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Interview über ganzheitlich-transdisziplinäre Designmethode

Martin Lesjak von Innocad

Das Grazer Architekturbüro bevorzugt seit seinem knapp zwanzigjährigen Bestehen einen disziplinübergreifenden Weg. Co-Gründer Martin Lesjak erklärt unserer Autorin seinen Ansatz, seine Liebe zum Textil und warum es ihm darum geht, Sinn zu stiften.

Autorin Fredericke Winkler

Für Martin Lesjak scheint der Begriff „Tausendsassa“ erfunden worden zu sein. Knapp an einer Karriere als Profifußballer vorbei, gab sich der heutige Architekt und Designer zunächst als Teil eines DJ-Kollektivs der Musik hin. Parallel studierte er Architektur in Graz und eröffnete 1999 gemeinsam mit dem Kollegen Peter Schwaiger das Architekturbüro Innocad. Mit diesem Büro hat Lesjak seither ein breites Spektrum an Architektur- und Interiordesignprojekten realisiert: von Contract bis Residential und von Retail Design bis Healthcare.

Martin Lesjak verbindet unterschiedliche Disziplinen

2013 erweiterte der begabte Kreative sein schöpferisches Spektrum erneut und gründete mit der Designerin Anastasia Su das Designbüro 13&9. Darin verknüpft Lesjak unterschiedliche Disziplinen wie Produktdesign, Innenarchitektur und Architektur, aber auch Sounddesign. Der gebürtige Österreicher lehrt an verschiedenen Universitäten und wurde unter anderem vom Contract Magazine (USA) als „Designer of the Year 2015“ sowie vom Build Magazine (UK) als „Architect of the Year 2016“ geehrt. Kurz: Spräche Martin Lesjak nicht einen wunderbar entspannten Grazer Dialekt, würde man angesichts dieser beruflichen Atemlosigkeit im Gespräch mit ihm wohl Herzrasen entwickeln.

Mittendrin anstatt von oben

Bei aller Vielfalt ist Martin Lesjak jedoch kein Generalist. Er ist vielmehr ein Kooperateur. Einer, der sich lieber aus dem kollektiven Können unterschiedlicher Disziplinen ein Facettenauge zusammensetzt, mit dem er die Welt umfassender betrachten kann.

Sein Büro kooperiert mit Wissenschaftlern, Produktdesignern und Künstlern. Auch das Team selbst rekrutiert sich aus verschiedenen Schaffensfeldern. „New Holism“ nennt er dieses Konzept, die Ergebenheit gegenüber der transdisziplinären Arbeit zugunsten einer ganzheitlichen Lösung. Und dies beinhaltet eben nicht nur, in der Zusammenarbeit anderen Disziplinen einen gestalterischen Raum zu lassen, sondern auch seinen eigenen Schöpfungsweg infrage zu stellen, indem man selbst hin und wieder die Disziplin wechselt.

Konzept New Holism

„Wenn man nur eine Sache macht, gerät man schnell in eine Routine“, begründet Lesjak seine Vorgehensweise. „Wechselt man aber als Architekt beispielsweise zu Produktdesign, nimmt man zwar seinen Blickwinkel mit, muss aber damit umgehen, dass sich die Maßstäbe verschieben“, führt er aus.

Man verlasse also den User-View und müsse in den Creator-View wechseln. Vorteil des Perspektivwechsels: Beim Produktdesign könne man aufgrund der Geschwindigkeit des Marktes gesellschaftliche Entwicklungen deutlicher aufnehmen und sei näher am Kunden: „Kehrt man dann wieder in seine Disziplin zurück, kommt man plötzlich auf ganz neue Lösungen. Es erweitert die Freiheit und löst einen riesigen Lernprozess aus“.

Spiel mit den Disziplinen

Wie sich dieser innere Prozess auf die Ergebnisse auswirkt, lässt sich an den von Innocad realisierten Projekten und Ausstellungskonzepten ableiten. Im Rahmen der Architekturbiennale 2016 in Venedig etwa zeigten die Grazer die Arbeit ‚Architectural Fashion‘, die mit dem Bogen von der Architektur zur Mode die enorme Bandbreite des Büros abbildet.

