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Radikale Maßstäbe

Interview mit Chris Middleton von Kinzo
Radikale Maßstäbe

Foto: Deborah Mittelstaedt
Der Berliner Design- und Interior-Spezialist für Start-ups, Kinzo, realisierte die grenzenlosen „Zusammenarbeitsplätze“ für die Erste Group in Wien. Mensch&Büro sprach mit Firmengründer Chris Middleton über die neue Arbeitswelt.

Mensch&Büro: Herr Middleton, Sparkassen gelten als konservativ und hierarchisch strukturiert. Im Headquarter der Erste Group in Wien wird damit gebrochen. Wollte man ein wenig Start-up-Feeling haben?
Chris Middleton: Im einem gewissen Sinne schon. Banken oder Sparkassen geht es ja nicht anders als Konzernen oder großen Unternehmen, die junge Mitarbeiter rekrutieren wollen. Die Wünsche und Bedürfnisse dieser Generation sehen oft anders aus als die in traditionsreichen Unternehmen.
Und was stellt sich die junge Generation so vor?
Der Trend geht zu Teamarbeit, mehr Kommunikation und weg von Hierarchien. Dem wollte auch die Erste Group mit dem Campus Rechnung tragen und gleichzeitig die internen Abläufe optimieren. Mit dem Campus hat sie radikal neue Maßstäbe gesetzt.
Die Erste Group spricht bewusst von Zusammenarbeitsplätzen. Was unterscheidet diese Arbeitsplätze von Open-Space-Modellen?
Die Zusammenarbeitsplätze sind so konzipiert, dass die Mitarbeiter eine bis dato nicht gekannte Großzügigkeit im Raum verspüren. Wir haben ein Desk-Sharing-Konzept umgesetzt, bei dem keiner mehr einen festen Arbeitsplatz hat. Jeder ist aufgefordert, sich zu bewegen, um für seine aktuelle Tätigkeit das geeignete Umfeld zu suchen.
Heißt also, one size fits all ist vorbei?
Es gibt vier unterschiedliche Arbeitsplatztypologien – von Standardarbeitsplätzen über Backbone- und Fokusarbeitsplätze für konzentriertes Arbeiten bis hin zu Team-Arbeitsplätzen, die als große Bench-Anlagen konzipiert sind. Jeder Mitarbeiter ist frei zu entscheiden, wo er sitzen oder mit welchen Kollegen er zusammenarbeiten möchte. In klassischen Großraumstrukturen wird eher territorial gearbeitet, weil sie diese Abstufungen in laut bis leise, kommunikativ bis konzentriert nicht aufweisen.
Was zeichnet einen sogenannten Fokusarbeitsplatz aus?
In einer Bank geht es ja nicht nur um Zusammenarbeit. Es gibt Aufgaben, die man konzentriert alleine erledigen muss. Die Fokusarbeitsplätze sind höher eingehaust und zueinander versetzt, so dass man eigentlich keinen Blickkontakt hat. Gleichzeitig ist man von viel Grün umgeben, weil diese Arbeitsplätze an Orten mit starkem Außenbezug angesiedelt sind.
Wieso das?
Wir haben versucht, die architektonische Qualität auch im Innenraum fortzuschreiben. Ein Aspekt ist der Bezug zum in direkter Nähe liegenden Schweizergarten und die begrünte, weitläufige Dachterrasse im ersten Stock. Im Garten findet man Nischen, in die man sich zurückziehen kann. Diesen Gedanken wollten wir interpretieren und abbilden.
Die größte Herausforderung stellt bei offenen Bürokonzepten immer die Akustik dar. Wie haben Sie die in den Griff bekommen?
Wir mussten vor allem Antworten auf Fragen nach dem richtigen Licht und der Akustik finden. Bis auf den Teppichboden war alles aus glatten Flächen. Zum einen haben wir durch die Think Tanks und Meeting-Räume einen Rhythmus geschaffen; zum anderen durch rotierbare Falter, die wir für unser eigenes Büro gebaut hatten. Auch die großen Schrankwände sind akustisch aktiviert, um tiefe Frequenzen aufzunehmen.
Was verbirgt sich hinter dem Falter?
Falter sind akustisch effiziente Raumteiler, die sich aufklappen lassen, um einen Raum ein Stück weit zu schließen oder zu zonieren. Auch die Leuchten haben eine akustische Funktion.
Das Interview führte Ulrich Texter.

Zur Person
Foto: Deborah Mittelstaedt
Der gebürtige Hamburger Chris Middleton, Jahrgang1975, ist Gründungsmitglied von Kinzo. Middleton studierte Architektur an der Universität der Künste Berlin und an der Technischen Universität Berlin. Von 1999 bis 2004 führte er den Kinzo Club in Mitte und arbeitete für diverse Architekten in Berlin und New York.
Das 2005 gegründete Büro arbeitet als interdisziplinäres Team mit rund 30 Architekten, Innenarchitekten, Designern und Grafikern für Kunden wie Adidas, Axel Springer, Edelman, Ernst & Young, Erste Group, Etsy, Reebok, Roland Berger, Tishman Speyer, Samsung, SieMatic und SoundCloud.
Foto: Deborah Mittelstaedt
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