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Im Portrait: Tulga Beyerle im Kunstgewerbemuseum Dresden.

Kunstgewerbemuseum Dresden
Tulga Beyerle

In den letzten Jahren wurde ein Generationswechsel in den großen Ausstellungshäusern vollzogen. Wer sind die neuen Macher? Was sind ihre Ansätze, um die Institution Designmuseum ins digitale Zeitalter zu überführen? md-Autor Oliver Herwig blickt hinter die Kulissen. Eine Recherche im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Schloss Pillnitz und seiner Direktorin Tulga Beyerle, die heute das MKG Hamburg leitet.

Ein Kunstgewerbemuseum mit einergigantischen Sammlung von 60 000 Objekten, das nur im Sommer offen hat, weil es nicht beheizt werden kann. Ein historisches Ambiente, wie es schöner nicht sein könnte. Und eine Direktorin, die ihr Haus öffnen möchte für alle. Das klingt nach einem Märchen. Und ist doch zu besichtigen im Schloss Pillnitz an der Elbe. Wer sie nach ihrer Profession fragt, erhält als Antwort: “Design-expertin”. Tulga Beyerle hat freilich nicht Möbelschreinerei gelernt, Industriedesign studiert und Ausstellungen gemacht, um irgendwann Museumsdirektorin zu werden.
„Wer sie nach ihrer Profession fragt, erhält als Antwort: “Design-expertin”.“
Dennoch tut sie es heute mit solch großem Erfolg, dass man den Eindruck gewinnt, genau das sei es, worauf sich die gebürtige Wienerin unaufhaltsam zubewegte. Als Design-Expertin hat sie die Vienna Design Week mitgegründet und ein Dutzend Ausstellungen im Wiener MAK (und darüber hinaus) kuratiert, bevor sie in Dresden vor zweieinhalb Jahren Neuland betrat – und das in doppeltem Sinn. Beyerle wechselte nach Sachsen und gewissermaßen die Seiten, ohne die Energie ihrer freien Tätigkeit einzubüßen. Im Gegenteil. Sie sei “froh, in gemischten Teams zu arbeiten, weil das Miteinander extrem befruchtend ist”, erklärte sie in einem Rundfunkinterview mit dem MDR. Und genau das ist der Eindruck, den man im Gespräch mit ihr gewinnt. Sie kann zuhören und zugleich entscheiden, Dinge abwägen und auf den Punkt bringen.
„Sie kann zuhören und zugleich entscheiden, Dinge abwägen und auf den Punkt bringen.“
Bereits die ersten Ausstellungen nach ihrem Amtsantritt im “Jänner 2014” (hier hört man die Wienerin) zeigten, wie Beyerle mit der großen Vergangenheit umzugehen dachte – indem sie das Alte ziemlich radikal mit der Gegenwart verkoppelte. Die Ausstellung ‘Rochaden, Fünf Designstudios treffen auf die Sammlung’ markierten den Anfang dieser Bewegung. Die Besucher schienen zu spüren, dass sich rund 15 km flussaufwärts der Dresdner Altstadt etwas tat. Von durchschnittlich rund 30 000 stieg deren Zahl 2014 auf rund 51 000. Im Folgejahr kamen – auch bedingt durch die Sonderausstellung in der Dresdner Kunsthalle (‘Die Teile des Ganzen’) – sogar 69 517 Gäste.

Wider die Erwartung

Eigentlich müsste man Pillnitz standesgemäß vom Schiff – besser noch: von der Gondel aus erleben, langsam gegen den Strom anfahren und anlanden am Mittelpavillon des Wasserpalais’. Dann Pöppelmanns ovale Prachttreppe hinauf und hinein in den Zaubergarten, der im Sommer seine besondere Pracht entfaltet. Schließlich ist dies die einzige Zeit, das Kunstgewerbemuseum zu besuchen, denn Schloss Pillnitz kann aus Gründen des Denkmalschutzes nicht beheizt werden. So ist das wundervolle Museum mit seinen gut 2 000 m² Ausstellungsfläche in den beiden korrespondierenden Bauten – Wasser- und Bergpalais – eigentlich völlig fehl am Platz. Der höfische Prunkrahmen verlangt nach historischem Mobiliar – und nicht nach Design. Es gehört zur besonderen Geschichte Dresdens, dass das Kunstgewerbemuseum nach dem Zweiten Weltkrieg aus einem intakten Haus in der Stadt ausziehen musste, um anderen Sammlungen Platz zu machen. “Seit diesem interimistischen Umzug vor etwas über 50 Jahren hat das Museum nie wieder den Weg in die Stadt zurückgefunden”, erklärt Beyerle.
„Das touristische Publikum erwartet ein Schlossmuseum, kein Design.“
“In der wunderschönen Anlage Schloss Pillnitz ergibt sich vonseiten des touristischen Publikums die Erwartung, ein Schlossmuseum vorzufinden, mit einer entsprechenden Einrichtung.
Dieser Erwartungshaltung entgegenzuarbeiten ist nicht immer einfach, aber Teil unserer langfristigen Planung.” Dazu gehört auch, dass die Sammlung mit ihren einmaligen Beständen der Deutschen Werkstätten beziehungsweise das Haus selbst durch Sonderausstellungen in Dresden (geplant alle zwei Jahre) präsent bleibt. “Das gibt uns den Freiraum, auch mal eine gänzlich andere Art der Präsentation und damit Diskussion zu ermöglichen.”
„Partizipation statt bloßem Konsum.“
Tulga Beyerle will das Museum ins nächste Jahrtausend führen. Dazu untersucht sie, wie und unter welchen Bedingungen sich Besucher neu und anders einbinden lassen in die vielfältigen Angebote einer Schausammlung. Partizipation statt bloßem Konsum, so ließe sich grob umreißen, was die Direktorin vorhat. Natürlich weiß Beyerle, dass nicht alle Besucher aus der bequemen Konsumhaltung zu locken sind, und das will sie auch nicht. Sie könne andererseits nicht davon leben, dass leidenschaftliche Porzellansammler über 70 ins Museum kämen, sagte sie. “Ich muss junge Leute ins Museum bringen.” Daher sucht Beyerle neue Wege. Da wären zum einen frische Themen und Namen. Die 1964 geborene Österreicherin motiviert junge Designer, sich explizit mit der Sammlung auseinanderzusetzen. Ihr geht es um ganz Banales: Wie lässt sich ein solches Museum “aktivieren und zu einem lebendigen Ort machen?” In den Worten von Beyerle heißt das: zu einer “Plattform, zu einem Diskursangebot.” Lassen sich Besucher aktivieren durch andere Vermittlungsangebote, zum Beispiel durch Workshops, in denen sie selbst zu Kuratoren werden, sich Inhalte eigenständig aneignen, Dinge sogar in die Hand nehmen müsssen.

