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Mailänder Quartett

Architekten
Mailänder Quartett

Ferrara Palladino e Associati im Portrait

Heike Bering

Cinzia Ferrara ist überzeugt: mit der Lichtplanung hat sie als ausgebildete Architektin ihre Nische gefunden. Und das empfinden Pietro Palladino, der Mitbegründer des Studios ebenso wie die erst kürzlich dazugekommenen Partner Cesare Coppedè und Paolo Spotti. In ‚Ferrara Palladino e Associati‘ bündeln sich nun die Kompetenzen von vier Persönlichkeiten, die auf unterschiedlichen Wegen zum Licht gekommen sind. Während Cinzia Ferrara am Mailänder Polytechnikum Architektur studierte, ließ sich Pietro Palladino in Neapel zum Ingenieur in Elektrotechnik ausbilden. Paolo Spotti ist Industriedesigner und Cesare Coppedè absolvierte ein Architekturstudium in Florenz.
Cinzia Ferrara ist froh über diesen “Reichtum an verschiedenen Ansätzen, die jeder Einzelne in das Studio hineinträgt.” Allen gemeinsam ist eine hohe Affinität zu technischen Themen und das Bestreben, sich für das Thema Licht und für den Umgang mit dieser komplexen Materie in der öffentlichen Wahrnehmung stark zu machen. Schließlich arbeiten sie als freischaffende Lichtplaner an der diffusen Nahtstelle zwischen Architekten und Unternehmen, und es ist ihnen wichtig, das Profil dieser vergleichsweise jungen Disziplin zu schärfen. Cinzia Ferrara ist Vorsitzende des italienischen Lichtplanerverbandes APIL, und Pietro Palladino gilt als einer der profiliertesten Lichtexperten Italiens. Er arbeitet außerdem als Direktor für den technisch-wissenschaftlichen Bereich des Magazins “Luce & Design” und hat verschiedene Fachbücher publiziert.
Das Studio liegt in der Mailänder Zona Tortona in unmittelbarer Nachbarschaft zu bekannten Designstudios und Modeateliers; zu Fuß sind es nur wenige Minuten bis zur Porta Genova. Ihre Kunden kommen vorwiegend aus Italien, aber in jüngster Zeit haben sie auch vermehrt Anfragen aus dem Ausland. Das kommt ihnen entgegen, denn Cinzia Ferrara und Paolo Palladino haben seit 1990 – dem Gründungsjahr des Studios – vorwiegend historische Gebäude in Italien illuminiert. Darunter den Mailänder Dom, die Nekropolis unter dem Petersdom sowie zahlreiche Kirchen und Museen. “Sie müssen sich vor Augen halten, dass wir in Italien eine besondere Situation haben“, erläutert Piero Palladino, “wir haben sehr viel historische, erhaltenswerte Architektur, in die wir nicht eingreifen und auf die wir unserer Lichtkonzept abstimmen müssen.” Er vergleicht seine Tätigkeit mit der eines Pianisten. Die Noten seien meist schon geschrieben, die Partitur läge vor. Nun sei er derjenige, der das Werk interpretiere. Und Cinzia Ferrara ergänzt: “Wenn man im Bestand arbeitet, sind die Gestaltungsspielräume geringer. Die Lichtplanung in moderner, zeitgenössischer Architektur erlaubt dagegen eine größere Freiheit – vor allem, wenn wir in einer frühen Planungsphase hinzugezogen werden.” Unabhängig davon, ob sie eine romanische Basilika oder einen neu gebauten Universitätscampus beleuchten, Ferrara Palladino e Associati verfolgen stets ein bestimmtes Konzept. Ihre Arbeitsweise erinnert an das Vorgehen eines Dokumentarfotografen, der bewusst nicht verfremdet und inszeniert – obwohl das Licht wie kaum eine andere Materie dazu verführt. Bei diesem Thema bringt sich Paolo Spotti ein: “Das Licht hat in unserem Verständnis eine dienende Funktion. Vor allem, wenn es sich um eine bedeutende Architektur handelt. Es ist das Gebäudes selbst, das zum Ausdruck kommen soll!” Paolo Spotti und Cesare Coppedè nehmen wahr, dass in der Lichtplanung häufig eine gegenteilige Auffassung vertreten wird. Gebäude würden in Szene gesetzt wie Konzertsäle und man merke, dass in diesem Bereich viele Planer aus dem Bereich der szenischen Beleuchtung und des Theaters unterwegs seien. “Bei uns in Italien ist man in dieser Hinsicht sehr viel sensibler”, fügen sie hinzu – mit einem kritischen Seitenblick auf europäische Nachbarn oder Länder in Asien. Gibt es ein “gutes” Licht? Und wie lässt sich die Qualität des Lichts beschreiben? Paolo Palladino vertritt die Auffassung: “Es gibt in erster Linie ein angemessenes Licht.”
