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Samira Boon über textile Architektur

Samira Boon

Bis zu 8 mal 3 Meter messen die Skulpturen, mit denen Samira Boon Räume aufteilt, Licht lenkt und Akustik reguliert. Ein Gespräch über das Potenzial von textiler Architektur.

Autorin Johanna Neves Pimenta

Sie sagen, Textilien seien die Zukunft der Architektur. Warum?

Samira Boon: Wir glauben, dass sie die Architektur viel dynamischer machen. Sie können sich unterschiedlichen Umständen anpassen, beispielsweise, wenn man in kurzer Zeit kleine Räume in große integrieren will. Das macht sie in ökonomischer und ökologischer Hinsicht interessant.

Nun beginnen Sie, auch an Smart Textiles zu forschen. Was reizt Sie daran?

Samira Boon: Unsere Arbeit hat zwei Grundwerte: Der eine ist die Funktion, der andere die emotionale Bindung, die der Nutzer aufbaut. Letztere entsteht, wenn die Architektur, die Umgebung, lebt und auf einen reagiert. Um das zu erreichen, braucht man aber kein Hightech.

Nehmen wir beispielsweise japanische Tempel. Man kann den gesamten Innenraum und das Verhältnis zwischen innen und außen mit Schiebetüren verändern. Das ist für uns der Inbegriff einer smarten Lösung. Auch die smarten Textilien, an denen wir arbeiten, werden auf ihre Umgebung und die Nutzer reagieren. Wir wollen sie so verständlich wie möglich gestalten: Umso simpler etwas ist, desto smarter kann es sein.

Gilt das auch für Ihren ‚Interactive Elevator‘, dessen Textilwände auf die Körperwärme der Passagiere reagieren, indem sie die Farbe ändern?

Samira Boon: Bei dem Projekt hat uns inspiriert, dass wir uns unserer Handlungsweisen und Körpereigenschaften gar nicht so bewusst sind. In einem Fahrstuhl steht automatisch jeder an der Wand, egal, wie viel Platz ist. Und obwohl jeder ein vages Bewusstsein für die Individualität seiner Fingerabdrücke hat, nimmt kaum jemand seine eigene Körpertemperatur wahr. Ich denke, es ist spannend, mit Verhaltensmustern zu spielen und Menschen ihre Eigenschaften aufzuzeigen.

Wie haben Sie das Textil dafür entwickelt?

Samira Boon: Mit Recherche, das ist unsere Spezialität. Wir haben dafür ein hitzeempfindliches Garn gefunden.

Forschen Sie auch?

Samira Boon: Wir arbeiten viel mit Universitäten zusammen, etwa mit Professor Tomohiro Tachi aus Tokio, der Experte für mathematische Origami-Modelle ist. Für ihn ist es faszinierend, zu sehen, wie in Zusammenarbeit mit uns und dem TextielLab Tilburg die computergenerierten Strukturen zu Textilien werden. Ein anderes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der Hochschule Amsterdam. Wir haben zwei Biokomposite aus alten Jeans und Kaffeesack-Jute entwickelt und ihnen bei nur 4 mm Stärke durch Origami-Faltungen Steifheit gegeben.

Noch arbeiten Sie vor allem mit Textilien, in die Faltstrukturen eingewebt sind. Wie haben Sie das Origami-Prinzip für sich entdeckt?

Samira Boon: Nach meinem Architekturstudium in den Niederlanden durfte ich ein Stipendium in Japan absolvieren und habe dort traditionelle Handwerkstechniken, wie etwa Origami, entdeckt. Was mich daran reizt, ist die Technik: Wie man aus einem flachen Blatt oder Stück Stoff durch wenige Falten eine selbsttragende Struktur generieren kann, oder wie man etwas, das kompakt war, riesengroß öffnen kann. Das ist für Orte mit begrenztem Stauraum extrem attraktiv. Zudem spielt eine dreidimensionale Oberfläche konstant mit der Wahrnehmung des Nutzers.

Und was ist an Ihren Anwendungen so besonders?

Samira Boon: Es hat einige Jahre gedauert, bis es uns möglich war, solche Strukturen zu weben. Besonders schwierig war das Upscaling von kleinen zu großen Formaten. Mittlerweile können wir schon im Vorfeld digital Textilien simulieren und Garne aussuchen, das Weben erfolgt automatisch. Sonst wären so große Skulpturen wie unsere auch gar nicht möglich.

