Teppichweberei La Manufacture Cogolin in Frankreich

French Touch

Handgefertigte Teppiche erleben ein Revival. Sie erfüllen die Sehnsucht nach individuellen Einzelstücken und nachhaltigem Luxus. In der Manufaktur von Cogolin in Südfrankreich lässt sich erleben, wie Traditionen zukunftsfähig werden.

Autorin Claudia Simone Hoff

Cogolin, eine 12 000-Einwohner-Stadt nahe Saint-Tropez. Hinter einer unscheinbaren Fassade versteckt sich ein Kleinod: La Manufacture Cogolin. Hier werden seit 1924 Teppiche von Hand gewebt und früher auch geknüpft. Lange sah es so aus, als wenn die Manufaktur nicht überleben würde. Fünf Mitarbeiter versuchten mit knappen finanziellen Mitteln den Betrieb und damit auch die Traditionen aufrechtzuerhalten.

House of Tai Ping übernahm 2010 die Teppichweberei

2010 kam schließlich die Rettung. Aus Hongkong. House of Tai Ping – ein Teppichunternehmen in Privatbesitz – übernahm die Teppichweberei, sanierte die Gebäude und stellte neue Mitarbeiter ein. Um den Umstrukturierungsprozess zu professionalisieren, wandte man sich an den früheren Direktor der Manufaktur, der über die Arbeitsprozesse und Techniken berichtete. Darüber hinaus wurden externe Berater aus der Teppichbranche hinzugezogen.

Die Wiederbelebung von Cogolin kam genau zur richtigen Zeit, denn immer mehr Konsumenten schätzen das Handwerk und sind bereit, Geld dafür auszugeben. „Viele Menschen sind auf der Suche nach Dingen, die nicht überall erhältlich sind“, sagt auch Sarah Henry, Direktorin der Manufaktur. Dass der Teppich gerade jetzt en vogue ist, verwundert nicht. Er ist ein handgemachtes Unikat, das sich absetzt vom Massenproduktionsallerlei. Sein Charme liegt in den sichtbaren Spuren des Herstellungsprozesses, der Unvollkommenheit. Und: Immer mehr Menschen sind in Zeiten von allumfassender Technisierung, Schnelllebigkeit und gefühlter sozialer Kälte auf der Suche nach Wärme, haptischen Erlebnissen und Langlebigkeit.

Was den Reiz eines handgefertigten Teppichs ausmacht, wird bei Cogolin anschaulich vermittelt. In der Weberei stehen dicht aneinandergedrängt hölzerne Jacquard-Webstühle aus dem 19. Jahrhundert. So glamourös die Entwürfe des französischen Labels auch sein mögen, dahinter steckt jede Menge Arbeit.

Teppichweberei La Manufacture Cogolin produziert in Frankreich

Nur wenige Menschen erfüllen die Voraussetzungen für die Teppichweberei, erzählt Sarah Henry beim Gang durch die Produktion. Man darf eine gewisse Körpergröße nicht überschreiten, muss robust und geduldig sein. Mindestens 2,5 m Teppich schafft eine geübte Weberin pro Tag. Doch es ist schwer, Arbeiterinnen zu finden, ergänzt die Manufakturleiterin. Die Bedingungen sind hart: Ehe man einen Teppich mit einem komplizierten Muster weben kann, vergehen manchmal Jahre, das Einstiegsgehalt orientiert sich am französischen Mindestlohn. Einige Mitarbeiterinnen kommen aus Familien, in denen das Webereihandwerk von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Die Arbeitsweise der südfranzösischen Manufaktur unterscheidet sich mit ihrer Produktion vor Ort von Labels wie Jan Kath, Rug Star oder Nanimarquina. Während diese nur das Design entwerfen und die Teppiche dann in Nepal, Indien oder Pakistan fertigen lassen, liegt bei der Teppichweberei am Standort Cogolin der gesamte Gestaltungs- und Herstellungsprozess in einer Hand. „Hier haben wir einen speziellen Stil. Unsere Webteppiche zeichnen sich durch dreidimensionale Webmuster und nahezu unsichtbare Nähte aus“, beschreibt Henry den Cogolin-Code.

Design und Handwerk

Die gewebten Bahnen sind 70 cm breit, werden der Länge nach abgepasst und anschließend in Handarbeit kunstvoll zusammengenäht. Auf dem Dachboden der Teppichweberei befinden sich riesige Musterbücher, in denen Creative Director Jean-Pierre Tortil nach Schätzen stöbert, die wiederaufgelegt werden sollen. Das betrifft etwa Christian Bérards Entwurf ‚Idylle‘ oder die Kollektion ‚Modernistes‘. Sie stammen beide aus den 30er-Jahren und werden in Nepal handgeknüpft.

Daneben beauftragt Tortil externe Designer wie India Mahdavi und Jason Miller, was ganz in der Tradition der Manufaktur steht, die immer schon avantgardistisch war und mit Künstlern wie Jean Cocteau zusammen arbeitete. Die Franzosen fertigen ausschließlich auf Bestellung, sodass jeder Kunde Farben, Materialien und Muster selbst auswählen kann – egal, ob es sich um Einzelstücke handelt oder um Teppiche, die von Wand zu Wand verlegt werden. Der Preis richtet sich nach verschiedenen Parametern – zum Beispiel der Komplexität des Musters – und wird per Meter berechnet.

Nach dem Rundgang durch die Teppichweberei sitzen wir noch im Showroom bei einem französischen Lunch zusammen und unterhalten uns über die Teppichmuster, die in Metallkörben hängen. Wir sind uns einig: Ein Teppich von Cogolin überzeugt durch Traditionen und Handwerkstechniken. Er kann Designobjekt oder Kunst sein. Er erzählt Geschichten aus der Vergangenheit und dem Hier und Jetzt. Er ist so aussagekräftig, dass man ihn nie wieder hergeben will.

Das Interview mit Sarah Henry, Direktorin der Manufaktur finden Sie hier