? Wie sieht ein sinnvoller Umgang mit Ressourcen aus? Wie viel Raum braucht der Mensch zum Leben? Unvermittelt findet man sich wieder im Labyrinth des Heidegger’schen Denkansatzes „Wohnen denkwürdig zu machen“. Heißt das, Wohnbauten können erst errichtet werden, wenn das Verständnis darüber geklärt ist? Es herrscht offenbar nach wie vor hoher Klärungsbedarf für alle Beteiligten.

Wohnung als rentable Ware

Neben der Architektur macht auch die Wissenschaft einen Bogen um das Wohnen im engeren, in jedem Fall individuellen Sinne; im Fokus stehen vielmehr allgemein abgeleitete Fragestellungen. Soziologisch die gesellschaftliche Vermitteltheit des Wohnens, ökonomisch die Wohnung als rentable Ware und ingenieurtechnisch das gestalterische und technische Bauen von Wohngebäuden.

Designprozesse in der Wohnraumgestaltung

Designprozesse in der Wohnraumgestaltung verlieren sich in Evidenz und allgemeiner Normerfüllung. Es gibt minimale Mindeststandards für alle; aber so gut wie keine individuelle Bedürfnisorientierung. Aber humane und soziale Wohnungen sollten anders funktionieren: synästhetisch, flexibel, variabel, auch nachhaltig und anpassungsfähig.

Wohnbedarf frei ausformulieren

Besonders bei Älteren galt das Wohnen als letzte Ausdrucksbastion persönlicher Lebensentwürfe. Obgleich mittlerweile andere Wohnvorstellungen hinzukommen und das scheinbare Ende der bürgerlichen Mitte einläuten, kümmert sich die Architektenschaft wenig um eine Sozialdifferenzierung des Wohnens. Bereits im Entwurf wird nichts dem Zufall überlassen und festgelegt, wo „Kind 1“ und „Kind 2“ später einzuziehen haben, wo Eltern „Schlafen“ oder „Arbeiten“ oder „Gäste“ sich aufhalten werden. Meist nehmen Menschen diese allgemeinen und unkonkreten Begrifflichkeiten für bare Münze und kommen gar nicht auf die Idee, diese Diktion zu hinterfragen, geschweige denn, selbst kreativ zu interpretieren und ihren Wohnbedarf frei auszuformulieren.

Uniformität der Wohnungseinrichtung

Meine These: Die Freiheit individuellen Lebens in Räumen ist nur so groß, wie es in der Planung zugelassen und mittels Flexibilität und Veränderung nachhaltig gefördert wird. Architekten könnten gestalterische Freiheitskämpfer für die Idee „inklusiven Lebens“ in den eigenen vier Wänden sein. Aber wie sieht die Realität aus? Von Flensburg bis Garmisch hat sich an der bereits Anfang der 1980er-Jahre konstatierten Uniformität der Wohnungseinrichtung der scheinbar vielfältigen und pluralistischen Gesellschaft kaum etwas verändert. Trends gibt es, ja, jedoch: Wie Lemminge massenweise einer Mode hinterherzulaufen und am Ende doch wieder uniform zu planen ist noch kein eigener Lebensstil. Persönlicher Ausdruckswille als Folge individueller Persönlichkeitsentfaltung? Fehlanzeige.

Zukünftige Wohnkonzepte

Wohnraum ist Mangelware und Prestigeobjekt. Wohnen charakterisiert und regelt soziales Leben. Wohnungen sind in Zement gegossen – immobil. Zukünftige Wohnkonzepte müssen aber eher teilmobil, flexibel, dynamisch und in Wechselwirkung mit der physischen, psychischen und sozialen Verfassung der Bewohner stehen. Temporäre Wohnungen können wachsen oder schrumpfen, die Nutzung wechseln oder Multifunktionalität zulassen. Mehrgenerationenwohnen fordert inklusiven Spielraum bei der Gestaltung diverser Lebensträume und regelt die Alltäglichkeit des Kümmerns, Pflegens, Versorgens.

Innenarchitektonischer Voyeurismus

Doch die meisten haben es sich gemütlich gemacht und sich in ihren Trutzburgen eingerichtet. Dagegen wirkt das Internet wie ein Türöffner, der paradoxerweise nicht nur von außen, sondern sehr bereitwillig von innen bedient wird. Digitalisierung sorgt für mediale Selbstdarstellung einzelner Bewohner und die Inszenierung des persönlichen Backgrounds. Wohnen wird zum ereignisreichen, öffentlichkeitswirksamen Schauspiel, bei dem Privates nur allzu bereitwillig preisgegeben und innenarchitektonischer Voyeurismus evoziert wird.

Wohnkonzepte auf Rezept

Keine Showbühne ist gefragt, sondern Raumentwürfe, die Bewohnern eine individuelle Nutzungs- und Gestaltungsvielfalt bieten. Gute Innenarchitektur ist variabel und auf eine verantwortungsbewusste Mitwirkung Betroffener angewiesen. Wohnkonzepte auf Rezept – „bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Architekten oder Analytiker“ – wären ein Ansatz.

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Rudolf Schricker

Der Kolumnist ist Professor an der Hochschule Coburg, Dipl.-Ing. Innenarchitekt BDIA, Planungsatelier Stuttgart und Coburg, did institut innenarchitektur+ design, Buchautor, Publizist, Gutachter.

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