Wie ergänzen sich Faltungen und moderne Technologien?

Samira Boon: Nehmen wir die ‚Archi Folds‘, Textilien mit eingewebter Origami-Struktur. Indem man den Faltwinkel geringfügig ändert, kann man Sonne durchlassen oder blockieren. Wir wollen im Rahmen unseres Smart Textiles Forschungsprojekts ‚Archi Folds 2.0‘ kleine Sensoren integrieren, die Sonnenlicht erkennen und entsprechend der Wünsche des Nutzers reagieren, um das Raumklima zu regulieren. Auf lange Sicht wäre es zudem reizvoll, auszuloten, ob die Faltstruktur sich auch eignet, um Energie zu gewinnen.

Haben Sie ein Lieblingsgarn, mit dem Sie arbeiten?

Samira Boon: Da wir immer Einzelanfertigungen machen, komponieren wir das Textil jedes Mal neu. Für ein akustisch wirksames Gewebe würden wir dichtere Garne nutzen als für eine Leichtbaustruktur, die die Sonne abschirmen soll. Darum gibt es nicht das eine Garn oder Webmuster. Grundlage sind aber immer die Sicherheitsanforderungen an die Garne. Das ist auch der große Unterschied zum Textildesign.

Wie werden Sie Anforderungen wie dem Brandschutz gerecht?

Samira Boon: Wir arbeiten mit zertifizierten Garnen und lassen unsere Textilien testen. Dahingehend besonders herausfordernd war ein Projekt für den Flughafen Schiphol. Während man in anderen Projekten Textilien vor Ort behandeln kann, ist der Flughafen ja 24 Stunden in Betrieb. Dass es uns trotzdem gelungen ist, die strikten Anforderungen zu erfüllen, hat uns extrem stolz gemacht: Auch für die Betreiber war es ja das erste Mal, dass sie mit Textilien gearbeitet haben.

Auch renommierte Studios wie UN Studio, Droog oder Next Architects ziehen Sie bei Textilfragen heran. Was ist dort Ihre Aufgabe?

Samira Boon: Wenn Architekten auf uns zukommen, haben sie meist spezifische Fragen. Beim ersten Meeting sprechen wir jedoch neben der technischen Umsetzung vor allem über die Visionen. Mit UN Studio arbeiten wir beispielsweise an einem Pavillon. Für dynamische Architekturen eignen sich unsere Textilien ideal.

Und wie halten Sie mit dem raschen technischen Fortschritt mit?

Samira Boon: Zum einen besuchen wir viele Messen. Zum anderen legen wir Wert darauf, nicht in den Beschränkungen der Maschinen zu denken. Wir fragen uns immer: Wenn wir träumen würden, wie würde das Textil aussehen?

Ist das auch Ihr Weg beim Smart Textiles Projekt?

Samira Boon: Ja. Wir wissen noch nicht viel über die Sensoren, also beginnen wir mit Wissensgewinn. Dann testen wir mit kleinen Machbarkeitsstudien, was möglich ist, und stecken uns neue Ziele. Anzufangen, Modelle zu bauen, ist immer ein aufregender und toller Moment. Manches geht schief, aber das führt immer dazu, dass wir Neues entdecken.

Und was ist für Sie der herausforderndste Teil der Arbeit?

Samira Boon: Zu wissen, was fürs Upscaling nötig ist. Und während all der Änderungen, die während eines Projektes geschehen, nahe an der Ursprungsvision zu bleiben: Gesunde Umgebungen zu schaffen, die flexibel sind, dynamisch und taktil, die anregen und alle Sinne ansprechen. Das ist ein Traum, den wir mit unseren Kunden teilen – etwas zu erschaffen, das für jeden Beteiligten Wert hat.

Weitere Interviews finden Sie hier


Samira Boon

Der gelernten Architektin Samira Boon gelang es, Origami-Prinzipien in Webstrukturen zu übertragen und so funktionale Textilskulpturen zu erschaffen. Ihre Arbeiten findet man in Theatern, Banken und Flughäfen.

Webseite der Architektin

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