Ein gutes Lichtkonzept, so viel wird deutlich, lässt sich nur in Relationen bewerten. Wenn eine Beleuchtung nicht angemessen ist, spricht Palladino von “inquinamento luminoso” – was soviel bedeutet wie eine Verunreinigung durch das Licht. Cinzia Ferrara spricht von “gutem” Licht: “Mit gutem Licht entsteht in einem Raum jenes eigenartige, außergewöhnliche Gleichgewicht, das dafür verantwortlich ist, dass wir uns darin wohlfühlen, dass uns der Raum gefällt und dass wir ihn als lebendig oder komfortabel empfinden.” Es sei nicht leicht, das zu beschreiben, doch es gelingt ihr gut; schließlich ist die Reflexion elementarer Bestandteil ihrer Arbeit. “Wir arbeiten intensiv am Detail, um eine angemessene und gute Lichtsprache zu finden”, erläutert die passionierte Lichtgestalterin. Was sie alle gleichermaßen fasziniert, ist die Komplexität ihrer Arbeit als Lichtplaner. Das Studio kooperiert mit Architekten, Planern, Ingenieuren, Elektrikern, Künstlern und Designern, und hinter jedem Projekt steht ein anderes Konzept. Aus langjähriger Erfahrung weiß Cinzia Ferrara: “Wir müssen unseren Horizont maximal weiten, um genau zu erfassen, was unsere Kunden beabsichtigen”. Das sei ein Prozess, der manchmal mehrere Jahre dauern könne. Es sei entscheidend, sich einander anzunähern und schließlich an einem Strang zu ziehen. “Wir haben noch nie einen Kunden verloren und es wurde noch nie ein Projekt abgebrochen”, sagt sie mit einigem Stolz. Das Konzept von Ferrara, Palladino e Associati trägt und hat Erfolg; viele ihrer Projekte sind Bestandteil des öffentlichen Raumes und hochrangige Kultur- oder Sakralbauten.Tadao Ando, der in den verschiedenen Ländern stets mit Projektteams vor Ort arbeitet, hat sich deshalb wohl in Italien für Ferrara, Palladino e Associati entschieden. Ihr erstes gemeinsames Projekt war die Restaurierung des Palazzo Grassi im Jahr 2005; vier Jahre später haben sie gemeinsam das Zentrum für Gegenwartskunst, das ‚Punta della Dogana Contemporary Art Center‘ realisiert, das unter Museumsfachleuten mit über 4500 m2 Ausstellungsfläche, als sensationelle Bühne für Moderne Kunst gefeiert wird (md 4/2010). Anhand dieses Projekts lassen sich zentrale Strategien des Studios erläutern: Es ist der behutsame Umgang mit Tages- und Kunstlicht – wie er auch dem Architekten Tadao Ando wichtig ist – und die permanente Weiterentwicklung ihrer lichttechnischen Kompetenz, um zum Beispiel mit komplexen Lichtsteuerungs- beziehungsweise Gebäudemanagementsystemen umgehen zu können. Zunehmend spielen auch Beleuchtungskonzepte eine Rolle, mit denen sich nennenswert Energie sparen lässt. In der Punta Dogana arbeiten die Planer mit einem Gebäudemanagementsystem, das neben dem Licht sämtliche Funktionen wie Alarm, Akustik, Videoüberwachung und Heizung steuert. Nach Angaben von Pietro Palladino würden damit nur noch 9 Watt pro Quadratmeter verbraucht – anstatt der üblichen 50 Watt.
