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Peter Döllmann

Worauf man bei der Gestaltung einer Praxis achten muss
Peter Döllmann

Lange Zeit standen die funktionalen, medizintechnischen Aspekte von Arztpraxen im Vordergrund. Das ändert sich, sagt Peter Döllmann. Der Architekt weiß, worauf man bei der Gestaltung achten muss, damit sich auch die Kleinsten wohlfühlen.

Interview Katharina Feuer

Herr Döllmann, Sie beobachten eine Verschiebung im Gesundheitswesen weg von der klassischen Klinik hin zur Praxis.

Peter Döllmann: Das kindermedizinische Zentrum, das wir fertiggestellt haben, ist ein Prototyp, der für die Umbrüche in Österreich und Deutschland steht. Es entstehen immer mehr Arztpraxen und medizinische Zentren, die das Aufgabenfeld einer Klinik abdecken können – nur ohne Betten. Sie sind spezialisiert, sieben Tage die Woche offen und vereinen meist mehrere Ärzte und Spezialisten an einem Ort.

Und sie sind groß!

Peter Döllmann: Das ist richtig. Wir sprechen teilweise von einer Fläche von 1  600 m². Bei dieser Größe ist dann auch ein Café und eine Apotheke angeschlossen.

Wo liegt die Herausforderung, ein Healthcare-Projekt zu planen?

Peter Döllmann: Die Gemengelage von Vorschriften, die teilweise durchaus widersprüchlich sind. Es gibt viele komplexe Auflagen. Hier muss man gegenüber den Behörden viel moderieren und verfügt gleichzeitig als Gestalter nur über einen engen Rahmen. Nicht viele Architekten können das leisten.

In den vergangenen Jahrzehnten konzentrierte man sich meist auf die Funktion der Räume. Mittlerweile reift jedoch die Erkenntnis, wie wichtig der Wohlfühleffekt ist. Die Wirkung der Räume auf Patienten wurde lange unterschätzt und entsprechend vernachlässigt. Manches Behandlungszimmer wirkt wie ein Kühlschrank von innen. Oft entstanden die Räume in Kliniken und Praxen aus rein technischen Aspekten. Häufig werden sie von Medizintechnikern geplant. Es findet ein Umdenken statt, allerdings nur sehr langsam.

Ist das ein Umdenken zugunsten einer neuen Wohnlichkeit im Gesundheitssektor?

Peter Döllmann: Wir müssen aufpassen, dass es nicht in das andere Extrem kippt. In der privatärztlichen Versorgung gibt es bereits Interiors, die den Patienten und sein Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellen. Diese Parameter kann man aber nicht ins Unendliche treiben. Mutet ein Empfang an wie eine Hotellobby und wird es zu wohnlich und plüschig, fragt sich der Patient schnell, ob er hier die gewünschte fachliche Kompetenz erhält. Wenn es zu clean und kalt wirkt, fühlt sich der Patient auch nicht wohl – man muss die emotionale Waage erreichen.

Picken wir uns den Empfang und den Wartebereich heraus: Welches gestalterische Potenzial sehen Sie hier?

Peter Döllmann: Der Warteraum steht meist für den ersten Kontakt in einer Praxis und ist der zentrale Raum, der den Patienten willkommen heißt. Ich spreche bei der Gestaltung dieses Bereichs gern vom ‚Layout des Wartens‘. Es gibt unausgesprochene kulturelle Unterschiede. Bei uns wäre es ein Affront, sich direkt neben jemanden zu setzen, obwohl der restliche Raum noch frei ist. Was auch nicht geht: Starren. Also zieht man sich in seine private Blase zurück, indem man liest oder aufs Handy schaut. Ich würde sagen, Erwachsene haben eine eigenartige Art zu warten.

Psychologie spielt also eine große Rolle. Was bedeuten diese Beobachtungen für die Gestaltung?

Peter Döllmann: Will man erreichen, dass sich die Menschen wohlfühlen, sollte man eine einladende Geste schaffen. Stehen nur leere Stühle im Raum, denkt der Patient: „Ohje, eine leere Praxis – ob hier wohl alles stimmt?“ Ein überlaufener Wartebereich bewirkt das Gegenteil: „Kann sich der Arzt überhaupt Zeit für mich nehmen?“ Auf Bänken verteilen sich Patienten besser. Sie können auf weitere Ankommende reagieren und zusammenrücken oder sich vereinzeln.

