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Im Porträt: Angelika Nollert, Die Neue Sammlung: Polarisieren ist nicht mein Ding. md-mag.com

Die Neue Sammlung, München
Angelika Nollert

In den letzten Jahren wurde ein Generationswechsel in den großen Ausstellungshäusern vollzogen. Wer sind die neuen Macher? Was sind ihre Ansätze, die Institution Designmuseum ins digitale Zeitalter zu überführen? md-Autor Oliver Herwig blickt hinter die Kulissen. Erste Station ist die Neue Sammlung in München.

Design liegt im Trend. Immer mehr Sammlungen und Museen haben sich der Geschichte der Gestaltung verschrieben. Doch sind die chronologischen Rundgänge von Highlights noch zeitgemäß? Gibt es stattdessen Schaudepots in Form von Hochregallagern, die den Strom der Objekte immer neu ordnen und präsentieren?
Gibt es Spielecken, in denen man Dinge anfassen und benutzen kann? Gibt es Multimediainstallationen und Virtual Reality, die etwa den Wandel der Einrichtung direkt vor Augen führt? Und wann wird das Objekt aus der Vitrine geholt, vom Sockel gestoßen, damit es in seinem Gebrauchszusammenhangerfahren werden kann?
Zum 50. Geburtstag von Konstantin Grcic zeigt die Neue Sammlung einen Querschnitt seines Schaffens. Im Zent-rum: ‘Chair_One’, jene sperrige Ikone von 2004. In mehreren Stationen nimmt der Stuhl Gestalt an – vom einfachen Pappmodell, das längst eingesunken daliegt wie ein Marionette, deren Fäden gekappt wurden, über das brutal verschweißte Drahtmodell, bis hin zu Stadien der industriellen Fertigung.
Prototypen wie diese öffnen den Blick hinter die Kulissen der Meisterskizze, die sofort die perfekte Formgebung nach sich zieht. Sie vermitteln etwas von der Kraftanstrengung, der es bedarf, Design zu schaffen. Das ist kein radikal neuer Weg, 2006 zeigte das Münchner Haus der Kunst Konstantin Gricic als Meister der Modelle, aber die nun von KGID selbst maßgeblich bestimmte Schau zeigt, was möglich ist, wenn man Design als Prozess anschaulich machen will. Dazu ist die zweigeschossige Pater-noster-Halle mit ihren rotierenden Aufzügen grau gehalten, die beiden Transportplattformen sogar eingehaust. Die einzelnen Stuhlmodelle stecken in eigens gefertigten Kästen, deren einfache Fertigung aus Stahlblech einiges vom Denken Grcics vermittelt: lapidar und angenehm quer zum Gängigen, dabei augenzwinkernd-gewitzt.
Die “ortsspezifische Präsentation” soll zehn Monate lang stehen bleiben, bis sie 2016 von einer neuen Installation abgelöst wird. “Die Eigenbewegung der Paternoster-Aufzüge wird dabei die Programmatik einer aktiven Neuen Sammlung spiegeln”, heißt es in der Pressemitteilung. Genauso sieht es auch Angelika Nollert, die neue Direktorin des Museums.
Die 49-jährige Kunsthistorikerin hat ein Ziel: Das Münchner Designmuseum in das 21. Jahrhundert zu führen. Letztes Jahr übernahm die langjährige Direktorin des Nürnberger Museums für Kunst und Design die Neue Sammlung. Zuvor hatte Florian Hufnagl das Haus 33 Jahre lang geleitet. Angelika Nollert sagt gleich zu Anfang: “Dass man Sachen anders macht, ist klar, Polarisieren ist aber nicht mein Ding.” Lieber entwickelt sie die Stärken des Hauses konsequent weiter, das, was man heute als USP bezeichnen würde: die exzellente Sammlung japanischer Plakate beispielsweise oder die einmaligen Kollektionen von Gebrauchskeramik und Glas. Angelika Nollert hat wenig von der raumgreifenden Geste ihres Vorgängers, lieber spricht sie von “Potenzialen” und vom “Team”, das Ideen einbringe und diskutiere. Wird sie alsoden vertrauten chronologischen Gang durch die Highlights des Designs auflösen, den es so oder anders ja in jedem Haus gibt, das sich mit Design befasst?
Kontinuität und Wandel
Ein feines Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. Nicht ganz. Ihr schweben thematische Inseln vor, die Zusammenhänge anders vermitteln. Also etwa die Entwicklung des Designs als Abfolge neuer Materialien aufzeigen: Bugholz (Thonet), Stahlrohr (Bauhaus), Kunststoff (Panton-Freischwinger) und Carbon (Grcic-Liege), das Thema der Kugel im Design oder ein Schwerpunkt ‘Tschechisches Design’.
