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Ohne wenn und aber

Im Portrait: Philipp Mainzer, e15
Ohne wenn und aber

Was Philipp Mainzer anpackt, macht er richtig. Das heißt: konsequent. Der Architekt und Designer ist im Augenblick aber vor allem eines: Unternehmer. Gerade macht er e15 wetterfest für die künftigen Herausforderungen.

Autor Oliver Herwig

So wie es Philipp Mainzer mit seinem Unternehmen geht, geht es vielen in der Möbelbranche. Sie müssen sich aufs Onlinegeschäft einstellen und deshalb alle Prozesse überprüfen. Vor 25 Jahren fing e15 als kleines Start-up an. Erst waren es nur Architekten und Designfreaks, die auf die markanten Möbel aufmerksam wurden.

Schließlich begeisterten sich immer mehr Menschen für die kompromisslosen Entwürfe von e15 und für das außergewöhnliche Label, das neben Arbeiten von Firmengründer Philipp Mainzer und seiner Frau Farah Ebrahimi Gestalter wie Stefan Diez und David Chipperfield im Programm hat.

Das Unternehmen setzt ganz klassisch auf Händler und Baumeister. „Architekten und Innenarchitekten sind unsere Hauptansprechpartner“, erläutert Philipp Mainzer im großen Besprechungsraum seiner Frankfurter Zentrale.

An der Wand klebt ein riesiges Moodboard, das die Geschichte der Firma zeigt, samt Anschreiben, Produktfotos aus New York und Dutzenden kleiner Inspirationsfetzen. Der Firmensitz liegt nicht im Herzen von Frankfurt, sondern in einem Industriegebiet. Die Haltestelle heißt Gwinnerstraße.

Philipp Mainzer
Der eigene Showroom in einer alten Fabrikhalle am Rande Frankfurts ist der perfekte Rahmen für die e15-Kollektion. Foto: Ramon Haindl

Hallen stehen da und halb fertige Häuser, die Eingänge teils vernagelt, dazu ein Schrottplatz für Altmetall, dann ein LKW-Verleih und noch mehr Hallen und Werkstätten.

Je weiter man die Straße entlangschlendert, desto interessanter werden die Gebäude. Schließlich tauchen sehr ordentliche Backsteinbauten auf, klassische Industriearchitektur von einer spröden Schönheit, wie es sie heute kaum mehr gibt.

Charakterstücke

All das erinnert Mainzer ein wenig an seine Anfänge im Londoner Stadtteil Hackney, dessen Postleitzahl zum Firmenname wurde: e15. Rau und unverfälscht, eine Haltung, die sich in zahlreichen seiner Entwürfe findet.

Ehrlichkeit ist ein guter, fast schon aus der Zeit gefallener Begriff, und manchmal erinnert Mainzer an Dieter Rams, der schon früh Reduktion propagierte und ehrliche Materialien forderte. Ja, Rams. Der wohne ja gar nicht so weit weg und habe diese zehn Gebote geschrieben, sagt Philipp Mainzer ganz sachlich. „Da bin ich schon sehr nah dran vom Ansatz her.“

Und doch meilenweit davon entfernt. Unvorstellbar, dass sich ein Produktdesigner wie Rams auf einen archaischen Hocker wie ‚Backenzahn‘ eingelassen hätte, mit Rissen und einer fast schon subversiven Aura.

Kaum ein Produkt wurde so oft kopiert wie der Klassiker von 1996. Zum 20-Jährigen erschien sogar ein eigenes Buch ‚Copy, right?‘, konzipiert und gestaltet von Antonia Henschel. Die Schwarz-Weiß-Abbildungen der lieblos abgekupferten Stücke begleitet ein Text von Professor Markus Frenzl, der ihn unter anderem als „kontrastierend rustikales Objekt in makellos weißen Interieurs“ beschrieb.

Philipp Mainzer
‚Backenzahn‘ (1996) wurde zur Ikone der Neunziger, Stefan Diez’ Stuhl ‚Houdini‘ 2009 aus dem Stand zum Klassiker. Foto: Ingmar Kurth

Hocker Backenzahn wurde oft kopiert

Keine Frage, das Stück ist ein Charakterstück, das viel über seine Herstellung sagt. Denn im Grunde ist der Backenzahn ein geniales Weiterdenken seines ‚Bigfoot‘-Tisches. „Die Leute haben uns 1996 ausgelacht: Wie könnt ihr so etwas machen, einen Tisch mit aufgerissenen Beinen herstellen?