Transformationsprozesse

Natürlich gibt es so etwas schon lange und in vielfältigen Ausprägungen. Ganze Abteilungen von Museumspädagogen beschäftigen sich mit geeigneten Formen der Vermittlung. Doch als ausgebildete Schreinerin und studierte Industriedesignerin bringt Tulga Beyerle Fähigkeiten mit, die immer wichtiger werden: Sie ist sich nicht zu schade, selbst anzupacken, sie weiß, wie sich Dinge und verschiedene Materialien anfühlen (auch das eine Fähigkeit, die in Zeiten des Wischens und Ziehens auf Glas, verloren zu gehen droht) und wie sie am besten zusammenfinden. Dazu denkt Beyerle konzeptionell, sie ist eine Expertin darin, Design zu vermitteln. 2007 gründete sie mit Thomas Geisler und Lilli Hollein die Vienna Design Week und blieb bis Oktober 2013 ihre Co-Direktorin. Dann war klar, es musste etwas Neues her, eine neue Herausforderung. Eine wie in Dresden, das sie einmal charmant als wohl “wienerischste Stadt Deutschlands” bezeichnete. Der Blick über Grenzen hinweg ist ihr geblieben, nicht nur, weil sie regelmäßig nach Wien fährt, sondern die Nachbarländer Polen und Tschechien ganz selbstverständlich miteinbezieht. In diesem Jahr etwa durch die Ausstellung ‘Creative Collisions’ (ab 3. September).
„Beyerle denkt konzeptionell, sie ist eine Expertin darin, Design zu vermitteln.“
Schritt für Schritt transformiert Tulga Beyerle das historische Gehäuse, das als lange Enfilade von Räumen (nicht etwa Sälen) seinen Reiz hat, aber auch schnell monoton wirken kann. Zuerst hat sie für einheitliche Grafik gesorgt und die Schausammlung neu geordnet. Sie brach den chronologischen Durchmarsch auf zugunsten eines offenen Systems von Stationen, die sich mit einem Thema oder vielmehr einem Material beschäftigen: Da kommt es zu überraschenden Konstellationen etwa von Stahl und Eisen. Mechanische Schreibmaschinen (die in vertikaler Reihung ihre volle Schönheit zeigen) unterhalten sich mit Ron Arads Stahlstuhl. Schmiedeeisernes aus der Gotik stößt auf einen Freischwinger von Marcel Breuer. In dieser neuen Ordnung lassen sich Teile leicht austauschen und Dinge verändern, ohne dass das gesamte Raumkonzept neu erarbeitet werden muss.
„Dinge sind mitten in der Gesellschaft, als Katalysatoren und Zeichen der Veränderung.“
Geradezu überrollt wurde Beyerle vom medialen Erfolg der von Petra Schmidt kuratierten Sonderausstellung ‘Der eigene Antrieb’ zur Kulturgeschichte des Fahrrads, dem sie geradezu revolutionäre Qualitäten beimisst. Das Zweirad ist der Ort der schnellen Bewegung, der Umtriebigkeit und des potenziellen Umsturzes. So wie Frauen vor 100 Jahren Kurse besuchten, um auch hier Unabhängigkeit zu zeigen, entdecken nun Migranten die Drahtesel – um etwas von der Erschütterung in ihrem Leben, der Flucht und der zwangsweisen Stillstellung hier wegzustrampeln. Grenzen waren gestern, das zeigt auch diese überraschend aktuelle Designausstellung. Dinge sind mitten in der Gesellschaft, als Katalysatoren und Zeichen der Veränderung.
„Es versteht sich von selbst, dass die Wahl-Dresdnerin gegen Pegida demonstrierte.“
Tulga Beyerle hat internationale Projekte an die Elbe gebracht, Menschen und Ideen. Es versteht sich von selbst, dass die Wahl-Dresdnerin gegen Pegida demonstrierte und in ihrem Rahmen ein Gegenprogramm zu Abschottung und Selbstgenügsamkeit, Fremdenhass und Engstirnigkeit auf die Beine stellte. Und jede Ausstellung ist auch eine Demonstration dessen, was man Verantwortung eines Museums für Gestaltung nennt, das mitten in der Gesellschaft wirken will, als Plattform und Akteur.

Der Stiftungsrat des Museums für Kunst und Gewerbe übertrug Tulga Beyerle zum 1. Dezember 2018 die künstlerische und wissenschaftliche Leitung des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. „In Hamburg stellen sich, aufbauend auf der erfolgreichen bisherigen Linie, neue Aufgaben, wie zum Beispiel das Haus durchlässiger zu machen, sich lokal bis international zu vernetzen, die Forschung zu stärken“, sagt Beyerle zu ihrer neuen Aufgabe.

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