Ganz möchte sie auf die Chronologie nicht verzichten. “Besucher wollen Highlights!”, kontert Angelika Nollert. Also wird es auch künftig einen Parcours geben, angereichert durch thematische Inseln. Nur die Abfolge des Kanons wird sich ändern. Auch das hat eher pragmatische Gründe. Zum einen stehe ein Wechsel an nach über zehn Jahren. Zum anderen lassen sich in der bisherigen Präsenta-tion schwerlich einzelne Stücke herauslösen und durch neue ersetzen. Also entwickelt Angelika Nollert einen “aufgefrischten” Rundgang. Dann lächelt sie plötzlich. “Warum nicht Klänge einarbeiten?” Der Sound der Moderne, von der Schreibmaschine bis zum Teekessel. Das klingt wirklich spannend, womöglich in einer Installation, die keine Objekte zeigt, sondern nur von Geräuschen und Gerüchen lebt. Ob sie dazu auch Dubletten zum Anfassen ausbreiten wird? Zumindest scheint diese Idee als Film nicht zu abwegig. Warum nicht einmal Peter Behrens’ elektrische Tee- und Wasserkessel von 1909 zum Kochen bringen? Auch das könnte ein völlig neues Bild von Gestaltung vermitteln – Dinge im Gebrauch, Dinge im Kontext.
Wer heute die Neue Sammlung innerhalb der Pinakothek der Moderne betritt, steht vor einem überdimensionalen Setzkasten, einer Art Inhaltsverzeichnis der Kollektion, das mit dem Dyson-Staubsauger endet. Besucher gehen eine breite Freitreppe in das Untergeschoss, beschirmt von einer aerodynamischen Flugstudie von LuigiColani. Auch der anschließende Raum beeindruckt durch seine Größe.
Hier steht der legendäre ‘Tatra 87’ von 1937 und andere Klassiker des Automobilbaus in gewaltigen, geschweißten Vitrinen. An der Stirnwand prangt einebanale Installation von Audi: Dutzende von Fahrzeugmodellen kleben an der Wand, aus der schließlich die lebensgroße Silhouette eines Autos wächst.
Nun beginnt das eigentliche Souterrain, der chronologische Rundgang durch die Designentwicklung: Schreibmaschinen und Computer, Stühle und Einrichtung, Glas und Autorendesign, Kunsthandwerk. Inmitten der Klassiker: ein Amphitheater der Stühle. Schließlich gelangt man in die Paternoster-Halle, die Besucher wieder mit der zentralen Rotunde des Museums verbindet. Hier schaufeln zwei kettenbetriebene Aufzüge Designstücke in die Höhe, hin zueiner Empore, von der man die Halle überblickt. Wer will, zweigt in die der Schmuckkunst gewidmete Danner-Rotunde ab oder nimmt die halsbrecherische Treppe hinauf zum Erdgeschoss. Ein Aufzug wäre hier eine wunderbare Sache – und verdeutlicht, wie viel sich seit der Eröffnung des Hauses 2002 getan hat.
Die Eröffnung der Grcic-Ausstellung, der ersten von Angelika Nollert alleinig verantworteten Schau, war ein voller Erfolg. “So viel junges Publikum”, schwärmt die Direktorin, die in Zukunft zweigleisig fahren will: Ihr Stammpublikum behalten – und neue Besucher gewinnen. Die Messlatte liegt hoch.
In den letzten Jahren sahen sich im Schnitt rund 400 000 Menschen Design an. Das soll so bleiben. Ende nächsten Jahres geht es an das Schaudepot,das einen Teil der wahren Schätze des Museums – Kenner sprechen von über 100 000 Objekten – zu den regulären Museumsöffnungszeiten vermitteln soll. Dabei schwebt der Direktorin eine App-basierte Führung vor, die gezielt zu den Lieblingsobjekten führt. Geht es etwa um Thonet, soll das Thema Holz wie eine Wolke um den Stuhl schweben – Holztische und kleinere Objekte. Ähnlich aufgelockert könnte es bei Glas, Porzellan oder Stahl zugehen.
Ein Lieblingswort von Angelika Nollert, das ihren Ansatz zeigt: Rezeptionsgeschwindigkeit. Sie möchte verschiedene Ausstellungsformate etablieren, die nebeneinander stehen können und Besucher auf verschiedenen Ebenen mitnehmen, vergleichbar einem Gang durch eine Bibliothek: Hefte und Flyer für den schnellen Genuss, Romane und Wälzer für diejenigen, die sich intensiv mit einer Fragestellung beschäftigen wollen. Da wäre der (viel zu kleine) Raum für Wechselausstellungen im Erdgeschoss des Museums, die permanente Kollektion und die Paternoster-Halle, die künftig monothematisch der Arbeit eines Designers gewidmet ist sowie das begehbare Schaudepot. Alles andere – Virtual Reality oder der riesige Setzkasten als LED-Screen – ist angedacht. Schritt für Schritt wandelt sich das Haus in ein interaktiveres, dynamischeres Erlebnis für Besucher.
Viel wichtiger scheint etwas anderes. Die hohen Erwartungen, die 2002 an die Pinakothek der Moderne gingen, einzulösen. Schließlich steht bis heute das große Versprechen, mit “ihrer transdisziplinären Konzeption, Design im Konzert der Künste darzustellen – Kunst, Design, Architektur und Grafik unter einem Dach.” Bald vier neue Direktoren der einzelnen, selbstständigen Häuser können nun beweisen, dass im Miteinander völlig neue Ausstellungen und Präsentationsformen möglich werden: Design in der hohen Kunst, Grafik und Objekte zwanglos zu einer Lebenswirklichkeit vereint. Die temporäre Schaustelle während der Renovierung des Hauses 2013 hat gezeigt, was möglich ist, wenn alle zusammenarbeiten: schneller, direkter, anschaulicher …
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