Trotzdem haben ihn alle einmal angefasst. Da ist nicht einer vorbeigegangen, ohne ihn anzufassen.“ Anfassen ist wichtig bei e15. Diese Möbel wollen begriffen und erfasst werden.

Gerade, weil sie ihre Materialität so betonen und ihre Herstellung. Der Kern eines Baumes ist im Grunde ein Abfallprodukt im Sägewerk, weil die Rissbildung dort zwangsweise stattfindet. Keiner hat sich je mit diesen Resten beschäftigt, bis Philipp Mainzer kam. „Man muss Zeit investieren, weil es lange dauert, bis alles getrocknet ist“, erinnert sich der Unternehmer.

„Und aus den Resten, den kleineren Stücken, die wir nicht für einen Tisch verwenden konnten, ist eben ein Hocker entstanden. Mainzer macht eine Pause. „Wir verarbeiten wirklich den ganzen Baum. Was man tut, soll man richtig machen.“

Philipp Mainzer
Philipp Mainzer sieht sich als Unternehmer und Gestalter: er verantwortet Zahlen ebenso wie Gestaltung. Foto: Ramon Haindl

Der Markt dreht sich gerade

Neben der Kollektion und dem Projektgeschäft (mit Sondereditionen, die sich manchmal später in der regulären Kollektion wiederfinden), führt der Vielbeschäftigte noch ein Architekturbüro, das mit augenblicklich drei Mitarbeitern besetzt ist. Dort entwickeln sie Einrichtungskonzepte für Seidensticker oder ein exklusives Apartmentgebäude in Taipeh.

Entscheidend ist die Mischung, sagt Mainzer. „Das Möbelgeschäft ist phlegmatisch, Architektur sehr projektlastig, da gibt es ein großes Auf und Ab, das gleicht sich aus.“ Standbein und Spielbein könnte man dazu sagen, doch ihn beschäftigt noch etwas anderes. Etwas Grundlegendes.

Denn im Grunde ist der Gestalter inzwischen mehr Unternehmer denn Designer. „Am Anfang habe ich überlegt, ob ich das Richtige gemacht habe, mich so in die Unternehmerwelt zu bewegen, aber im Nachhinein bin ich ganz froh, dass wir diese Flexibilität haben und das eine das andere ausgleicht“, resümiert Mainzer, der gerade zwischen Marketing und Einkauf, Konstruktion und Vertrieb, Lager und Buchhaltung eilt.

„Wir stellen gerade alles um“, verkündet der Unternehmer. Foto: Ramon Haindl

Der Markt drehe sich gerade, es gebe eine neue Generation, die ohne Wenn und Aber im Internet bestelle. Da müsse man wirklich überlegen, in welche Richtung man gehe, sagt Mainzer und fügt hinzu, dass es sich gerade nach Neugründung anfühle. Zahlreiche Mitarbeiter seien gegangen – und er habe alles neu aufgesetzt.

e15 Zweipunktnull

„Ich bezeichne es als e15-Zweipunktnull, weil wir gerade alles neu machen. Die Produkte sind noch gleich, aber wir konstruieren sie neu, die Personalstruktur ist neu, die IT, das Warenwirtschaftssystem und auch viele Prozesse. Wir versuchen alles zu verschlanken. Das ist das Ziel: in der Nische zu wachsen.“ Das heißt auch, dass die Kollektion bereinigt wird und die organisch gewachsenen Prozesse und Strukturen.

Das gilt besonders für die nachhaltige Produktion, die er weiter zertifizieren will. „Wir sind gerade dabei, die Sachen, die wir machen, noch besser zu machen, wir verfeinern sie.“ Die Perspektive heißt cradle-to-cradle. Kein Plastikmüll, keine Schadstoffe, sondern Kreisläufe.

