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Interview über Kinematik und Kulturschocks

Carlo Shayeb

Die Entwicklung einer neuen Kinematik – könnte man meinen – ist kompliziert. Der Produktdesigner Carlo Shayeb empfand hingegen die Arbeit an der Polsterung für den Drehstuhl ‚se:motion‘ besonders fordernd.

Interview Katharina Feuer

Die Presseinformation zum Drehstuhl ‚se:motion‘ von Sedus verkündet einen Paradigmenwechsel. Das Sitzen soll neu gedacht worden sein. Was ist damit gemeint?

Carlo Shayeb: Der Stuhl verfügt über eine leichte, einfache Struktur und überlässt dem Nutzer lediglich eine definierbare Einstellung: die Höhe der Sitzfläche.

Ansonsten reagiert der ‚se:motion‘ mit einer Gewichtsautomatik auf jeden Nutzer schnell und individuell – ohne Voreinstellungen. Er ist eine extrem reduzierte, flexible und intelligente Lösung.

Wie funktioniert diese Kinematik?

Carlo Shayeb: Es gibt nur zwei Hauptteile: die Sitzfläche und die Rückenlehne. Die für Bürostühle typische schwarze Box unterhalb der Sitzfläche fehlt.

Durch das Gewicht bzw. den Druck der sitzenden Person gegen die Rückenlehne – die mit der Sitzfläche verbunden ist – wird das Gelenk unter der Sitzfläche angesprochen und schiebt sich nach oben. Die Synchronmechanik, die umgelenkte Kraft, bewirkt, dass man sich durch sein eigenes Gewicht hochhebt.

Was war das Schwierige bei der Entwicklung?

Carlo Shayeb: Ehrlich gesagt, war die Kinematik durch das Team schnell gefunden. Sie ähnelt einem Parallelogramm. Viel mehr Kopfzerbrechen hat mir die Entwicklung des Polsters gemacht. Aus Kostengründen kam ein Mesh-Netz nicht in Frage. Die Lösung, das Waffelpolster, besteht aus vier Schichten Strick.

Sie nennen das Air Knit. Wie wird es produziert?

Carlo Shayeb: Das verstehe ich bis heute selbst nicht ganz (Lacht). Ich kenne die Strickmaschinen und habe gesehen, wie die vier Schichten miteinander verbunden werden. Füllfäden expandieren im Gewebe und werden fixiert, damit sie nicht verrutschen. Es fühlt sich an wie Schaumstoff. Es ist aber Strick.

Wie wird das Polster am Stuhl angebracht?

Carlo Shayeb: Die Sitzpolsterung funktioniert wie eine Handyhülle. Man stülpt sie über den Sitz, dann klemmt sie fest. Sehr einfach und effektiv. Das Polster für die Rückenlehne wird an der Rückseite mit von uns entwickelten Knöpfen befestigt. Das ermöglicht ein leichtes Auswechseln.

Der Vorteil ist also, dass man nicht gleich einen neuen Stuhl braucht, wenn das Polster hinüber ist.

Carlo Shayeb: Das ist korrekt. Nachhaltigkeit war ein großes Thema bei der Entwicklung. Unnötiger Ballast wurde über Bord geworfen. Weniger Material benötigt weniger Energie in der Produktion.

Die Kunststoffrückenlehne ist allerdings kein grünes Produkt.

Carlo Shayeb: Nein, aber man kann den Kunststoff recyceln. Auch hier ist der Materialeinsatz auf ein Minimum reduziert. Im oberen Bereich der Lehne kommt ein weicherer Kunststoff zum Einsatz, im Bereich der Lende wird er mit einem zweiten, härteren verstärkt. Man kann sie optisch nicht unterscheiden.

Gab es noch weitere Anforderungen?

Carlo Shayeb: Mit seinem kleinen Packmaß und einem Preis, der für jedermann erschwinglich ist, soll der Stuhl dem Hersteller Sedus andere Märkte eröffnen wie den Onlinehandel, Start-ups, Coworking-Spaces und auch den Endverbraucher im Homeoffice.

Noch eine persönliche Frage: War das nicht ein Kulturschock von Sydney nach Bad Münder zu ziehen?

Carlo Shayeb: In der Tat war das eine krasse Umstellung, aber irgendwie auch spannend.

Ursprünglich waren sechs Monate geplant. Aber wie das Leben so spielt: Jetzt lebe ich seit 13 Jahren in Deutschland.

Deutsch ist nicht leicht zu lernen!

Carlo Shayeb: Oh ja, ich stehe mit den Artikeln immer noch auf Kriegsfuß. Und natürlich ergaben sich besonders am Anfang lustige Momente: Im Frühjahr bin ich mal ins Büro gestürmt, weil ich eine Pollenallergie habe und rief: „Hilfe, da draußen sind überall Polen!“

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Der 38-jährige, im Libanon geborene Industriedesigner studierte von 1999 bis 2006 in Sydney, Australien. Bereits während seines Studiums arbeitete Carlo Shayeb für Wilkhahn Asia Pacific. 2006 folgte der Umzug nach Deutschland, wo Shayeb bei wiege für mehr als drei Jahre tätig war. Nach weiteren acht Jahren bei ITO Design in Nürnberg, startete er 2017 bei Sedus Stoll mit dem ‚se:motion‘.

www.sedus.com

Carlos Shayeb ist seit Anfang Juli 2019 nicht mehr Teil des Sedus Stoll Designteams. Der Designer wechselte zu Vitra.


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