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Raum und Material

Super Use löst Re-Use ab

Ein Haus aus 60 Prozent wiederverwerteten Materialien: Re-Use oder Super-Use in der Villa Welpeloo, Enschede/NL

Autorin Christiane Sauer

Recycling als Methode hat als Konzept inzwischen auch in der Materialindustrie Fuß gefasst: Umweltverträgliche Produkte herzustellen, indem man sie nach ihrem Gebrauch so aufbereitet, dass sie einem erneutem Einsatzzweck zugeführt werden können: Re-Use. Was aber, wenn man ein ganzes Gebäude aus wiederverwerteten Komponenten bauen möchte. Lässt sich dies umsetzen? Das Büro 2012Architecten aus Rotterdam hat sich dieses Ziel für ein Privathaus im holländischen Enschede gesetzt.

Re-Use wird von Super-Use abgelöst

Die Architekten entwickelten hierzu eine Methode, auf lokaler Ebene Kreisläufe von Verwendung und Wiederverwendung – von “Use” und “Re-Use” – in Gang zu setzen, anstatt Ressourcen über global gesteuerte Marktkreisläufe und Transportwege zu beziehen. Dieser Prozess des Re-Use, sieht eine erneute Nutzung bereits existierender Bauteile vor und bringt eine neue Herangehensweise an den Entwurfsprozess mit sich.

Am Anfang steht nicht eine fixierte Gestaltungsidee, sondern ein Rechercheprozess, bei dem zunächst geeignete Ressourcen, Bauprodukte und Materialien in unmittelbarer Umgebung des Bauplatzes – etwa im Umkreis von 20 km – identifiziert und als mögliche Materialquellen in eine sogenannte “Harvest Map” eingetragen werden.

Materialien im neuen Kontext

Die ausgemusterten “Abfall”-Produkte können so einer neuen Verwendung zugeführt werden, wobei die Transportkosten und damit verbundene Emissionen minimiert werden. Werden die Materialien über den Re-Use hinaus in einen neuen Kontext gebracht, bezeichnen die Architekten dieses mit dem Recycling-Superlativ “Super-Use”. Die vorgesehene Nutzung der Materialien wird dabei schlichtweg uminterpretiert. So verwendeten sie in früheren Projekten Autowindschutzscheiben als Regale für einen Schuhladen oder ausgediente Waschmaschinen zur Konstruktion einer Bar.

Im Fall der ‚Villa Welpeloo‘ stieß das Rechercheteam auf eine stillgelegte Textilmaschine und ausgemusterte Kabeltrommeln, die zu Bestandteilen des Gebäudes wurden. Die rund zwanzig Jahre alte Maschine zur Herstellung von Textilien hatte die Abmessungen von 4,5 x 10 x 6 Metern und bestand aus Stahlprofilen. Diese wurden für den neuen Einsatzzweck separiert, mit Kopfplatten versehen und zu einer neuen Konstruktion zusammengesetzt, die nun das Traggerüst des Hauses bildet.

Ausgemusterte Kabeltrommeln liefern das Material für die Fassade

Zur Konstruktion wurde vor Ort eine gebrauchte Hebeplattform mit Scherenlift eingesetzt, die nach dem Bauprozess im Haus verblieb. Die Vorrichtung befindet sich nun eingebaut unter einem Podest im Durchgang zwischen Eingangshalle und Küche. Im Bedarfsfall kann sie zum Transport von Möbeln oder schweren Gegenständen zwischen den Stockwerken ausgefahren werden.

Mit einem zusätzlichen Geländer versehen, kann der ehemalige Baulift auch zu einem gesicherten Personenlift umgebaut werden, sollten die Bewohner im Alter Schwierigkeiten mit dem Treppensteigen bekommen.

Das Material für die Fassade lieferten ausgemusterte Kabeltrommeln einer nahe gelegenen Kabelfabrik: Die im Kern der Trommel liegenden Achsbretter sind auch bei gebrauchten Trommeln in meist gutem Zustand, da sie vor äußeren mechanischen Beschädigungen weitgehend geschützt sind. Tausend zerlegte Trommeln lieferten das Material für die Fassade und die Verkleidung einiger Innenwände. Die Detaillierung orientiert sich hierbei an den vorgegebenen Abmessungen des Materials. Auch der Großteil der Polystyrol-Isolierung wurde aus bestehenden Gebäuden und aus Verschnitten von Dämmmaterial einer Wohnwagenfirma gewonnen.

Großformatige Baustellentafeln werden zu Küchenmöbeln

Im Hausinneren bildet eine zentrale Halle den Mittelpunkt. Die Bauherrschaft stellt hier Teile ihrer Kunstsammlung aus. Die lichtdurchfluteten Räume können durch Vorhänge, die aus Aluminiumfolie gewebt sind, vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt werden; auch dies ein kostengünstiges, industrielles Material, das vornehmlich in holländischen Gewächshäusern eingesetzt wird. Spezielle Wandleuchten, die die Kunstwerke illuminieren, wurden von Designer Stefan Lehner (Studio En-Fer), aus alten Regenschirmgestellen gefertigt.

Auf den zweiten Blick offenbaren auch die Einbauschränke und Küchenmöbel ihre Vergangenheit. Sie waren großformatige Baustellentafeln aus wasserfestem Schichtholz, bevor sie zur Ausstattung des Hauses wurden. Öffnet man eine der Küchenschubladen, erscheinen im Inneren die Spuren der ehemaligen Nutzung.

Auch im Bad, das geradlinig und homogen gestaltet ist, findet sich ein spezielles Recycling-Material. Gebrauchte Kunststoff-Kaffeebecher wurden eingeschmolzen und zu wasserfesten Ausbauplatten verpresst, die eine samtige, angenehm haptische Oberfläche besitzen.

60 Prozent des Gebäudes aus direkt wiederverwerteten Materialien

Insgesamt gelang es den Architekten, durch ihre Strategie rund 60 Prozent des Gebäudes aus direkt wiederverwerteten Materialien herzustellen – von der Konstruktion bis zu den Einbauten. Das Konzept ist nicht nur ökologisch erfolgreich, auch gestalterisch ist es ein anspruchsvolles Gebäude, das durch den Kontrast der klaren Geometrie und lichtdurchfluteten Räume mit den patinierten Oberflächen eine ganz besondere Spannung erhält. Ein Haus, das seine Geschichte in architektonischen “Anekdoten” bewahrt.

2012Architecten, Rotterdam/NL

Fotos: Allard van der Hoek (AH), 2012Architecten (2A)

Weitere Materialentwicklungen und -anwendungen finden Sie hier

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