„Wir haben drei Realitäten – Architektur, Interior Design und Produktdesign – in jeweils einen Modeentwurf umgesetzt und zwar inhaltlich und konzeptionell, ästhtetisch sowie in der Materialität“, erklärt Lesjak. Für einen Entwurf stand etwa ihr Bürohaus Pate, für das sich Innocad mit dem Prinzip des goldenen Schnitts sowie mit dem Werkstoff Metall auseinandergesetzt hat. Für das Fashion-Outfit hat das Büro eigens ein Textil aus Metallfäden entwickelt.

Textilien als Informationsträger

Ohnehin ist die Arbeit mit Textil ein Thema, dem Lesjak verstärkt nachgeht. Für ihn sei die Entwicklung des textilien Materials nicht nur als Funktionsträger – etwa als Akustikmaterial oder zur Lichtsteuerung – interessant, sondern ganz klar auch als Informationsträger und Emotionalisierungsfaktor. Nicht umsonst sei die kulturelle Bedeutung von Textilien geradezu konkurrenzlos. „Loden ist ein gutes Beispiel. Dieses kulturell stark aufgeladene Material sehen wir gerade stark in der Inneneinrichtung kommen, als Bezug und als Vorhang. Loden löst etwas aus und wir setzen ihn deswegen auch gerne ein“, erläutert Lesjak.

Produktmessen sind für Lesjak Ansammlung von Sondermüll

Etwas auslösen – dies scheint für Martin Lesjak ein Kernziel zu sein. Gerne wählt er dafür radikale Wege – ein Ruf, der ihm bereits vorauseilt. „Unsere Kunden reizt der nonkonformistische Weg und unser steter Versuch, Relevanz zu erzielen. Wir haben immer einen Innovationsanspruch.“ Gerade im Produktdesign sei das wichtig, denke man an das Angebot auf Produktmessen, die in den Augen von Lesjak „immer mehr einer Ansammlung von Sondermüll“ gleichen.

„Man sieht unendlich viele Sessel, die fast identisch sind. Wenn man aber schon Ressourcen verschwendet, muss uns das Ergebnis weiterbringen: im Design, technisch oder in punkto Nachhaltigkeit. Wir brauchen neue Lösungen, die sich nicht immer nur aus der Geschichte erklären“, fordert Lesjak. Und dies erreiche man eben nur durch einen transdisziplinären Ansatz in der Gestaltung und im schöpferischen Fokus auf den Menschen, dem Human Centered Design, welches konsequenterweise ebenfalls Bestandteil von Lesjaks „New Holism“-Gestaltungskonzept ist.

„Der Mensch braucht Sozialbindungen und eine Verbindung zur Natur, um gesund zu bleiben. Diese müssen wir gewährleisten oder zumindest einen Ausgleich schaffen“, appelliert der Grazer Tausendsassa nicht nur an die Architekten und Produktdesigner, sondern auch an die Städteplaner.

Das Ganze im Fokus

Hat Design wahrhaftig so viel Macht auf die Alltagskultur des Menschen? „Ich glaube daran, dass nie die anderen Schuld sind, sondern dass ich in meinem Bereich viel positiv verändern kann, anstatt mich nur zu beschweren. In jedem Projekt empfinde ich eine ausgewogene Verantwortung gegenüber dem Kunden wie auch gegenüber der Gesellschaft.“

Mit diesem Resümée unterstreicht der Architekt, was er schon zu Beginn unseres Gesprächs anklingen ließ, nämlich, dass gutes Design immer eine unerschütterliche innere Haltung des Designers voraussetzt. Wirklich exzellent arbeitet Martin Lesjak aber wohl erst dann, wenn er weder sich noch die Regeln seiner Disziplin als unumstößlich empfindet, sondern sich alles spielerisch als Teil einer ganzheitlichen Lösung einbindet. Ganz im Sinne des „New Holism“ eben.

Architekturbüro Innocad

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