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Veronika Kammerer

Bauvorlageberechtigung für Innenarchitekten
Veronika Kammerer

Natürliche, pure Materialien verwendet Veronika Kammerer mit ihrem studio lot schon seit Jahren. Neben dem ökologischen Aspekt ist ihr eine ungekünstelte Gestaltungssprache wichtig. Kammerer setzt sich für die Bauvorlageberechtigung für Innenarchitekten ein.

Interview Katharina Feuer

Hat sich der Beruf des Innenarchitekten im Laufe der vergangenen 20 Jahre verändert?

Veronika Kammerer: Die größte Veränderung ist der Wechsel von einer analogen zu einer hauptsächlich digitalen Arbeitsweise.

Ansonsten sind Trends und Moden einem ständigen Wandel unterworfen. Derzeit finden Farben und Muster Anwendung, die zu Beginn meiner Arbeitszeit regelrecht stigmatisiert waren wie Neonfarben, Tapeten und wilde Muster. Die facettenreiche Lebendigkeit dieser farbigen Raum-Inszenierungen steht in Kontrast zu den minimalistischen Farbkonzepten der Nullerjahre, in denen maximal eine Wand als Farbakzent Usus war.

Teppichböden und Teppiche waren unpopulär, ihre Akzeptanz ist heute dagegen unbestritten.

Diese Trends spiegeln immer ein Stück Zeitgeist wider und das ist gut so. Aber in Bezug auf meine Kernkompetenz als Innenarchitektin hat sich nichts geändert.

Wie definieren Sie diese Kernkompotenz?

Wir entwerfen nutzergerechte Räume, die in Proportion, Funktionalität, Lichtführung, Materialwahl und Farbgebung ein stimmiges Ganzes ergeben. Eine Problematik hat sich leider in 20 Jahren nicht geändert, zumindest nicht zum Positiven.

Und die wäre?

Die Stellung und Wertschätzung von Innenarchitekten. Unser Berufsbild ist nicht klar definiert. An den Hochschulen bilden meist Hochbau-Architekten Studierende der Innenarchitektur aus. Das hat zur Folge, dass diese zu spät erkennen, wie begrenzt ihr Handlungsradius im Hinblick auf die Bauvorlageberechtigung sein wird.

Da eine gute Planung aber nicht an der Fassade endet, sondern sich über Öffnungen, Ausblicke und Raumbeziehungen in den Außenraum weiterentwickelt, bedeutet diese Beschränkung eine große Behinderung bei der Ausübung unseres Berufes.

Das ist ein sehr alter, aber aktueller Konflikt. Ihr Lösungsansatz?

Innenarchitekten sollen die volle Bauvorlageberechtigung erhalten.

Bitte begründen Sie diese Forderung.

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Qualität der Architektur in Deutschland dadurch verbessert.

Es gibt doch Gründe dafür, warum man sich für eine bestimmte Fachrichtung entscheidet. Innenarchitekten planen deswegen nicht plötzlich Hochhäuser oder agieren im städtebaulichen Kontext – ihr Fokus liegt klar im Innenraum. Aber es ist unmöglich, einen Innenraum ohne den Übergang zum Außenraum zu definieren.

Es müssen planungsrechtliche Voraussetzungen geschaffen werden, damit diese Übergänge weich und flexibel sind. Die uneingeschränkte Bauvorlageberechtigung für Innenarchitektinnen und Innenarchitekten ist die Antwort auf diesen Konflikt.

Sie umgingen dieses Dilemma, indem sie beides studiert haben.

Richtig, ich habe dieses Problem nicht. Aber ich kenne viele, die damit zu kämpfen haben. Dieses Zweitstudium ist aus wirtschaftlicher Sicht für den Staat völlig absurd. Und ich will nicht wissen, wie viele Kolleginnen/Kollegen deswegen zwei Studien absolvieren.

Zurück zu meiner ersten Frage: Worin haben sich die Anforderungen an Innenäume verändert?

Sie sind komplexer geworden. Heute muss ein Raum viel mehr können. Mehr Komfort. Bessere Akustik. Klimatisierung und Digitalisierung, um nur einige Stichworte zu nennen.

Ich sehe dieses wachsende Anspruchsdenken kritisch und oft hinterfrage ich den Einsatz von Technik. Natürlich haben wir auch schon Klimaanlagen verbaut, aber generell versuchen wir klare, wertige Räume ohne viel technisches Chichi zu gestalten.

Geschuldet einem wachsenden Zeitdruck verpassen viele Innenarchitekten neue Materialentwicklungen. Greifen Sie auch zu Altbewährtem?

Wir versuchen immer mit natürlichen, puren Materialien zu arbeiten wie Holz, Metall, Linoleum, Naturstein und mineralische Farben. Manchmal setzen wir auch Kunststoffe ein. Diese sind als solche erkennbar und nicht hinter einem Möchtegern-Dekor versteckt. Neue Entwicklungen interessieren uns sehr. Weniger in Bezug auf Materialkombinationen, sondern eher im Einsatz reiner Materialien in einem überraschenden Kontext.

Nennen Sie bitte ein Bespiel.

In der Montessorischule Neuötting haben wir aus Kostengründen auf einen herkömmlichen Sonnenschutz verzichtet und mit Außenvorhängen gearbeitet. Es kam ein Stoff zum Einsatz, den man verwendet, um Tennisplätze einzugrenzen. Das Kunststoffgewebe in Grau funktioniert hier als sommerlicher Wärme-, Blende- und Sichtschutz. Da es pur verwendet wird, ist es recycelbar.

Also ist Nachhaltigkeit für Sie beim Bauen auch ein Thema?

Selbstverständlich. Aber das resultiert bereits aus unserem Ansatz, authentische Materialien zu verwenden. Die Arbeitsweise eines Innenarchitekten ist per se schon sehr nachhaltig, da wir uns mit Revitalisierungen, Sanierungen und Umbauten beschäftigen.

Welcher thematische Schwerpunkt hat sich bei Ihnen herauskristallisiert?

Zurzeit bearbeiten wir viele soziale Themen. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, gute Räume für Kinder, Alte, Kranke oder benachteiligte Mitbürger zu gestalten.

Die Vielfalt und die Tatsache, dass keine Bauaufgabe der anderen gleicht, ist das Schöne an der Innenarchitektur. Wir sind also offen für alles.


Veronika Kammerer
Foto: Georg Willmerdinger
Veronika Kammerer (Jg. 1969) ließ ihrem Studium der Innenarchitektur an der Akademie der bildenden Künste München direkt ein Studium der Architektur folgen. Nach einigen Jahren in freier Mitarbeit bei verschiedenen Büros gründete sie 2002 die Bürogemeinschaft studio lot mit Anke Lorber. Kammerer ist Mitglied im bdia.

Webseite des Büros

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