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Hochschullehrer im Portrait

Kerstin Schultz

Leere ist ihre Leidenschaft, auch wenn die Lehre in Darmstadt selbstredend ganz oben ansteht. Aber die Belebung von Leerständen, Bestandsbauten und Brachen gehören zu den Lieblingsprojekten von Kerstin Schultz.

Autorin Nina Shell

Leere zum Leben zu bringen, unter allen gestalterischen, politischen, gesellschaftlichen und sozialen Aspekten hat Kerstin Schultz‘ ursprünglich etwas diffuse Vorstellung von Architektur sehr klar werden lassen. „Projekte umzusetzen, die Raum und Lebensqualität verbessern – das ist für mich eine sehr sinnhafte Aufgabe“, sagt sie. „In einem Netzwerk mitzuarbeiten, mit interdisziplinären Gruppen und Denkern, sorgt dafür, dass man nie auslernt.“

Dies sei einerseits anstrengend und fordernd, andererseits immer wieder motivierend, weil es neue Zusammenhänge erschließe. Bereits während ihres Studiums hat sie sich immer wieder für Projekte engagiert, bei denen Leerstände revitalisiert wurden, darunter ein altes Industrieensemble der Firma Röhm in Darmstadt, aus der das dann legendäre Café Kesselhaus wurde. Darauf folgte die Centralstation Darmstadt, ein Eventgebäude in einem ehemaligen E-Werk – das erste wirklich große Projekt für ihr eigenes Büro Liquid Architekten.

Projekte, hauptsächlich im Bestand

Im eigenen Büro, das sie gemeinsam mit Ehemann Werner Schultz leitet, folgten Projekte in Darmstadt wie das Weststadtcafé. Immer wieder Umbauten von alten Remisen oder Eisenbahnwartungshallen. Projekte mit allem, was Bestandsbau zu bieten hat: Altbau, Denkmalschutz, die ganze Komplexität eines solchen Arbeitsumfelds. Später entwickelte sich ihr Arbeitsschwerpunkt in Richtung Wohnen.

2007 gründete sie den Verein Darmstädter Architektursommer, zwischenzeitlich ausgeweitet zum Format „Rhein-Main-Architektursommer“. Hier entstanden Projekte in Form von Studentenworkshops und Summerschools, die auch zum Ziel hatten, aufzurütteln und in verkrusteten Strukturen Gegenmodelle aufzuzeigen.

Schon damals hatte sie diverse Lehraufträge an den Hochschulen in Mainz und Darmstadt. 2008 trat Schultz ihre zunächst als 10-jährige Stiftungsprofessur (gestiftet von Caparol und Knauf) ausgelobte und mittlerweile feste Professur, an der Hochschule Darmstadt an.

Einen neuen Impuls, den sie in ihrer Lehre setzt und der das Studium an der Hochschule Darmstadt recht einzigartig macht, ist das Thema Raum und Farbe. Ein echtes Plus für die Studierenden, die in Projekten, u. a. mit den beiden oben genannten Firmen, realistische Einblicke und ein vertieftes Wissen erhalten.

Kerstin Schultz sieht internationale Kooperationen als Bereicherung

So können sie Projekte umsetzen, auch an technischen und konstruktiven Details arbeiten, die das theoretisch erlangte Wissen zur Anwendung bringen. Das geht von Messeprojekten bis zum Entwickeln und Experimentieren mit neuen Putzoberflächen, wie beispielsweise das Einbringen von akustischen Elementen in den Putz, um den Lärmpegel in Städten zu regulieren.

Kooperationen mit Meisterschulen, wie der für Stukkateure in Heilbronn, fordern und fördern die Studierenden: „Hier sollen die Studierenden ein Gebäude oder eine Installation errichten, wie im richtigen Leben. Sie entwerfen und detaillieren Projekte, die Meisterschüler setzen das um. Allein in puncto Kommunikation ist das immer eine tolle Erfahrung für alle Beteiligten“.

Nationale und internationale Kooperationen mit anderen Hochschulen und Institutionen, wie der University of Oregon, USA, sorgen für den übergeordneten Austausch. Gerade mit Oregon-Vertreten durch Prof. Esther Hagenlocher, wurde zum Thema Farbe schon in diversen Workshops zusammengearbeitet.

