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Xaver Egger über Wissen schafft Stadt

Räume für die Wissensvermittlung. Von Xaver Egger
Wissen schafft Stadt

Die Gesellschaft hat sich von einer Industriegesellschaft hin zu einer Wissensgesellschaft transformiert. Wie Wissensorte zu Städten werden. Ein Kommentar von Xaver Egger, Sehw Architektur.

Kommentar: Xaver Egger, Sehw Architektur

Was sind die Potenziale für das 21. Jahrhundert in einem Land wie unserem, in dem wir die vorhandenen Bodenschätze weitestgehend für die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert verbraucht haben? Ich spreche gerne vom Rohstoff in den Köpfen, von Wissen. Wir haben uns als Gesellschaft transformiert von einer Industriegesellschaft hin zu einer Wissensgesellschaft. Unser Knowhow ist weltweit gefragt. Umso erstaunlicher, dass Wissenseinrichtungen im eigenen Land oft in einem erbärmlichen Zustand sind. Erst jüngst kam mein Sohn morgens gleich wieder von der Schule nach Hause, da die Heizung nach den Ferien nicht mehr funktionierte. Und dabei ist die Heizung so ziemlich das einzig Technische, was dort bisher funktioniert hat, wohlgemerkt an einem der besten Gymnasien Berlins.

Und wir müssen im eigenen Land oft darum kämpfen, gute Orte für Wissenstransfer zu kreieren oder Wissenstransfer als Motor, als Impuls für Stadtentwicklung und Architektur zu nutzen. Dabei gibt es gute Beispiele wie etwa die IBA Heidelberg mit ihrem wortspielerischen Slogan „Wissen schafft Stadt“. Das Gegenargument bietet dann immer Dessau. Dessau hat viele Wissenseinrichtungen, die aber (zumindest bislang) nicht zu einem Klebeeffekt führen und Menschen anlocken, dort zu leben.

Wissen schafft Stadt

Ich habe über das Thema wissensbasierte Stadtentwicklung schon vor langer Zeit mit Prof. Peter Pfab gesprochen, damals als Ministerialrat der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern u.a. zuständig für die Hochschulentwicklungen. Frei wiedergegeben meinte er, überall, wo in Bayern eine Hochschule gebaut wird, entsteht Stadt. Geht ja gar nicht anders. Und tatsächlich kenne ich einige dieser Gründungen, die Menschen anziehen bzw. an einen Ort binden, der ansonsten Abwanderung erleben würde. Straubing etwa in Niederbayern hat sich durch die Ansiedlung einer Außenstelle der Universität München deutlich verändert, in Burghausen in Südostbayern hat sich eine Außenstelle der Hochschule Rosenheim angesiedelt. Das kehrt den langjährigen Trend um, dass München als attraktive Landeshauptstadt den Rest des Landes leer saugt, was Nachwuchskräfte betrifft, brain drain eben.

Durch meine Professur in Bochum erlebe ich Ähnliches im Ruhrgebiet. Das Land NRW nutzt ganz bewusst Hochschul- und andere Wissenseinrichtungen zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Und zwischen Cottbus und dem Spreewald, in der Niederlausitz in Brandenburg, wächst ein neues Schulensemble mit gymnasialer Oberschule. Es ist der zweite Beitrag von Sehw Architektur zur Stärkung der Region mithilfe von Architektur für Wissenstransfer gegen die Herausforderungen des Strukturwandels.

Architektur gibt Wissensorten Gestalt und Identität

Ich sehe zwei unterschiedliche Richtungen, die zu dieser Entwicklung führen, von innen und von außen. Wissenseinrichtungen verändern sich von innen heraus. Klar kennen wir Architekten die üblichen Raumprogramme von Hochschul- und Forschungsprojekten. Darin geht es in erster Linie um die Befriedigung von Flächenbedarfen, nicht um Qualität. Doch Lernen und Forschen als Tätigkeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Hier findet auf mehreren Ebenen ein Paradigmenwechsel statt. Drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte dauern oft nur wenige Jahre und wir sollen dafür Häuser planen, die hundert Jahre halten. Wissensorte sind heute nicht mehr monotone Abfolgen von Seminarräumen, Laboren und Büros, sondern offene Plattformen für Vernetzung und Showrooms für Knowhow-Transfer.

