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Interview über Sehnsuchtsorte und finnischen Lifestyle

Marianne Goebl

Design ist ihr Leben. Seit vier Jahren ist Marianne Goebl Managing Director des finnischen Möbelherstellers Artek. Davor arbeitete sie bei Vitra und war Direktorin der Messe Design Miami. Wir haben die gebürtige Wienerin in Berlin getroffen und mit ihr über Sehnsuchtsorte, Möbel, die Brücken schlagen, und finnischen Lifestyle gesprochen.

Interview: Claudia Simone Hoff

Wie ist es für Sie als Österreicherin, Managing Director eines ur-finnischen Unternehmens wie Artek zu sein?

Ich glaube, dass ich mir mehr Fragen gestellt habe, als die Finnen selbst. Ich hatte Respekt vor der Aufgabe und war sehr demütig. Auch, weil ich vorher noch nie in Finnland gewesen war. Natürlich kannte ich finnisches Design, vor allem Alvar Aalto und Tapio Wirkkala, aber ich hatte keine genaue Vorstellung davon, wie genau diese Kultur funktioniert. Finnland war für mich ein Sehnsuchtsort.

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Möbel von Alvar Aalto und Artek sind eigentlich immer dabei, wenn es um gutes Wohnen in Finnland geht – so wie der Chair 65 und die Stehleuchte A808.
Foto: Artek/ Zara Pfeifer

Wie wohnen die Finnen?

Kurz gesagt: In Finnland geht es um die Schönheit im Alltag. Hier braucht man keinen besonderen Anlass, um es sich zuhause schön zu machen – davon kann man viel lernen, finde ich.

Schwedisches und dänisches Design scheint gerade überall zu sein. Warum steht das finnische Design eher im Hintergrund?

Wenn man in Klischees denkt, dann sind die Finnen Ingenieure und Tüftler, während die Dänen und Schweden Kaufleute sind. Die Finnen sind zwar sehr stolz auf ihre Errungenschaften, kommunizieren diese aber nicht so offensiv.

Wie übersetzt man Alvar Aalto ins Hier und jetzt?

Ich finde das Format seiner Möbel sehr interessant. Damit haben wir uns bei Artek in letzter Zeit verstärkt beschäftigt. Zwar träumen wir fast alle von großen Häusern und Wohnungen, doch die Realität ist fast immer eine andere. Die meisten Wohnungen sind zwischen 60 und 100 Quadratmeter groß und manchmal auch wesentlich kleiner.

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In Helsinki gibt es mit ‚Second Cycle‘ einen Shop, in dem nur Artek Vintage-Stücke verkauft werden – hier der Bestseller des Unternehmens: der Hocker Stool 60 von Alvar Aalto aus den dreißiger Jahren.
Foto: Artek

Aaltos Möbel passen ja besonders gut in kompakte Wohnungen.

Ja, genau! Seine Möbel passen in echte Wohnungen, nicht nur in den Traum einer Wohnung. Sie eignen sich fast alle für kompakte Flächen, was in der Möbel- und Designindustrie ja gerade ein großes Thema ist. Zum einen werden Wohnungen kleiner, weil die Immobilienpreise steigen, zum anderen ist eine Wohnung zunehmend auch eine Lifestyle-Entscheidung. Es gibt Menschen, die statt einer großen Wohnung lieber mehrere Wohnungen an verschiedenen Orten haben. Kleine Wohnungen und die dazu passenden Möbel waren in den dreißiger Jahren übrigens ein wichtiges Thema für finnische Architekten und Gestalter, denn das Land wurde ja erst relativ spät urbanisiert. Möbel von Artek passen auch deshalb gut in kleine Wohnungen, weil sie mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen. Der Hocker 60 von Alvar Aalto kann beispielsweise auch als Beistelltisch oder in der vierbeinigen Version als Tritt dienen.

Ich vermute, dass der Hocker der Bestseller von Artek ist.

Ja, das stimmt. Wahrscheinlich, weil er das versatilste Möbelstück von Artek ist. Aber auch der rechteckige Tisch und die Leuchte Golden Bell – beides ebenfalls Entwürfe von Alvar Aalto – verkaufen sich sehr gut. Glücklicherweise läuft das Geschäft und Artek wächst.

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In den dreißiger Jahren von Alvar Aalto entworfen, gibt es die Golden Bell nun als Version für die Wand. Die Leuchte ist einer der Bestsellerprodukte des Herstellers.
Foto: Artek

Was ist für Sie die Quintessenz der Aalto-Möbel?

Sie stellen sich nicht in den Mittelpunkt und sind sehr integrativ: Man kann sie gut mit anderen Stücken kombinieren, ohne dass das andere Möbel daneben seltsam aussieht. Möbel von Alvar Aalto sind nicht so definiert. Was ich damit meine: Der rechteckige Tisch kann ein Esstisch sein, passt aber genauso gut in ein Büro oder Restaurant. Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch, ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl. (lacht) Die Möbel können wandern, was eine wirklich interessante Qualität ist.

Wohin soll sich das Unternehmen entwickeln?

Artek ist in Finnland Nationalheiligtum und Alltagsmarke zugleich, in Japan sind wir auf dem Weg dorthin, während wir in Europa eher eine Architekten- und Designmarke sind. Ich glaube, dass die Haltung hinter Artek relevanter ist denn je – weg von der Wegwerfgesellschaft, hin zu nachhaltigen Entwürfen, die ressourcenschonend sind und mit einem wachsen.

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Artek erweitert die historische Kollektion kontinuierlich um kontemporäre Stücke – hier der Spiegel 124° des schwedischen Designers Daniel Rybakken. Zwei bewegliche Spiegelplatten aus poliertem Stahlblech ergeben ein skulpturales Objekt.
Foto: Artek/ Zara Pfeifer

Sind die Möbel noch immer made in Finland?

Ja, sie werden in der Fabrik in der Nähe von Turku hergestellt, wo sie schon immer produziert wurden. Alvar Aalto hatte immer sehr enge Beziehungen zu den Herstellern seiner Entwürfe und arbeitete eng mit ihnen zusammen.

Wohnen Sie selbst auch mit Artek-Möbeln?

Ja, ich habe einige Vintage-Stücke aus unserem Artek 2nd Cycle Shop zuhause in Berlin, Bänke und Hocker von Alvar Aalto beispielsweise. Ich finde, es sind Möbel, die in moderne Interiors genauso passen wie in traditionelle. Sie schlagen eine Brücke zwischen beiden Welten. Es sind Möbel, die ich auch meinen Eltern schenken würde.

Nicht nur Designklassiker erfreuen sich wieder größerer Beliebtheit – auch alte Technologien werden wiederentdeckt. Warum eigentlich? Unser Kolumnist René Spitz sinniert.

https://www.md-mag.com/interior-architecture/fachbeitraege/spot-on/polaroid-2/

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