Welche gestalterischen Aspekte kommen noch zum Tragen?

Peter Döllmann: Das sind in der Tat viele: Akustik, Licht, Geruch, Materialoberflächen – das ist ein sensorisch breites Feld, das es zu entwickeln und zu gestalten gilt.

Peter Döllmann: Kinder warten anders als Erwachsene. Für den Wartebereich des Kindermedizinischen Zentrums haben sie mit Farbe gearbeitet. Kinder können nicht ruhig sitzen. Sie wollen spielen, etwas entdecken und sich ablenken, weil sie aufgeregt sind, wenn sie zum Arzt gehen. Wir wollten diesen Bedürfnissen etwas gegenüberstellen ohne zu übertreiben.

Junioren können in Ihren Warteräumen echte Entdecker sein, aber Spielzeug sucht man vergebens. Warum?

Peter Döllmann: Wir sind von lose herumliegendem Spielzeug komplett weggekommen. Auch Zeichenwände gibt es nicht. Beides ufert in Chaos aus. Der Raum selbst lädt zum Spiel ein: der Boden mit seiner Grafik, die Bänke mit unterschiedlichen Sitzhöhen und die starken Farben und Figuren. Das Spiel muss jederzeit unterbrochen werden können, sobald man aufgerufen wird.

Warum sind hingegen die Behandlungsräume sehr zurückgenommen in der Gestaltung – fast klinisch?

Peter Döllmann: Die kleinen Patienten halten sich hier meist nur wenige Minuten auf und sind zudem von der Behandlung und dem Arzt abgelenkt. Wir haben uns komplett auf den medizinischen Aspekt fokussiert und auch von Farben Abstand genommen. Die Wandreflexion verfälscht die Lichtfarbe. Das ist problematisch, wenn man beispielsweise Hautausschlag untersuchen will.

Wie sind Sie auf diese sehr spezielle Gestaltungsaufgabe gekommen?

Peter Döllmann: Ich bin als Architekt das schwarze Schaf in meiner Familie (lacht). Um mich herum sind alle Mediziner. Ich habe meine Kindheit quasi im Krankenhaus verbracht und kenne die Nöte und Sorgen der Berufsgruppe. Vielleicht ist das ein Grund.

Und wie passt dieser Themenschwerpunkt zu Ihrer zweiten Leidenschaft: Industrial/Transportation Design?

Peter Döllmann: Nach Jahren an der TU Dresden habe ich an der Universität für angewandte Kunst in Wien mein Studium fortgesetzt und abgeschlossen. In Wien konnte ich über meinen Architekten-Tellerrand schauen. Es gab Bereiche und Werkstätten wie Metallverarbeitung, Malerei und Betontechnik – die Gestaltung stand immer im Mittelpunkt. Das prägt mich bis heute. Wir sind zu zehnt und kommen aus Feldern wie der Grafik, Architektur, Innenarchitektur und Maschinenbau. Das interdisziplinäre Gestalten schätze ich sehr.

Gab es noch andere Gründe, deretwegen sie nach Wien gegangen sind?

Peter Döllmann: Ich bin Mitte der 1990er-Jahre von Dresden weggegangen. Wäre ich nach Stuttgart oder an eine andere Uni im Westen gewechselt, hätte ich sicherlich viele Ossi-Wessi-Diskussionen führen müssen. Darauf hatte ich keine Lust. In Wien war ich einfach nur der Piefke – so nennt man die Deutschen in Österreich. Und dann bin ich „picken“ (=kleben) geblieben. Aber wir haben heute viele Projekte in Deutschland.


Peter Döllmann (Jg. 1969) studierte Architektur an der TU Dresden und an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Der gebürtige Dresdner arbeitete ab 1996 fünf Jahre bei Delugan Meissl in Wien und weitere vier Jahre im Designbüro Surreal (Wien/London). Zudem lehrte er Raum- und Designstrategien an der Kunstuniversität Linz (2004–2008). 2010 folgte die Gründung seines Büros Döllmann Design + Architektur.

www.doellmann.at

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