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Transparenz durch Zertifikate: Funktion und Nutzen von Zertifizierungen

Funktion und Nutzen von Zertifizierungen
Transparenz durch Zertifikate

DGNB, LEED, C2C: Was sich wie ein neuer Hit der Fanta Vier anhört, sind Zertifikate. Als Planer sollte man die wichtigsten kennen, um beim Bauherrn zu punkten. Zwei Experten von C2C erklären die wichtigsten Grundlagen.

Interview Katharina Feuer

Herr Diem, Herr Özer, wir fangen am besten bei null an. Was sind Zertifizierungen?

Markus Diem (MD): Sie können Unternehmen und Konsumenten eine Orientierung geben sowie Transparenz über die Eigenschaften eines Produkts oder Gebäudes. Ein Zertifikat macht Qualitäten sichtbar und das zu bewertende Produkt vergleichbar. Es basiert auf Kriterien, wie soziale Komponenten, Kreislauffähigkeit, Materialgesundheit, Chemikaliengehalt, der Lieferkette oder Emissionen.

Marcel Özer (MÖ): Umweltzeichen sind einerseits eine Art Status-quo-Bewertung. Sie können aber auch der Optimierung dienen. Man kann sich den Informationsstand, der sich durch eine Zertifizierung ergibt, zum Antrieb nehmen: Was habe ich erreicht? Was kann ich noch verbessern? Und nicht zuletzt dient es der Vergleichbarkeit.

Es gibt unzählige Zertifikate. Welche sind die bekanntesten und was zeichnet sie aus?

MÖ: PEFC und Blauer Engel. PEFC ist ein Zertifizierungssystem für die nachhaltige Waldwirtschaft. Blauer Engel ist ein Umweltzeichen mit diversen Konformitätsbewertungen. Man kann sagen, dass sich jedes Zertifikat einer eigenen Grundthematik (Holz, Textilien, Produkttypen) annimmt. Es ist ein bunter Blumenstrauß, der immer bunter wird. Man verliert leicht die Übersicht. Abhilfe schaffen diverse Plattformen, wie der Building Material Scout (BMS) für die Baubranche. Hier kann ich eingeben, was ich suche, etwa baugesunde, intelligente Werkstoffe oder nachhaltige Bauteile, und erhalte fundierte Unterstützung.

MD: Man muss unterscheiden zwischen Produkten und Gebäuden. Im Bereich der Gebäude, also der Summe seiner Bestandteile, will ich drei nennen: DGNB, LEED und BREEAM. Für Produkte gibt es unzählige. „Cradle to Cradle Certified“ kommt bei sämtlichen Industrieprodukten zum Einsatz und ist zudem das einzige, das Kreislaufszenarien integriert, sprich: Was passiert mit dem Produkt, wenn es keiner mehr braucht? Das Ziel ist es, dass die Materialien nicht zu Abfall, sondern als Rohstoff weiter genutzt werden. Weitere sind GOTS (Global Organic Textile Standard) und Ökotex.

Cradle to Cradle (C2C) scheint derzeit besonders angesagt zu sein. Warum?

MD: Man muss wissen, dass sich viele Zertifikate nur mit dem letzten Fertigungsschritt eines Produkts auseinandersetzen. Lieferketten werden bei der Bewertung nicht berücksichtigt. C2C geht weiter. Ich kenne kein anderes Zertifikat, das so in die Tiefe geht und alle Aspekte beleuchtet. Bei einem Oberhemd möchten wir beispielsweise wissen, welche Chemikalien das Garn enthält, welches den Knopf fixiert.

MÖ: Ein Großteil der Zertifikate auf dem Markt funktioniert so, dass sie nur die Auswirkung eines Enderzeugnisses auf seine Umwelt betrachten. Wie beispielsweise der EMI-Code, der Bauprodukte nach ihrem Emissionsverhalten vergleichend bewertet.

Was macht C2C also anders?

MÖ: C2C nimmt weitere Kriterien auf, wie soziale Aspekte, Materialgesundheit, Recycelfähigkeit, Energie- und Wasserverbrauch etc.

Darüber hinaus liefert das Zertifikat nicht nur eine Status-quo-Bewertung, sondern fügt eine Art Roadmap hinzu, die helfen soll, sich weiter zu verbessern und Fragen zu beantworten: Welche Materialien kann ich substituieren? Wo kann ich Schadstoffe reduzieren und welche sind das überhaupt? Wie erhöhe ich die Recyclingfähigkeit meines Produkts?

Hat sich das Verständnis für Nachhaltigkeit verändert?

MÖ: Unbedingt. Es ist umfassender geworden und bezieht viel mehr Aspekte eines Erzeugnisses ein: Herstellerverantwortung, Recyclingmaterialien und Lieferketten, um nur ein paar zu nennen.

Mit dem neuen Lieferkettengesetz wurde ja schon ein Schritt in die richtige Richtung getan.

MÖ: Es geht nur langsam voran und einiges wurde auch schon wieder verwässert.

Geht es Ihnen manchmal zu langsam? Würden Sie gerne die Wende in der Baubranche schneller herbeiführen?

MD: Die Baubranche ist komplex verknüpft. Neue Prozesse brauchen einfach ihre Zeit bis zur Umsetzung. 2015 fing es mit ersten Projekten an. Heute haben wir viele Projekte gleichzeitig in der Bearbeitung. Seit einem Jahr häufen sich die Anfragen. Viele kommen von Herstellern der Bauwaren. Sie wollen ihre Materialien fit für Kreisläufe machen und sorgen mit uns gemeinsam dafür, dass die Produkte materialgesund sind.