Farbe als Extrafach kommt gut an

Stichwort Farbe: „Aktuell haben wir das Buch ‚Farbe räumlich denken‘ herausgegeben“, so Schultz, „hier geht es darum, wie man das Werkzeug Farbe für Raumbildungs-, Kommunikations-, oder Interaktionsprozesse in der Architektur nutzt. Sprich: Farbe als eigenes ‚Material‘ zu begreifen, mit dem sich entwerfen und planen lässt. Aber auch die Unbestimmbarkeit und der Erlebniswert von Farbe steht im Fokus. Wie entwickeln sich Ordnungs- und Kompositionssysteme mit Farbe? Wie mache ich ‚flache‘ Farbe räumlich oder aber umgekehrt? Wie entziehe ich einem Raum jegliche perspektivische Wirkung?“

Das geht von den Themen totaler Raumverfremdung, bis man die Kanten des Raums überhaupt nicht mehr lesen kann, was eine ganz neue Wahrnehmung erzeugt, bis hin zur Unterstützung des Raumsystems. „Diese Phänomene haben wir über die Sparten Kunst- und Architekturgeschichte untersucht und uns mit zeitgemäßen Haltungen von Architekten zu Farbe auseinandergesetzt.“ Entsprechend ist das Thema als Extrafach in der Lehre an der Hochschule Darmstadt integriert, sozusagen ein USP der dortigen Ausbildung, der „extrem gut angenommen wird“, so Schultz.

Landschaft, kleine Orte, normales Leben

Ein weiterer, auch sehr persönlicher, Interessenschwerpunkt der Professorin liegt im ländlichen Raum mit all seinen Facetten, der Landschaft, aber auch der kleinen Orte. Das führte zum einen im vergangenen Sommer zum Projekt ‚Wanderhütte‘ im Odenwald, bei dem sich rund 50 Studierende der Hochschulen Mainz und Darmstadt mit dem Bauen im ländlichen Raum beschäftigten. Die unterschiedlichen Entwürfe hinterfragten die Merkmale regionaler Architektur und thematisierten landschaftliche und örtliche Eigenarten.

Die Einfachheit des entschleunigten Lebens in der Natur wurde dabei zum Entwurfsmotiv. Und was treibt Kerstin Schultz extracurriculär um? „Die Lebensform Dorf und die Beziehung Stadt und Land. Das ist für mich eine hochinteressante Aufgabe, gerade im Kontext der neuen Stadtlust. Ich bin Reiterin, habe ein Pferd, engagiere mich in einer kleinen Gemeinde im Odenwald, dadurch stehe ich mit ganz verschiedenen Menschen im Kontakt. Das ist für mich eine echte Bereicherung, dass man nicht nur immer in seinen akademischen Netzwerken unterwegs ist, sondern auch mal das ‚normale‘ Leben mitkriegt“.

Nicht zuletzt daraus schöpft Kerstin Schultz immer wieder Inspiration und Motivation für spannende Projekte – mit ihren Studierenden ebenso wie für neue Projekte im eigenen Büro.

Weitere Hochschullehrer im Portrait


Nach dem Studium der Architektur an der Technischen Universität in Darmstadt gründete Kerstin Schultz (*1967) mit ihrem Mann Werner Schultz das Büro liquid Architekten. Seit 2008 hat sie die Stiftungsprofessur an der Hochschule Darmstadt für Integrales Bauen, Farbe und Entwerfen/Unterricht in den Fachbereichen Architektur und Innenarchitektur inne.

www.clickliquid.de


Foto: ©Hochschule Darmstadt

Hochschule DarmstadtFachbereich Architektur

Der Fachbereich Architektur ist der älteste der Hochschule Darmstadt. Hier studieren rund 1 300 Kommilitonen der Innenarchitektur und der Architektur in einem auf dem Campus befindlichen Atriumgebäude. Das Besondere ist, dass beide Studiengänge eng miteinander verzahnt sind.
Dieses sogenannte Y -Modell beinhaltet die partielle Integration von Architektur und Innenarchitektur aufgrund einer generalistischen Basis: In den ersten beiden Semestern werden gemeinsame Module belegt, danach folgt eine Aufgliederung in getrennte, aber eng verzahnte Lehrveranstaltungen.

Bachelorstudiengang Innenarchitektur/Architektur

Studienbeginn: jeweils zum Wintersemester

Abschluss: Bachelor of Arts (B.A.)

ab WS 2019/20 Bachelor of Engineering (B.Eng.)

Dauer: 6 Semester

Workload: 180 ECTS insgesamt

Absolventen: ca. 80 pro Jahr

Masterstudiengang Innenarchitektur / Architektur

Studienbeginn: jeweils zum Wintersemester

Abschluss: Master of Arts (M.A.)

ab WS 2019/20 Master of Engineering (M.Eng.)

Dauer: 4 Semester

Workload: 120 ECTS insgesamt

Absolventen: ca. 35 pro Jahr

www.fba.h-da.de

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