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Direktor des V&A

Martin Roth

Martin Roth
Martin Roth, geb. 1955 in Stuttgart. Studium der Empirischen Kulturwissenschaften an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Promotion. 1991 Direktor des Deutschen Hygiene-Museums Dresden. 2000 Arbeit für die Expo 2000 in Hannover. 2001 - 2011 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Seit 1.9.2011 Leiter des Victoria and Albert Museum in London.
Was muss ein Design- Museum leisten? md-Interview über Soft Diplomacy.

Die Fragen an Martin Roth stellte Susanne Tamborini

Das Londoner V&A genießt unter Designern und Designinteressierten wegen seiner zeitgemäßen Ausstellungsthemen und Präsentationen weit über Europa hinaus einen ausgezeichneten Ruf. Es ist weltweit eines der größten Museen für Malerei, Design und Kunsthandwerk. Seit September 2011 hat es einen neuen Direktor: Martin Roth. Der Museumsfachmann wechselte von Dresden nach London.
Martin Roth, worin liegt Ihre Herausforderung?
In Deutschland den heimattümelnden Begriff des Kunsthandwerks abzuschaffen, weil unter applied arts nichts anderes als der heutige Begrif „Design“ zu verstehen ist. Nein, im Ernst: Meine zwei wichtigsten Aufgaben sind es, die außergewöhnliche Qualität des V&A in allen Bereichen beizubehalten und teilweise gar nicht zu verbessern. Und als erster Nicht-Brite als Direktor eines UK-Nationalmuseum ganz bescheiden die in mich gesetzten Erwartungen als Kulturbotschafter zu erfüllen. Ich bin sozusagen die personifizierte Soft Diplomacy.
Nach den Designausstellungen zur Moderne und der Zeit des Kalten Krieges präsentiert das V&A gegenwärtig eine viel beachtete Ausstellung zur Postmoderne. Wie geht es im Bereich Design am V&A weiter?
Die Serie von Epochen-Ausstellungen ist abgeschlossen. Wir werden uns in den nächsten Jahren vermehrt Monografien – u.a. dem Architekten Thomas Heatherwick – widmen sowie dem Bereich der Mode: 2012 mit einer aufreizenden Ausstellung zu ‚Hollywood Costumes‘ – wie kreiert man eindeutig erkennbare Charaktere im Film. Fotografie und Architektur bilden die Schwerpunkte.
Die begehbaren Hütten der von Abraham Thomas kuratierten Ausstellung ‚Refuge and Retreat‘ waren ein Publikumsmagnet des V&A. Wie wird ein Design- und Kunstmuseum zum lebendigen Treffpunkt einer Stadt?
Da muss ich meinen Vorgänger, Mark Jones, fragen, er hat das Museum zum Magneten gemacht. Das V&A war seit seiner Gründung trotz oder wegen seiner historischen Sammlung immer der Gegenwart und der Zukunft gewidmet, eine Dockstation für Kreativität. Man darf nicht vergessen, dass schon im 19. Jh. William Morris das Museumsrestaurant entwarf, es Ateliers und Studios im Museum gab. Allein die Ausstellung, die wir während der Olympischen Spiele dem Britischen Design zwischen 1948 (der letzten Olympiade in England) und der nahen Zukunft widmen werden, löst jetzt schon ein beträchtliches Besucherinteresse aus.
Das V&A kooperiert mit anderen Museen. Beispielsweise mit dem Design Museum Holon in Israel. Worin bestehen solche Kooperationen und mit welchem Ziel?
Dafür gibt es vielerlei Motivationen: Die erwähnte Soft Diplomacy gehört ebenso dazu, wie die heeren Ziele gemeinsamer Forschung, das Teilen von Erfahrung und Kenntnis. Aber das V&A hat in den letzten Jahren das Wunder vollbracht, mit seinen hochwertigen Ausstellungen auch in den schwarzen Zahlen zu sein. Zwischen Mammon und Muse ist ein großes Betätigungsfeld.
Das V&A verfügt über eine große eigene Designsammlung. Worin liegen die Sammlungsschwerpunkte? Bislang, künftig?
Meines Erachtens müssen wir mehr vom Rezipienten zum Opinionleader werden, mehr uns in aktuelle Debatten einmischen, an der Vorfront der Innovationen sein und nicht 50 Jahre warten, bis ein Produkt als Museumsobjekt den Weg ins Depot verdient hat. Auch Architektur – London als die Heimatstadt vieler Architekten internationaler Herkunft – darf wieder mehr im V&A gesehen werden. Und schließlich sollten wir uns vermehrt dem sozialen Design stellen.
Es gibt international nur wenige Museen, die in der ersten Liga spielen, wenn es um die Vermittlung zeitgenössischen Designs geht. Das MoMa in New York zählt dazu. Auch das V&A?
Wer sonst, wenn nicht das V&A? All die Blogs, Pop-ups, Parties und Web-Produkte unbekannter Marken machen auch das V&A aus. “Wie gestalte ich mein eigenes Leben” ist die Grundfrage des V&A. Wir geben jedem im Museum die Freiheit, sich selbst zu erfinden und glauben durchaus, dass es so etwas wie ein Grundrecht auf guten Stil gibt.
Design prägt unseren Alltag in allen Lebensbereichen. Gestaltungs- und Herstellungsverfahren sind komplex. Oft ist Design auf die pure „Oberfläche“ reduziert, unter der sich allerdings hochkomplexe Sachverhalte verbergen. Vor diesen Schwierigkeiten stehen Kuratoren von Designausstellungen. Welche Funktionen und Aufgaben haben Designausstellungen heute?
Design ist heute nach einem gewissen Rückgang Mitte der 1990er Jahre das zentrale Thema. Mich interessieren besonders die sich überschneidenden Bereiche von (Gegenwarts-)Kunst, Architektur, Produktgestaltung, Skulptur. Das ist nicht nur gegenwartsbezogen. Schauen Sie sich unsere Medieval & Renaissance Galleries an. Sie werden sich vor Freude wundern.
Wie lassen sich komplexe Sachverhalte in spannende und verständliche Design-Ausstellungen „übersetzen“?
Das zeige ich Ihnen gerne bei Ihrem nächsten Besuch im V&A: Alltagsbezogen und uneitel, weshalb wären sonst Ausstellungen wie ‚Power of Making‘ ein so unbeschreiblicher Erfolg – mehr als 200 Prozent Besucher über der Erwartungskalkulation. Oder Annie Lennox, die auf ihre bescheidene Art das ganze V&A mit ‚The House of Annie Lennox‘ verzaubert hat.
Der Rat für Formgebung hat in Deutschland die Diskussion um ein „Deutsches Design Museum“ mit Standort Berlin öffentlich angeschoben. Sie saßen als Experte mit am ersten „runden Tisch“. Wie muss ein Designmuseum der Gegenwart aussehen? Welche Aufgabe hat ein solches Museum in Deutschland und was kann es leisten?
Das vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, dass Deutschland weltweit führende Designer und Architekten hervorgebracht hat und frage mich, wo diese repräsentiert, gesammelt und für die Nachwelt bewusst gemacht werden. Wo ist die Hall of Fame? Und wo das Museum der Alltagsobjekte? Möglicherweise muss dieses Museum nicht mehr räumlich erfahrbar sein, aber den großen Leistungen des Design aus Deutschland darf man sich durchaus verschreiben.
Martin Roth, Sie gelten als Ausnahmefigur in der Museumsszene. Machen Sie etwas anders?
Ich bin aus der Meterstraße in Gerlingen und daran wird sich nie etwas ändern.

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