MÖ: Der Bausektor hat längere Innovationszyklen. Wir sind dennoch optimistisch, weil wir sehen, wie sich alles in den vergangenen fünf Jahren beschleunigt hat.

Stehen Sie in Konkurrenz zu anderen Zertifikaten?

MÖ: Manchmal werden wir in Konkurrenz gestellt, aber dieses Verständnis habe ich nicht, nein. Im Gegenteil. Wir nutzen oft die Datenlage von anderen und können darauf aufbauen und tiefer gehen.

Zertifizierungen sind auch eine Kostenfrage. Wie erkenne ich ohne Umweltsiegel, ob Erzeugnisse nachhaltig sind?

MD: Es gibt natürlich Unternehmen, die Nachhaltigkeit suggerieren, aber nicht umsetzen. Greenwashing gibt es leider immer noch sehr häufig. Es ist tatsächlich schwierig, ein unzertifiziertes Produkt richtig beurteilen zu können. Mich machen günstige Angebote misstrauisch. Gute Qualität hat einfach ihren Preis. Das soll nicht automatisch heißen, dass alles, was teuer ist, nachhaltig ist, aber es ist ein Anhaltspunkt. Dann schau ich immer: Wo kommt das Produkt her? Je regionaler und lokaler, desto besser könnte es sein. Natürlich hilft mir mein Hintergrundwissen. Für den Laien ist das schwieriger, gut von schlecht zu unterscheiden — hier hilft das Umweltsiegel.

Hinter Zertifizierungen steht auch ein gewisses kommerzielles Interesse des Prüfinstituts. Besteht dadurch nicht die Gefahr, Ergebnisse zu verfälschen?

MÖ: Die EPEA, deren Ziel es ist, das C2C-Designprinzip für die Circular Economy in allen Industriebranchen zu etablieren, zertifiziert sich ja nicht selbst. Wir brauchen dazu einen neutralen Dritten. Das ist das Cradle to Cradle Products Innovation Institute (C2CPII) in Kalifornien. Wir beurteilen die Produkte eines Herstellers und haben dafür Chemiker und Designer angestellt. Das Institut bewertet die Daten und vergibt das Zertifikat.

Welche Rolle spielen Zertifikate auf dem Weg zu nachhaltiger Architektur?

MÖ: Umweltsiegel wie BREEAM, DGNB und LEED bewerten eine Vielzahl an Themen, bevor ein Gebäude ihr Siegel erhält. Die Qualifikation geschieht während der Planungs- und Bauphase und dauert entsprechend lang. Geht es um Kriterien wie Ressourcenverwendung und -herkunft sowie Rohstoffgesundheit, benötigt man nachhaltige Erzeugnisse, die klare Anforderungen erfüllen. Produkt-Zertifikate können diese Informationen transparent machen. Ein nachhaltiges Gebäude ist die Summe seiner nachhaltigen Einzelteile.

MD: Bei Bauwerkstoffen steht ein Zertifikat wie C2C für gesunde Materialien, die nach ihrer Nutzungszeit eine Wiederverwendung erlangen. Das gibt Planern eine Sicherheit, nachhaltige Architektur umzusetzen.

Warum ist Nachhaltigkeit so wichtig für die Baubranche?

MÖ: Es erscheint mir wichtig, die Vorteile und den Mehrwert der Nachhaltigkeit nicht nur im Hinblick auf die Langlebigkeit dieser Gebäude zu kommunizieren. Die Gebäude sind gesünder und kreislauffähig. Wenn sie irgendwann nicht mehr genutzt werden, sind sie ein Rohstoff- und kein Schadstoffdepot. Zukünftig gäbe es keine Entsorgungskosten mehr, sondern Einzelbestandteile könnten verkauft oder wiederverwertet werden. Dabei schaffen wir gesunde Innenräume. Diese Qualität gilt es sichtbar zu machen.

MD: Es ist inakzeptabel, dass die Bestandteile eines Gebäudes nach dem Abriss verbrannt, in Deponien vergraben oder zu Abfall werden. Die Rohstoffe sind verloren. Das können wir uns nicht mehr leisten. Wir müssen rückbaubare Gebäude errichten. Wir verbringen einen Großteil unserer Lebenszeit in Gebäuden, daher müssen Innenräume gesund sein. Das funktioniert nur mit Baukomponenten, die man kennt und bei denen man sicher weiß, was verbaut wird.

Eine Übersicht der wichtigsten Zertifikate


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Markus Diem. Foto: EPEA GmbH

Markus Diem

Der Schreiner und Architekt lebte und arbeitete 15 Jahre in China. 2010 war er an der Planung des ersten Passivhauses Chinas beteiligt: das „Hamburg-House“ für die Expo in Shanghai. Seit 2019 ist Markus Diem Standortleiter bei der EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer in Hamburg.


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Marcel Özer. Foto: EPEA GmbH

Marcel Özer

Der studierte Umwelttechniker ist seit 2019 Teamleiter im Bereich Cradle to Cradle Real Estate bei der EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer. Marcel Özer arbeitet an Lösungen, um Ressourcenströme auf gebäude- und Stadtebene in einen geschlossenen Kreislauf zu bringen.

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