Der Museumsbesucher schließlich bekommt von der aufwändigen Technik hinter den Kulissen nichts mit. Er bewundert die Ursprünglichkeit der Architektur, die unverputzten Mauern und die naturbelassenen Holzbalken im Wechsel von künstlichem und natürlichem Licht. Technische Apparaturen stören das Gesamtbild ebenso wenig wie die Lichtquellen, die entweder unsichtbar sind oder nur sehr dezent in Erscheinung treten. Verläuft ihre Recherche auf dem Markt nach einer geeigneten Leuchte erfolglos, sind sie auch in der Lage, im Studio ein entsprechendes Produkt zu entwerfen. Im Zusammenhang mit einem Projekt gestalteten sie beispielsweise einen präzisen, geometrischen “Kasten”. Bei Bedarf öffnen sich Klappen und Spots treten heraus. Wird das Licht gelöscht, klappt alles wieder ein und der “Kasten” wirkt wie ein Teil der Architektur. Die Produktentwicklung – oder die Modifikation von Serienleuchten – steht bei Ferrara Palladino e Associati nicht im Vordergrund. Es ist jedoch schon signifikantes Leuchtendesign in ihrem Studio entstanden, das sich nachhaltig einprägt. Das wäre übrigens auch eine Empfehlung für künftige Mailand-Aufenthalte: Einfach mal den Universitäts-campus von Bovisa zu besuchen und unter roten Ferrara-Palladino-Leuchten zu flanieren wie unter den Bäumen einer Allee.

Milanese Quartet
Portrait of Ferrara Palladino e Associati
Cinzia Ferrara is confident that as a trained architect, she has found a professional niche for herself in the planning of lighting installations. This feeling is shared by Pietro Palladino, co-founder of the studio, and Cesare Coppedè and Paolo Spotti, the partners who joined more recently. ‘Ferrara Palladino e Associati’ now groups together the competences of four personalities who have “seen the light” in different ways. Cinzia Ferrara studied architecture at the Milan Polytechnic, whereas Pietro Palladino trained in Naples as an electrical engineer. Paolo Spotti is an industrial designer; Cesare Coppedè studied architecture in Florence.
Cinzia Ferrara is extremely content about the “wealth of different approaches that each of us contributes to the studio.” Common to all four is a strong affinity with technical topics and a desire to increase public awareness of light and for ways of handling this complex material. After all, as freelance lighting planners they operate in the diffuse interface between architects and manufacturers, and it is important for them to sharpen the profile of this comparatively young discipline. Cinzia Ferrara is chairperson of APIL, the Italian association of lighting planners, and Pietro Palladino is regarded as one of the country’s most capable lighting experts. He is also director of the technical and scientific department of the magazine ‘Luce & Design’, and the author of several textbooks.
The partnership’s studio is in Milan’s Zona Tortona, with well-known design studios and fashion houses as its immediate neighbours. The Porta Genova is only a few minutes away on foot. Clients are mainly from Italy, but recently there have been more enquiries from abroad, a welcome development, because since the studio was established in 1990, Cinzia Ferrara and Paolo Palladino have mostly worked on illumination schemes for historic buildings in Italy, including Milan Cathedral, the Necropolis under St. Peter’s in Rome and numerous other churches and museums. “It’s important to realise that we have a special situation in Italy,” Piero Palladino explains. “We have a large number of historic buildings with architecture that’s worth preserving. Since we can’t alter these in any way, we can only modify or lighting concept to suit them.” Palladino compares their activity with that of a pianist, who learns music from scores that have been around for some time. His or her task is simply to interpret them. Cinzia Ferrara agrees: “If you work on existing buildings, your design scope is reduced. Planning the lighting for modern, contemporary architecture gives you greater freedom – we notice this especially if we are brought in at an early stage in the planning process.” Whether they are asked to provide lighting for a Roman basilica or a brand-new university campus, Ferrara Palladino e Associati always adopt a specific concept. Their method of work recalls that of a documentary photograph, who deliberately avoids falsification or theatricality – although few media lend themselves to this more that light. Paolo Spotti has something to add on this subject: “A function of light is to serve, as we see it, and especially where significant architecture is concerned. The building itself should express itself!” Paolo Spotti and Cesare Coppedè realise that an opposing attitude is often taken in lighting planning: buildings are presented like concert auditoriums, and it is all too evident that many planners began their careers in scenic lighting and the theatre. “In Italy this gives rise to a much more sensitive response,” they explain – with a critical side-glance at the European neighbours, but also Asian countries. Is there such a thing as ‘good light’? How can the quality of the lighting be described? Pietro Palladino’s view: “Above all, there is appropriate light!”
