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Raum und Material

Metamorphosen durch Spiegel

Das Spiel mit Vervielfältigung, optischer Täuschung und Erweiterung eines Raumes durch Spiegel ist seit den fürstlichen Spiegelsälen des Barock bekannt. Waren Spiegel zu dieser Zeit auf technischer Ebene noch eine Herausforderung, kann man heute auf zahlreiche Arten industriell hergestellter Spiegel zugreifen.

Autorin Christiane Sauer

Verspiegeltes Objekt wirkt magisch

Zumeist wird hierfür poliertes Glas mit einer metallischen, reflektierenden Schicht – meist Aluminium oder Silber – versehen und gegen Korrosion mit einer Lackschicht geschützt. Für Bereiche, die im Außenbereich liegen oder Vandalismus gefährdet sind, lässt sich auch Edelstahl spiegelnd polieren, was eine bruchsichere Variante darstellt.

Ein verspiegeltes Objekt hat etwas Magisches, es verschwindet nahezu und wird entmaterialisiert. Es reflektiert seine Umgebung je nach Geometrie der Spiegeloberfläche entweder als exaktes Abbild oder in verzerrter oder facettierter Form. Diese Phänomene scheinen derzeit vielfach neu interpretiert zu werden, sie finden sich in mehreren kürzlich fertig gestellten Projekten.

Würfel aus Spiegelglas von Tham & Videgård Arkitekter

Mit der Dialektik zwischen perfekter Geometrie und wild gewachsener Natur spielt die verspiegelte “Wohnbox” des 2010 im Norden Schwedens fertig gestellten ‚Treehotels‘ von Tham & Videgård Arkitekter. Ein exakter Würfel aus Spiegelglas dient als Übernachtungsraum mitten in der Wildnis. Er passt sich durch seine reflektierende Oberfläche perfekt in die Umgebung ein und verschwindet wie unter einem Tarnvorhang.

Um der Natur keinen Schaden zuzufügen, ist die Tragstruktur mit Zugringen um den Baumstamm verankert, der hierfür nicht durchbohrt wurde und nach statischen Berechnungen bis zum Vierfachen der Box tragen könnte. Das auf die Aluminiumtragkonstruktion geklebte Spiegelglas ist zusätzlich mit einer transparenten, ultravioletten Schicht versehen, die von Vögeln als Hindernis wahrgenommen wird und sie davor bewahrt, gegen die Scheiben zu fliegen.

Stallgebäude dank Spiegel wieder ganzheitlich

Symmetrie und Mehrdeutigkeit zugleich erzeugt die spiegelnde Wand im Entwurf des schwedischen Architekturbüros Elding Oscarson für das Design Consulting Büro No Picnic. Ein ehemaliges Stallgebäude aus dem 19. Jahrhundert wurde 2011 in einen zeitgemäßen Büroraum umgewandelt. Eine unter Bestandsschutz stehende Galerieebene teilt die große Halle der Länge nach und halbiert so den eigentlich großzügigen Raum.

Um den ursprünglichen Gesamtraumeindruck wiederherzustellen, nutzten die Architekten den optischen Effekt, dass sich ein halbes Objekt im Spiegel wieder zu einem Ganzen zusammensetzt. Eine verspiegelte Aluminiumwand wurde über die gesamte Länge eingezogen und schafft Raum für abgeschlossene Besprechungsräume im Erdgeschoss. Die flache Wand erhält eine zusätzliche Zweideutigkeit und Tiefe durch Fenster in der Spiegelfläche, die den Einblick in den Raum dahinter freigeben. Die Oberfläche ist komplett plan detailliert, dadurch ergibt sich ein perfekter „trompe l’oeil“, ein Täuschungseffekt, der mit der räumlichen Wahrnehmung spielt.

Keramischer Druck auf Glasoberfläche

Die funktionale Notwendigkeit eines Spiegels im Tanzstudio interpretiert der japanische Architekt Yoshimasa Tsutsumi auf überraschende Art um. Er entwarf einen verspiegelten Raum, der wie in Nebel eingehüllt scheint und dessen Boden dadurch zum prägenden Element wird. Die Holzfläche aus Tigerwood, auf der sich der Tänzer bewegt, erscheint unendlich groß, der Raum darum herum verschwimmt im Nichts.

Um diesen Eindruck zu erreichen, wurde die Spiegeloberfläche mit einem Punkteraster im Verlauf versehen, das als keramischer Druck auf die Glasoberfläche aufgebracht wurde. Diese sehr kratzfeste Beschichtung wird bei 600°C auf der Oberfläche dauerhaft eingebrannt und eignet sich auch für Außenanwendungen.

Raumkrümmung ins Unendliche spiegeln

Einen Raum der Erinnerung kreierte das junge Architekturbüro Filter aus Sarajevo mittels Spiegeln für eine Ausstellung zur mittelalterlichen Geschichte Bosniens und Herzegovinas. Der Raum ist Teil eines dieses Jahr eröffneten Themenparks in Zenica und besteht aus einer partiell unterirdisch gebauten, begehbaren Spirale. Geschichte wird als Serie von Ursache und Wirkung interpretiert und in einen gekrümmten, endlos scheinenden Raum übersetzt, der mit Spiegelflächen ausgekleidet ist, die sich durch die Raumkrümmung ins Unendliche spiegeln.

Spiegelnde Oberflächen als Materialkonzept

Der Besucher wird Teil der Inszenierung und tritt in einen unmittelbaren Dialog mit dem Raum und den Ausstellungsobjekten. Sei es also der Tarnkappen-Effekt, die perfekte Symmetrie oder die Erweiterung von Raum ins Unendliche: Spiegelnde Oberflächen als Materialkonzept vereinen Minimalismus und Mehrdeutigkeit in einer Weise, die den Geist unserer Zeit ganz im Sinne des Wortes widerzuspiegeln scheint.

Tham & Videgård Arkitekter, Stockholm/S, info@tvark.se

Elding Oscarson, Stockholm/S, johan@eldingoscarson.com

Yoshimasa Tsutsumi,Beijing/CNFILTER Architecture, Sarajevo/BA, info@filter.ba

Weitere Materialentwicklungen und -anwendungen finden Sie hier


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