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Ronan und Erwan Bouroullec

Die Design-Romantiker
Ronan und Erwan Bouroullec

Ein Blick auf die beispielhafte Karriere des französischen Designer-Duos.

Text: Andrea Eschbach

Auch Designstars überfällt die Midlife-Crisis. „Wir vermissen die Naivität von früher“, sagt Ronan Bouroullec. „Wir waren noch sehr jung und konnten vom Start an mit großen Unternehmen arbeiten. Dabei machten wir uns unbekümmert an die Aufgaben heran“. Dies kann nur jemand bedauern, der auf eine solch außergewöhnliche Karriere zurückblicken kann wie die Bouroullecs.
Als Ronan und Erwan Bouroullec den italienischen Möbelverleger Giulio Cappellini 1997 auf der Mailänder Möbelmesse kennen lernten, markierte dies den Beginn ihres Höhenflugs in den Design-Olymp. Seitdem haben sie zahlreiche Möbelentwürfe für Cappellini realisiert, aber auch für international renommierte Hersteller wie Alessi, Magis, Established & Sons, Ligne Roset und Vitra gearbeitet. Poetisch, romantisch und funktional zugleich – diese Schlagwörter fallen meist im Zusammenhang mit den Arbeiten des Designer-Duos. Ihre vielfach preisgekrönten Werke sind in den Sammlungen bedeutender Kunstinstitutionen wie dem MoMa in New York oder dem Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam vertreten. Neben ihren Erfolgen als Möbeldesigner haben die Brüder auch Ausflüge in die Architektur gemacht, so 2006 mit dem ‚Floating House‘, drei Jahre später mit dem Interior Design für das Berliner Restaurant ‚Dos Palillos‘ und 2010 mit der Umgestaltung eines Corbusier-Apartments in der Cité Radieuse in Marseille. Ihr jüngster Coup war eine spektakuläre Textil-Installation für die dänische Textilfirma Kvadrat anlässlich des London Design Festivals im vergangenen Herbst: In der Raphael Gallery des Victoria & Albert Museum schufen sie mit ‚Textile Field‘ eine Lounge-Landschaft als Raum im Raum.
Nomadisches Design
Gerade zeigt das Vitra Design Museum die kleine Schau ‚Ronan & Erwan Bouroullec – Album‘. Und in Metz feiert das Centre Pompidou die Brüder mit einer ersten großen monografischen Ausstellung in Frankreich. Nicht umsonst lautet der Titel der Schau ‚Bivouac‘. Denn ein Biwak, ein Feldlager, symbolisiert aufs Beste den Designansatz der gebürtigen Bretonen, der durch Nomadismus und Flüchtigkeit geprägt ist. Nomadisch sind sämtliche Raumteilungssysteme der Bouroullecs. Ein Multitalent ist das modulartige Textilsystem ‚Clouds‘, 2008 für Kvadrat entwickelt. Mal schiebt es sich wie eine riesige Wolke in den Raum. Weich und einladend sieht es aus, dieses luftige Gebilde, das sich Terrain erobert, die Umgebung gliedert, den Blick lenkt. Mal dient es in einer kleineren Variante auch als Wandschmuck. Wie ein lebendiger Organismus dehnt sich seine Oberfläche aus, mal chaotisch, mal ganz regelmäßig.
Das Origami-ähnliche Produkt aus Textilmodulen, die mittels Klettverschluss in unzähligen Varianten verbunden werden können, sorgt in einem Raum nicht nur für Wärme und Sinnlichkeit, sondern schluckt auch Schall. Bei den Bouroullecs dienen die modularen Wände dazu, den Raum zu gliedern, ohne ihn abzutrennen – und dies auf immer wieder neue Weise. Schon vor den ‚Clouds‘ hatten sie mit diesem Prinzip experimentiert: 2004 hielten die ‚Algues‘ (Fab. Vitra) Einzug in viele Wohnungen, Bars und Showrooms. Die an Meerespflanzen erinnernden Teilchen können zu zarten, fast textilartigen Vorhängen und Raumteilern verkettet werden, sie sind innenarchitektonische Bausteine und dekorative Elemente zugleich. „Dieses kleine Kunststoffmodul ist unser meist produziertes Stück, 5 oder 6 Millionen Exemplare wurden bisher davon gefertigt,“ sagt der um fünf Jahre ältere der Brüder, der 40-jährige Ronan Bouroullec.
Wie nur wenige andere Gestalter haben Ronan und Erwan Bouroullec das Thema Modularität zum Stilprinzip erhoben. Ob verschiebbare Raumteiler, Regale oder Teppiche: Viele ihrer Entwürfe zeigen deutlich ihre bausteinförmige Struktur, lassen sich erweitern und immer wieder neu umgestalten. „Wir wollen, dass sich unsere Produkte an die Bedürfnisse des Nutzers anpassen – und nicht umgekehrt“, erklärt Ronan Bouroullec. „Jeder Mensch soll selbst entscheiden, wie er unsere Objekte verwendet.“
Die Magie des Objekts