One thing is clear: a good lighting concept allows only of relative assessments. If lighting is inappropriate, Palladino speaks of “inquinamento luminoso” – which can be translated as “contamination by light”. Cinzia Ferrara on the subject of ‘good light’: “It gives a room that remarkable, unusual equilibrium that causes us to feel content, to admire our surroundings and to regard them as vital or agreeable.” She admits that this feeling is difficult to describe, but success is on her side after all, since reflections are an elemental constituent of her work. As a passionate lighting designer, she declares: “We work intensively on the details and on finding a good and above all a suitable lighting idiom. All the members of this team of four are fascinated by the complexity of their work as lighting planners. The studio cooperates with architects, planners, engineers, electricians, artists and designers, and there is a different concept underlying every project. From her lengthy experience, Cinzia Ferrara knows: “We have to broaden our horizons as far as possible so that we can register our clients’ intentions accurately.” This, she explains, is a process that sometimes takes several years. The decisive factor is to come closer together and in the end for everyone to pull in the same direction. With a degree of pride she declares: “We have never lost a client or had to abandon a project.” The concept pursued by Ferrara, Palladino e Associati has proved effective and successful: many of their projects relate to the public sphere and concern cultural or religious buildings of high quality. This is surely the reason why Tadao Ando, who always works with local project teams in the countries where he has a commission, has chosen Ferrara, Palladino e Associati in Italy. Their first joint project was the restoration of the Palazzo Grassi in 2005; four years later they joined forces again to work on the ‘Punta della Dogana Contemporary Art Center’ with its 4,500 square metres of exhibition space, which museum and art gallery specialists have widely praised as a sensational theatre for modern art (md 4/2010). This project can serve to explain the studio’s central strategies: careful handling of daylight and artificial light – something to which Tadao Ando as the architect attaches great importance – and ongoing development of its technical competence in the lighting area, for instance the mastery of complex light control and building management systems. Increasing importance is also attached to lighting concepts that save significant amounts of energy. In the Punta Dogana the planners use a building management system that controls not only the lighting but every other function as well: alarm, acoustics, video monitoring and heating. According to Pietro Palladino, power consumption is only nine Watts per square metres, whereas the usual figure is 50 Watts.
Visitors to a museum naturally have no idea of the elaborate technical features at work behind the scenes. They admire the originality of the architecture, the exposed walls and the natural finish of the wooden beams in alternating daylight and artificial light. No technical devices spoil the overall picture, and the light sources are either invisible or extremely restrained. One project features a precise geometrical ‘box’: flaps open when required and spotlights emerge. When the lights are switched off, everything folds back in and the box becomes no more than an element in the overall architecture. Product development or modifications to standard lighting equipment is not in the forefront at Ferrara Palladino e Associati, but impressive designs have none the less emerged from their studio and created a lasting impression. A recommendation for anyone happening to be in Milan in the future: visit the university campus in Bovisa and stroll down an avenue lined with red Ferrara Palladino lamps that take the place of trees extraordinarily well.
We have to broaden our horizons as much as possible so that we can register our clients’ intentions accurately.
We work intensively on the details and on finding a good and above all a suitable lighting idiom.

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