Architektur gibt diesen Orten Gestalt und Identität. Zwei sehr unterschiedliche Projekte hat Sehw in Brauschweig und in Rostock gerade fertiggestellt. Bei ersterem handelt es sich um ein Institut für Schulbuchforschung der Leibniz Forschungsgemeinschaft, sozusagen Forschen am Wissen. In einer parkähnlichen innerstädtischen Situation wurde ein Ensemble aus drei Gebäuden geschaffen, deren Herz und Gesicht der Bibliotheksneubau ist, der Einblicke in den umfassenden Bücherbestand und damit in die Arbeit des Institutes und Durchblicke in den Park zulässt. Beim zweiten handelt es sich um das Institut für Elektrotechnik der Universität Rostock als ein Baustein eines neuen Campus. Dem Gebäude haben wir eine Kupferspule als Kleid geschneidert zur Identifikation mit der Funktion im Gebäudeinnern.

Gebaute Vernetzung für eine lebendige, städtische Mischung

Die Entwicklung nach außen wird maßgeblich beeinflusst von der Veränderung der Peripherie von Wissenseinrichtungen. Sie sind heute keine auf sich bezogenen Stand-Alone-Gebäude mehr. Die Vernetzung zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft ist heute signifikant. Wobei wir wieder bei der Aussage von Prof. Pfab wären. Man kann natürlich trefflich drüber streiten, wieviel Wirtschaft Wissenschaft verträgt, um noch frei und unabhängig zu sein. Aber periphere Themen wie Ausgründungen, Start-Ups, Technologieflächen, Mietlaborflächen, temporäres Arbeiten und Wohnen für Forscher*innen, per App buchbare Conferencing-Bereiche, Kinderbetreuung, Gastronomie und Nahversorgung zeigen, dass dort mehr entsteht als ein Gebäude, nämlich ein lebendiger städtischer Mix. Das NXT Collaboration Village am BER in Schönefeld ist ein Beispiel dafür, wie wir uns bei Sehw mit der Vernetzung von Funktionen unter Einbeziehung von Wissenstransfer beschäftigen. 

Stärkung von Standorten durch Agglomerationseffekte

Auch in meinem Masterstudiengang ArchitekturProjektEntwicklung haben wir uns diesem Thema forschend und gleichzeitig planerisch angenähert für gleich drei Standorte in Berlin. In Buch im Nordosten Berlins haben wir den Biomedizin-Campus mit der umgebenden Großwohnsiedlung verwebt und damit gleichzeitig Erweiterungspotenziale für Wissensorte erschlossen und Hemmschwellen abgebaut. Im Süden in Steglitz wurde aus dem Mäusebunker, einer ehemaligen Tierversuchseinrichtung und denkmalgeschützter Ikone des Brutalismus, ein Botanikbunker. In unmittelbarer Nähe zur Freien Universität wurden die Gebäude der staatlichen Museen in Dahlem, die seit dem Umzug der ethnologischen Sammlungen ins Humboldt-Forum leerstehen, zu Framework verwandelt, einem Magneten für Wissenarbeiter der Digitalbranche, einem der größten wirtschaftlichen Wachstumsmärkte der Hauptstadt. Bei allen Standorten ging es im Kern darum, diese durch Agglomerationseffekte zu stärken.

Bibliothek im Umbruch

Ein Aspekt, der beim Thema Wissen nicht fehlen darf, ist die Digitalisierung. Einerseits ist sie Segen für uns alle, auch für Architekten: die Digitalisierung von Prozessen, Digitalisierung von Gebäuden und neue Nutzungsarten für digitales Lernen und Arbeiten. So denken wir gerade über ein Konzept nach für eine Neuinterpretation des „Remote working“ mit Ideen der digitalen Welt (Stichwort Metaverse). Andererseits ist Digitalisierung auch ein Fluch. Gerade wenn es um die großen Digitalkonzerne und ihren unstillbaren Hunger nach Daten, nach Information und damit letztlich nach Wissen geht. Wissen ist bekanntlich Macht und das impliziert leider auch Machtmissbrauch. Hier gibt es mehrere Herausforderungen: die grundsätzliche erkenntnistheoretische Frage, ob unser Wissen mehr sein kann als ein hypothetisches Wissensmodell. Denn schließlich glauben alle Andersdenkenden, dass sie das Richtige wissen. Das verbreiten sie digital, ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Und der Spagat zwischen Open Source, also Wissen allen zugänglich zu machen, und dem Schutz unseres Wissens vor Missbrauch. 

Digitalisierung als Fluch und Segen

Ludwig Wittgenstein sprach diese Dialektik zwischen Wissen und Gewissheit mit Humor an: „Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zum wiederholten Male: ‚Ich weiß, dass das ein Baum ist‘, wobei er auf einen Baum in der Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher und hört das, und ich sage ihm: ‚Dieser Mensch ist nicht verrückt: Wir philosophieren nur.‘“  Ach, mit dem Wissen ist es doch zum Verrücktwerden!

Die Kolumne von Prof. Xaver Egger, Geschäftsführender Gesellschafter | Sehw Architektur erscheint vierteljährlich und kann hier abonniert werden.

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