„Wir stellen gerade alles um“, verkündet der Unternehmer. „Da jetzt alle auf Nachhaltigkeit aufspringen, überlegen wir, noch etwas nachzulegen und durch Zertifikate zu unterstützen. Das ist ziemlich mühsam, aber wir wollen ein Statement setzen.“ Das lautet: „Wir wollen die Besten sein und uns auf das Premiumniveau konzentrieren, da müssen wir nachlegen.“

Erfolgsfaktoren von Philipp Mainzer

Philipp Mainzer, der am Central Saint Martins College für Kunst und Design sowie an der Architectural Association in London studierte, formuliert seine Antworten sorgsam.

Diese Doppelbegabung aus Architekt und Designer, so viel wird schnell deutlich, prägt seine 1995 gegründete Möbelmarke bis heute. Es geht um Genauigkeit. „Denn im Grunde können Architekten nicht designen“, frotzelt er. „Ich bin ja beides, mich interessiert es, in den Zehntel-Millimeter zu gehen.“

Entscheidend sei nicht der Maßstab der Projekte, sondern der Aspekt von Fertigung und Wirtschaftlichkeit, der bei jedem Objekt darüber entscheide, ob es auf den Markt komme – oder nicht. Und wieder sagt Mainzer etwas Überraschendes: Ausgerechnet das Erfolgsprodukt Bigfoot sei gar nicht sein Lieblingsprodukt, weil es zu designt sei, eigentlich dürfe man einem Produkt das nicht ansehen.

Foto: Ramon Haindl

Ästhetische, nachhaltige, ehrliche Qualität

Andererseits ist das womöglich jene Zutat, die aus einem guten Produkt etwas macht, das die Zeiten überdauert.

Jede Woche kommen ein bis zwei unverlangte Entwürfe, die landen zunächst auf einem Stapel und werden grob vorsortiert: Was nicht passt, fällt sofort raus, dann geht es an die Feinarbeit. „Wir gehen gleich in eins zu eins, wir machen nie kleine Modelle, da kann man die Proportionen nicht sehen.“ Ein Stuhlbein von 36 oder 38 mm beispielsweise mache einen Riesenunterschied.

„Das muss man dann ausprobieren, und so nähern wir uns den finalen Entwürfen an.“ In manchen Phasen kommen dann alle hinzu, vom Verkauf, aus dem Marketing, aus der Produktentwicklung. Am Schluss entscheide er. Er sei schon sehr dominant, was seine Ideen angehe, aber es werde demokratisch entschieden.

„Meine Frau ist auch sehr dominant, da ist es schon klar, in welche Richtung es geht“, sagt Mainzer, der in Gestaltungsfragen vor allem eines an seiner Partnerin schätzt: ihre ehrliche Meinung.

Was aber macht e15 mit seinen rund 30 Angestellten aus, jenseits eines Bauchgefühls für Materialien und Proportionen? Mainzer überlegt und antwortet dann: „Die Marke ist ästhetisch und materiell nachhaltig, ehrlich und einfach gut.

Philipp Mainzer
Konsequent geplant bis ins letzte Detail: Der Messeauftritt auf der imm cologne 2018. Foto: Ingmar Kurth

Projektgeschäft wird immer wichtiger

Das zieht sich durch alles durch.“ Inzwischen arbeitet das Unternehmen mit 500 Händlern weltweit zusammen. „Am Anfang haben wir nur von ‚Bigfoot‘ und ‚Backenzahn‘ gelebt, mittlerweile verteilt sich das ganz gut über die Kollektion“, erklärt Mainzer. Dazu kommen Sonderwünsche und Editionen, etwa für die zahlreichen im Bau befindlichen Museen aus dem Haus Chipperfield.

Aus dem ‚dm‘-Tischbock hat sich mit dem Briten eine ganz neue Kollektion entwickelt. Das Projektgeschäft wird immer wichtiger – und hier gelingt es e15, die Wünsche nach Qualität und Nachhaltigkeit zu erfüllen. Mainzer sieht einen Wandel hin zu Qualität und Service. Seiner Erfahrung nach hätten die Leute billiges Zeug satt und beschäftigten sich mit Produkten, Marken, den Designern und der Nachhaltigkeit.

„Sonderwünsche zu bedienen, darauf konzentrieren wir uns, für alles andere gibt es gute Firmen. Ich wüsste sogar, welche Produkte sich wesentlich besser als unsere verkaufen, aber dann würde e15 ganz anders aussehen. Es ist einfach zu sehr mit mir verbunden.“ Kleiner Markt, aber mit höchstem Anspruch. Das ist e15.

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