Mindestens genauso wichtig wie das modulare Prinzip ist den Brüdern Purismus und Funktionalität, poetischer Witz und Inspiration durch organische Formen. Dies verdeutlicht eines ihrer jüngeren Kultobjekte: Das Sofa ‚Ploum‘ für Ligne Roset (2011) prangt im Raum wie eine reife Frucht. In der üppigen organischen Form lässt es sich vortrefflich lümmeln. Für die beiden Designer steht „die Verwendung des dehnbaren Stretch-Bezugs symbolisch für den zeitgenössischen Lebensstil, für den Multifunktionalität und Komfort von zentraler Bedeutung sind“. Auch die Leuchte ‚Piani‘ für Flos (2011) ist ein treffliches Beispiel, wie aus Reduzierung der Form und Einfachheit des Entwurfs nützliche und zugleich elegante Gegenstände entstehen. Der 20 cm hohe Entwurf ist sowohl minimalistische Leuchte als auch praktische Ablage – hier ist genug Platz für Stifte, Münzen, Schlüssel und andere Dinge. Entwürfe wie diese entstehen im 1999 gegründeten Pariser Atelier. Dort betreten sie immer wieder Neuland. „Wir mögen es, uns einer Sache zu stellen, die wir noch nicht kennen“, sagt Ronan Bouroullec. Die Grundlage ihrer Zusammenarbeit sei ein Dialog, in dem sie sich gegenseitig an ihre Grenzen treiben. „Unsere Zusammenarbeit besteht in der Regel darin, dass wir uns nicht einig sind“, fügt Erwan Bouroullec hinzu. Im ständigen Diskurs entstehen die Projekte, ihre Arbeitsweise ergänzt sich dabei: Während Erwan viel mit den Händen kreiert, zeichnet Ronan lieber: „Ich habe Tonnen von Zeichnungen gemacht“. Mit Filmen und Fotos dokumentieren sie ihre Arbeit – für sich selbst und ihre Kunden. „Design ist häufig ein langwieriger, teilweise auch ein frustrierender Prozess“, sagt Ronan Bouroullec. „Die Filme und Fotos sind dagegen reines Vergnügen für uns“. Erwan ergänzt: „Mit Bildern und Musik kann man auch viel ohne Worte sagen“.
Die Designer der Zukunft
Perfektion ist den Brüdern wichtig, jedoch arbeiten sie nicht nach festgelegten Regeln, sondern setzen vielmehr auf die Intuition. „Wir sehen uns als romantische Designer“, erklärt Ronan Bouroullec. „Manchmal passieren die Dinge schnell, manchmal macht man monatelange Recherchen und nichts passiert. Wir haben nicht wirklich eine Methode“. Aber die Bouroullecsche Romantik ist weit entfernt von jeder Rückwärtsgewandtheit. Im Gegenteil: Als das Duo, das die Zukunft entwirft, werden die Bouroullecs häufig bezeichnet. Auf dem vergangenen Salone del Mobile sorgte beispielsweise ein neuer Holzstuhl für den italienischen Familienbetrieb Mattiazzi für Aufsehen. In der Produktion von ‚Osso‘ greifen hochentwickelte CNC-Technik und handwerkliches Know-how ineinander. Das Resultat ist ein ebenso einfacher wie skulpturaler Entwurf, der vier fein polierte Holzteile zu Lehne und Sitz zusammenfügt.
„Wir haben viele Zeichnungen und Modelle, um die wir im Studio herumschleichen“, sagt Ronan Bouroullec. „Wir können sehr kritisch zu uns selbst sein. Solange, bis wir zufrieden sind – und das sind wir nicht oft.“ Ihre Recherche über Komfort und die richtige Balance zwischen Form und Funktion gipfet in den unterschiedlichsten Entwürfen – vom ‚Vegetal Chair‘ für Vitra mit seiner blattartigen Struktur über den ‚Steelwood Chair‘ (Magis) mit seiner ungewohnten Kombination aus Holz und Stahl bis zum modularen Regalsystem ‚Cloud‘ (Cappellini). Das Besondere an ihrer Arbeit ist, dass die Technik dahinter in Vergessenheit gerät. „Ein gutes Objekt hat nicht nur eine gute Funktion oder eine gute Form, es hat etwas Magisches, einen Charme,“ sagt Ronan Bouroullec. Auf dass der Zauber nicht so schnell verloren geht, gestatten sich die Brüder, nur maximal zehn Objekte pro Jahr zu entwerfen. Experimente wie ihre Entwürfe für die Pariser Galerie Kreo oder die limitierten Werke für Established & Sons helfen, die mit dem Erfolg etwas verloren gegangene Naivität im Designentwurf zurückzuholen. Jenseits der Zwänge der industriellen Produktion entstanden in den vergangenen zehn Jahren freie Projekte in niedriger Auflage. In der Serie ‚Lianes‘ hängen an langen Kabeln Leuchten, die vollständig mit Leder bezogen sind. Die Technik verschwindet hinter diesem natürlichen Material. Die Leuchten docken an verschiedenen Kabeln an und bilden so ein vernetzte Struktur – ein kleiner Leuchten-Urwald.
„Der Erfolg gibt uns große Freiheit, aber er schränkt uns auch ein“, konstatiert Ronan Bouroullec. „Es wird immer komplizierter, etwas Neues und Anderes zu machen, immer schwieriger, uns neu zu erfinden.“ Aber neue Herausforderungen warten schon auf die beiden: In einem Wettbewerb haben sie kürzlich den Zuschlag zur Ausstattung der grossen Gabriel-Treppe im Schloss Versailles bekommen. Ein optisch leichter, in der Umsetzung jedoch hochkomplexer Chandelier soll schon bald den Raum schmücken. Design für die Ewigkeit sozusagen.
1999 gründeten die Brüder als gleichberechtigte Partner das internationale Design-Studio Ronan & Erwan Bouroullec in Paris/F. Ronan (links), geb. 1971, und Erwan (rechts), geb. 1976, arbeiten für die großen Designmarken der Welt: Vitra, Kvadrat, Alessi, Cappellini, Magis, u.a.

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